Die Sieger im Urheberrechtskrieg

Urs Gasser und John Palfrey haben die „Generation Internet“ untersucht – und plädieren für ein innovatives Urheberrecht
dirk-vongehlen

Professor Gasser, Sie haben ein Buch über die „Generation Internet“ geschrieben. Warum? Wir wollen dazu beitragen, die Wissenskluft zu schließen, die die Digitalisierung geschaffen hat. Wir haben auf der einen Seite die so genannten Digital Immigrants und auf der anderen Seite diejenigen, die in die digitale Welt hineingeboren wurden, die Digital Natives. Uns geht es zunächst darum zu beschreiben, was in diesem digitalen Raum geschieht. Und im zweiten Schritt benennen wir Probleme, die wir sehen.

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Illustration: Julia Schubert

Eines der Probleme sind Urheberrechtsverletzungen. Können Sie jene Menschen verstehen, die sagen: Wenn es so weiter geht mit der Kostenlos-Kultur im Internet, haben wir in zehn Jahren keine Musik mehr, weil niemand mehr Songs produzieren will? Ich habe nur beschränkt Verständnis für solche Aussagen. Wenn sie von der Musikindustrie kommen, kann ich nachvollziehen, worauf sie beruhen. Ich teile diese Sorge in dieser Form aber nicht, denn man sollte sich genau anschauen, was hier eigentlich passiert. Was passiert denn? Es geht um drei Komponenten: Einerseits geht es um die technologische Innovation der Digitalisierung. Dabei hat das Kopieren eine grundlegende Bedeutung. Computer funktionieren nur auf Basis von Kopien. Zudem sind die Transaktionskosten für Kopien massiv gesunken und die Kopien sind nahezu perfekt. Was ist die zweite Komponente? Dabei handelt es sich um ein soziales Phänomen: Das Internet hat in der Art, wie es genutzt wird, eine Norm des Teilens entfacht, die gesellschaftlich auch sanktioniert ist. Wir lehren unseren Kindern ja auch, dass sie teilen sollen. Denn das Teilen gilt als etwas Gutes. Und im Internet ist es technisch sogar noch sehr viel einfacher. Wenn ich einem Freund einen Song kopiere, hat er ihn und ich habe ihn auch. Das stärkt also die Form des Teilens und das ist zunächst erstmal etwas Gutes. Denn dabei geht es nicht nur um urheberrechtlich geschützte Werke, es geht auch um persönliche Informationen in sozialen Netzwerken. Es ist einfach die Norm des Internet, dass man Informationen austauscht, sich mitteilt und teilhaben lässt. Und die dritte Komponente? Neue neurobiologische Untersuchungen zeigen, dass physisches Eigentum wie ein Fahrrad in unseren Hirnen anders behandelt wird als die Idee vom geistigen Eigentum. Das sollte man bedenken, wenn man die Nutzung von Tauschbörsen mit dem Diebstahl in einem Geschäft vergleicht: Diese Analogie funktioniert schon auf neurobiologischer Ebene nicht richtig. Und wenn man diese drei Komponenten zusammen nimmt, versteht man die unglaubliche Wucht, mit der es zu großflächigen Urheberrechtsverletzungen kommt. Sie sprechen von einem Urheberrechtskrieg. Wer steht sich da gegenüber? Auf der einen Seite die Digital Natives, die mit dieser Technologie des Internet und des Filesharings groß geworden sind und ganz intensiv die sozialen Normen teilen. Auf der anderen Seite steht die Industrie, die ihre Geschäftsmodelle bedroht sehen. Und die Künstler? Ich glaube, die stehen irgendwo in der Mitte. Denn wenn man sich die ökonomischen Bedingungen heute ansieht, kann man das klassische Bild des Urhebers, der in seinem Kämmerchen einen Song komponiert, nicht gleichsetzen, mit der Industrie, die die Rechte vermarktet. Wie wird dieser Urheberrechtskrieg ausgehen? Wird man das Filesharing mittels Strafen einschränken können? Meine Prognose ist: Nein. Ich kann das nicht im Einzelnen beweisen, aber ich glaube man sieht Vorboten: Die bisherigen Strategien, die auf das Verbieten von Technologien setzten, auf die strafrechtliche Verfolgung von Filesharern und die Lobbyarbeit für schärfere Gesetze, hatten keine Erfolge. Denn die Effekte aufs Filesharing sind minimal. Es ist empirisch sogar sehr umstritten, ob es überhaupt Effekte gibt. Das heißt, die Digital Natives werden den Krieg gewinnen? Alles spricht dafür. Man sieht, wie die Industrie nach langem Kampf jetzt versucht, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln und auf die Menschen, die ja letztlich Kunden sind, zuzugehen. Was heißt das fürs Urheberrecht? Die Antwort auf dieses Phänomen muss Innovation heißen, wir müssen also neue Lösungen finden, wie wir den Interessenausgleich zwischen Urhebern und Nutzern unter den neuen Bedingungen der Digitalisierung aushandeln können. Was heißt das konkret? Man kann feststellen, dass neue Formen der Kulturproduktion im Cyberspace entstehen. Wir sehen sehr viel Kreativität von Nutzern, das ist ein tolles Phänomen, wo sehr viel Neues entsteht. Und das Recht kann diese Kreativität unterstützen – z.B. durch neue Lizenzformen wie Creative Commons. Das Recht könnte aber auch reglementierend eingesetzt werden, in Form eines verschärften Urheberrechts . . . Ich glaube, das wäre falsch. Kreativität hat immer schon damit zu tun gehabt, dass man sich von bestehenden Werken inspirieren lässt. Man sieht das beispielsweise bei Shakespeare, der sich stark hat inspirieren lassen und im Prinzip auch Mashups gemacht hat. Wenn man jetzt aber das Urheberrecht weiter verschärft, wird es für den Nutzer zu riskant, überhaupt noch kreativ tätig zu sein. Würden Sie also sagen, eine Verschärfung des Urheberrechts könnte viel schlimmere Folgen nach sich ziehen als die Piraterie? Wenn man es auf die Entwicklung von Kreativität im digitalen Zeitalter bezieht, kann man das durchaus so sehen. Ja, es hat einen Kern Wahrheit. Viel mehr zum Thema Urheberrecht gibt es hier in der Übersicht.

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