Die Slacktivisten gehen mit ihrem Protest den bequemen Weg

Macht man es sich zu einfach, wenn man sich nur im Internet für eine politische Sache engagiert? Ja, sagt Christina Waechter
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In der Berichterstattung rund um die Wikileaks-Veröffentlichungen tauchen immer wieder zwei sich widersprechende Begriffe auf. Mit diesen Begriffen sollen die Aktivitäten derjenigen beschrieben werden, die sich für die Publikationsfreiheit der Plattform von Julian Assange einsetzen. Einerseits werden sie als politisch aktive Hacker beschrieben, als so genannte Hacktivisten. Andererseits bezeichnet man sie als Slacker, deren Engagement nur vorgeschoben ist, also als Slacktivisten. Welche Bezeichnung ist die richtige? In der jetzt.de-Redaktion gibt es zu der Frage zwei Meinungen. Im nachfolgenden Text liest du, warum Online-Engagement wohlfeil ist. In der Gegenrede erklärt Dirk von Gehlen, warum es Sinn ergibt, sich online zu engagieren.

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Illustration: Julia Schubert


Das Internet ist für vieles gut. Man kann mit seiner Hilfe bequem einkaufen, sich über jedes abseitige Thema informieren oder sich mit Hilfe eines Mausklicks zum politischen Meinungsführer stilisieren. Zumindest, wenn man den Slacktivisten da draußen glauben mag, die sich zu politischen Aktivisten erklären, nur weil sie meinen, einen politischen Zusammenhang kapiert zu haben und daraufhin einen Mausklick tätigen. Vielleicht hat alles damit angefangen, dass uns jemand vor einiger Zeit erzählt hat, dass wir mit unseren Handlungen etwas bewirken. Auf den Einkauf bei einem Discounter zu verzichten, weil der darauf verzichtet, seine Mitarbeiter fair zu behandeln, wurde auf einmal zur politischen Tat. Dieses gute Gefühl des Engagements war sehr viel weniger ermüdend, als tatsächlich aktiv zu werden im Sinne von: Briefe schreiben, sich in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen, auf die Straße zu gehen, sich also im alt hergebrachten Sinn zu engagieren. Die Slacktivisten, die ihr politisches und gesellschaftliches Engagement komplett von der Realität abgekoppelt haben, sind da eigentlich nur die noch bequemere Entwicklung des mündigen Konsumenten. Und sie setzen noch einen drauf: Sie ziehen sich in die Anonymität zurück und erklären diesen Schachzug zum politischen Statement. Gleichzeitig sorgen sie dank der medialen Möglichkeiten des Netzes für die maximale Aufmerksamkeit für ihr Tun. Ihre große Stunde scheint im Streit um Wikileaks gekommen zu sein. Nehmen wir nur den deutschen Blogger, der medienwirksam verkündet, darauf zu verzichten, seinen Weihnachtseinkauf bei Amazon zu tätigen. Das Internetkaufhaus verdient sein Geld auch damit, Serverplatz zu vermieten unter anderem an Wikileaks. Vor wenigen Wochen aber kündigte Amazon die Geschäftsbeziehung, was besagten Journalist so erzürnte, dass er die Website boykottierte. Er verkündete die wohlfeile Aktion in alle medialen Rohre. Nach diesem Schema verlaufen sämtliche Charity- oder Protest-Aktionen auf Twitter oder Facebook. Wer für den guten Zweck sein Profilbild verändert, wer auf Twitter gegen Stuttgart 21 protestiert, signalisiert der Welt, wie sehr er sich einsetzt, während ihn der Einsatz in Wahrheit nichts kostet. Das Problem, das uns droht, ist die Wahllosigkeit und Unberechenbarkeit der Slacktivisten. Denn auch wenn sie keinen Schritt vor die Tür tun müssen, können Hacker-Aktionen wie die der 4chan- und Anonymus-Gruppen massiven Schaden anrichten. Kaum war bekannt, dass Mastercard die Geschäfts-Beziehungen zu Wikileaks eingestellt hatte, wurde die Website lahmgelegt. Und nur weil ein Journalist auf einer Website des Gawker-Medienimperiums in den USA darüber geschrieben hatte, dass die Anonymus-Hacker nach seinem Informationsstand in Wahrheit 16-jährige Nullchecker ohne jeden technischen Verstand oder politisches Bewusstsein seien, wurden in der Nacht nach der Veröffentlichung des Textes die Gawker-Datenbanken gehackt. Die Zugangsdaten von Millionen Usern wurden öffentlich. Just for the LULZ machen es die Anarcho-4chan-User, einfach nur zum Spaß. Die Mühe, die politischen Zusammenhänge zu durchdringen, machen sie sich nicht. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die bewährte Dynamik von Internet-Diskursen auch in diesem Fall zeigt: Wenn zu viel Einigkeit herrscht, kippt die Stimmung ins andere Extrem um und der Held von gerade eben wird zum unsympathischen Besserwisser. Im konkreten Fall würde das bedeuten: Die Feindbilder von heute könnten die Underdogs von morgen werden und die Helden von heute zum enervierenden Besserwisser von morgen.


Text: christina-waechter - Illustration: Alper Özer

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