Die Speicher-Erweiterung: warum Menschen ihr Leben einlagern

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Die Idee kommt aus Amerika, jetzt ist sie auch in Deutschland auf dem Vormarsch: So genannte „Selfstorage“-Firmen bieten Lagerraum auf Zeit an – einen Quadratmeter oder 100, für einen Tag oder eine Woche. Welche Geschichten erzählen die Menschen, die dort Besitz lagern?

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Nicolette Fung, 37: Asien, Wiesbaden, München Eine richtige Wohnung habe ich in Deutschland gar nicht. Ich verbringe 80 Prozent meiner Zeit in Asien und kann mir hier eine eigene Wohnung nicht leisten. Es würde auch keinen Sinn machen, denn vielleicht gehe ich wieder nach Asien zurück. Ich bin nämlich gebürtige Chinesin und habe lange Jahre in Malaysia und Australien gelebt. Nach Deutschland bin ich vor sechs Jahren wegen meines Mannes gezogen, aber leider ist unsere Ehe mittlerweile geschieden. Pendeln muss ich, weil ich derzeit für eine deutsche Fondsgesellschaft arbeite, bei der ich für die asiatischen Investoren zuständig bin. Eigentlich bin ich Psychologin, aber in Deutschland kann ich nicht praktizieren, weil meine Deutschkenntnisse nicht gut genug sind. Ich habe in Wiesbaden ein sehr kleines Appartement, in dem ich nur schlafe und kaum etwas Platz hat. Das ist echt ein Problem, denn ich habe viele Vasen, Ölbilder und schöne alte Möbel aus Teakholz. Das sind übrigens typische chinesische Möbel: Groß und schlecht auseinanderzubauen. Also nicht so praktisch wie die Sachen von Ikea, aber dafür sind sie wertvoll. An ihnen hängt mein Herz, denn ich habe sie von meinen Eltern geerbt und sie sind schon 100 Jahre alt. Die dürfen natürlich nicht feucht gelagert werden und das ist auch der Grund, warum ich in München meine Sachen auf Zeit lagere. Mittlerweile habe ich in meinem Lager sogar meine chinesische Medizin untergebracht: Also meinen Tee, meine Kräuter und meine getrockneten Pflanzen. Selbst Weinflaschen kann man hier gut unterbringen, wie ich festgestellt habe. Die Temperatur ist dort einfach ideal. So gesehen ist mein Lager schon fast so was wie eine Wohnung.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Katharina Hierl, 19: Die erste eigene Wohnung Ich bin seit sechs Wochen im Umzugsstress. Bisher habe ich bei meiner Mama in Nymphenburg gewohnt und bin gerade in meine erste eigene Wohnung nach Schwabing gezogen. Doch vor drei Wochen hatte ich ein echtes Problem: Ich konnte noch nicht einziehen, obwohl der Zeitpunkt fest ausgemacht war. Weil der Boden nicht in Ordnung war, mussten erst neue Fließen verlegt werden. Meine neuen Möbel habe ich aber schon geliefert bekommen und ich wusste nicht, wohin mit ihnen, denn bei meiner Mama war kein Platz. Wir haben überlegt, ob wir das Zeug nicht in der Garage unterbringen können, aber das war mir zu unsicher. Dann habe ich in der Zeitung eine Anzeige von einer Selfstorage-Firma gelesen. Genial fand ich dabei, dass man auf ganz wenig Quadratmeter viel einlagern kann, weil die Räume sehr hoch sind. Für drei Wochen habe ich dort eine Couch, Bilderrahmen, einen Schrank, Stühle und zig Kartons untergebracht. Jetzt habe ich alles wieder ausgeräumt, weil ich endlich umgezogen bin. Das war noch mal stressig, weil ich mit meinen Freunden die Möbel in den dritten Stock schleppen musste. Ich bin echt froh, dass ich das jetzt alles hinter mir habe. In dem ganzen Stress habe ich mir zwar eine Erkältung eingefangen, aber das verkraftete ich auch noch.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Gabriele Reutter, 28: Kein Platz für Familienerbstücke Mein Uropa hat in seiner Freizeit Sachen aus Holz gebaut. Meiner Oma und meinem Opa hat er beispielsweise zum Hochzeitstag etwas geschenkt, das es heute gar nicht mehr gibt: richtig schöne alte Küchenmöbel aus verschiedenen Holzarten und mit Schubfächern aus Keramik, in denen man Thymian, Dill und Salz aufbewahren kann. Ich hänge sehr an diesen Küchenmöbeln, aber habe für sie seit 2004 einfach keinen Platz mehr. Damals bin ich aus Griechenland zurückgekommen, wo ich vier Jahre im Service gearbeitet habe. Nicht, weil ich Griechin bin und auch nicht wegen einer Beziehung: Ich wollte in ein Land, wo die Leute Urlaub machen. Aber nicht dahin, wo alle hingehen. Als ich 2004 wieder nach Deutschland kam, hatte ich natürlich zunächst weder eine Wohnung noch einen Job. Ich bin deshalb wieder bei meiner Mutter in Germering eingezogen. Nur war da kein Platz für die alte Küche. Zufällig bin ich dann auf Selfstorage aufmerksam geworden, die in München gerade eine erste Filiale eröffnet hatten. Seitdem steht da die Küche meines Uropas. Für die Gebühren, die ich bisher für das Lager bezahlt habe, könnte ich mir drei Einrichtungen kaufen. Ich habe mir auch mal überlegt, sie woanders einzulagern: In der Maxvorstadt gehört mir seit über zwei Jahren ein griechisches Lokal und da hatte ich kurzfristig ein großes Lager, im dem die Möbel Platz gehabt hätten. Aber die Möglichkeit ist dann weggefallen. So bleibt die Küche vorerst weiter bei Selfstorage. Ich will mir nämlich in Schwabing eine eigene Wohnung suchen und dort möchte ich endlich die alte Küche meines Uropas einbauen.


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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Sabine Bonnie, 44: Von München nach Berlin Ich bin Berlinerin und vor drei Jahren nur aus einem Grund nach München gezogen: wegen der Liebe. Ich habe damals alle Zelte abgebrochen und meine ganzen Freunde zurückgelassen. Mittlerweile hat sich in meinem Leben einiges geändert und seit Wochen plane ich nun schon meine Rückkehr nach Berlin. Es ist aber gar nicht so einfach, eine Wohnung zu finden. Weil ich aber schon eine Arbeit in Berlin gefunden habe, konnte ich nicht weiter in München bleiben und wohne jetzt in Berlin bei einer Freundin. Meine Sachen aus München haben dort natürlich keinen Platz. Ich habe deshalb erst einmal viele Leute angerufen und gefragt, ob ich bei ihnen nicht meine Sachen lagern kann. Das wäre zwar schon irgendwie gegangen, aber ich hätte meinen Hausrat über ganz Berlin verteilen müssen. Eine Freundin hat mich dann auf die Idee gebracht, es mal mit Selfstorage zu versuchen. Ich habe meine Möbel und den ganzen andern Kram mit einem Umzugswagen nach Berlin bringen lassen und dort bei einer Firma eingelagert. Meine Sachen sind nicht so irre wertvoll, aber ich finde es trotzdem gut, dass dort alles videoüberwacht ist. Das hat man in irgendeinem Keller eines Bekannten nicht. Und wenn ich in Berlin keine Wohnung mit Keller finde, kann ich mir sehr gut vorstellen, weiter Gegenstände bei Selfstorage zu lagern. Für fünf Quadratmeter habe ich jetzt in drei Wochen 130 Euro gezahlt, was echt in Ordnung ist. Das Beste ist aber die Kurzfristigkeit: Ich konnte meine Sachen relativ schnell einlagern und das war eigentlich das Wichtigste.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Siegrid Schaffer, 27: Von Köln nach München Bei mir ist derzeit alles in der Schwebe. Ich bin vor kurzem mit meinem Sportstudium in Köln fertig geworden und habe in München im Bereich Sportorganisation ein tolles Praktikum bekommen – mit der Aussicht, dort vielleicht sogar einen festen Job zu bekommen. Außerdem bin ich in München aufgewachsen. Ich habe deshalb meine alte WG in Köln verlassen und bin vorläufig zu meinem Freund nach München gezogen. Das Problem sind nun meine Möbel und meine Studienunterlagen. Für ein paar Wochen hätte ich die natürlich bei meinem Freund und Bekannten lagern können. Aber ich weiß leider nicht, wie lange es dauert, bis ich in München eine passende Wohnung finde. Hier eine bezahlbare Wohnung zu finden, ist echt schwer. Ich weiß ja auch noch gar nicht, was ich mir leisten kann. Ich kann aber auch nicht zu meinem Freund sagen: Ich lasse meine ganzen Sachen jetzt mal für ein halbes oder gar ein ganzes Jahr bei dir. Ich wollte dann zunächst nach einer Garage oder einem Container zu suchen, wo ich Bett, Schrank und die ganzen Unisachen lagern kann. Ich habe sogar eine Garage gefunden – allerdings auf dem Land. Noch dazu war sie nicht überwacht. Im Internet habe ich dann Selfstorage gefunden. Ich fand es schon mal super, dass die relativ zentral liegen – von meinem Freund aus brauche ich nur zehn Minuten dorthin. Gut finde ich auch, dass alles mit Alarmanlagen und Kameras überwacht wird. Man könnte sich sogar versichern, aber das Geld habe ich mir gespart, weil dort eh keiner einbrechen kann, ohne dass das bemerkt wird. Meine Möbel und die Studienunterlagen habe ich jetzt seit einem Monat eingelagert. Ich habe alles richtig knackevoll gestellt. Überrascht hat mich, dass ich nur zwei Quadratmeter für meinen ganzen Kram brauche. In meiner WG hatte ich ein 30 Quadratmeter großes Zimmer. Deswegen dachte ich am Anfang auch, dass ich einen Raum in Garagengröße brauche. Illustration: katharina-bitzl

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