Die Stadt ist es nicht, du bist es

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Berlin – Irgendwas ist immer Einige Wochen nach dem Umzug hatte mein Berlin-Bild sich endgültig in Luft aufgelöst. Am Anfang dachte ich, das sei nur die Eingewöhnung. Dass es eben ein paar Wochen dauert, bis man zu diesen coolen, gut aussehenden Menschen gehört, die den ganzen Tag kreative Sachen machen und nachts auf abgefahrene Partys gehen. Es passierte aber nichts. Außer dass die unbekannten Straßen weniger wurden. Ich hörte auf, meinen Stadtplan zu benutzen. Ich fand heraus, in welchem Gemüseladen das Gemüse immer matschig war. Dass man im M-Bus sein Fahrrad nicht mitnehmen darf. Und wie ahnungslos man sich in einem Seminar über marxistische Theorien fühlen kann. Ich lernte jeden Tag ein paar banale Sachen und versuchte, mich bei Laune zu halten. Manchmal ging’s. Manchmal nicht so gut. Manchmal saß ich samstags in der Küche und suchte das Berlin-Gefühl in den zitty-Kleinanzeigen. Großstadt, jung geblieben aber mit Lebenserfahrung, sucht: kleine Protagonistin zum Glücklichmachen. Diese Anzeige war nie dabei. Ich habe sogar ein, zwei Leute durch Kleinanzeigen kennengelernt und bei einem richtig guten Fotoprojekt mitgemacht. Aber geblieben ist vor allem die Erinnerung an meinen Küchentisch neben dem Fenster, durch das die Samstagssonne scheint, der Blick auf den Hinterhof und die sich einschleichende Zufriedenheit.

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Illustration: Julia Schubert

Zu Beginn des zweiten Semesters hatte ich auf einmal ein Leben in Berlin: Freunde, Dinge zu tun, und keine Zeit mehr zum Suchen. Ich kam erst jetzt dahinter, dass viele meiner zugezogenen Freunde auch eine zermürbende Zeit hinter sich hatten. Sie hatten alle in Berlin das „richtige“ Leben gesucht, und es war erst mal komplett schief gegangen. Alle saßen in ihren WGs, vermissten Menschen, und fragten sich, warum sie ihrem Traum nicht gerecht werden konnten. Inzwischen bin ich ein Mal umgezogen, lese die zitty nicht mehr und darf immer noch nicht mit dem Fahrrad in den M-Bus. Meine in Berlin geborene Mitbewohnerin hat mich ausgelacht, als ich ihr mal von meinen früheren Berlin-Vorstellungen erzählt habe. „Wie jetzt – hier sehen alle Leute cool aus?“ Irgendwann habe ich ein Interview mit der Schriftstellerin Juli Zeh gelesen, in dem sie erzählt, dass sie für ihr Studium die Wahl zwischen Berlin und Passau hatte – und sich für Passau entschieden hat, weil sie fürchtete, in Berlin verrückt zu werden. Wenn man sich anschaut, welche Erwartungen am Nach-Berlin-Gehen hängen, ist das keine blöde Entscheidung. Vielleicht verschlägt es mich ja auch irgendwann noch nach Passau. Nur jetzt gerade will ich nicht umziehen. Ich habe hier Freunde, ein Zimmer, ein Fahrrad, und das ergibt unterm Strich wohl das Glück, von dem ich mit fünfzehn geträumt habe. Aber dieses Glück von einer bestimmten Ansammlung von Häusern zu erwarten, steht genau diesem zuverlässig im Weg. kathrin-hagemann Nächste Seite: Schon immer in München


München – seit zehn Jahren Je weniger sich verändert, desto schneller vergeht die Zeit. Das macht mir manchmal Angst. Seit Jahren fahre ich dieselben Wege mit dem Fahrrad, gehe am Wochenende mit Freunden (viele von ihnen kenne ich schon seit Schulzeiten) in dieselben Bars und am Sonntag zum Schachspielen in dasselbe Café oder an der Isar spazieren. Es ist jedes Mal schön. Ich genieße es, auch wenn ich schon vorher weiß, wie es sein wird. Ich wohne seit zehn Jahren in derselben Stadt, in deren Umland ich aufgewachsen bin. Eigentlich habe ich also mein gesamtes Leben hier verbracht – sieht man von ein paar ausgedehnten Reisen und Praktika ab. München ist meine Heimat. Jeder Ort ist mit Erinnerung besetzt. Darum beneiden mich viele. Weniger um München als darum, an einem Ort zu leben, mit dem ich verwurzelt bin. Ich selbst beneide mich nicht darum. Ich finde, es ist ok. Ich lebe gerne hier, aber ich hätte keine Probleme, diese Stadt für ein paar Jahre zu verlassen. Es hat sich bloß noch nie ergeben. Wäre ich nach Berlin, Barcelona oder Bangkok gezogen – ich hätte es erzwingen müssen. Und zwingen wollte ich mich nie. Weglaufen auch nicht. Nur, weil hier das Leben manchmal langweilt, in eine andere Stadt ziehen? Das erschien mir verrückt. Ich hielt es mit Freundeskreis: „Es ist nicht wichtig, wo Du bist. Es wichtig, was Du machst.“ Ich halte das immer noch für richtig, aber es ist nur ein Teil der Wahrheit.

Im Herbst war ich für drei Monate in Berlin. Ich wohnte fast ohne Möbel in einem 30 Quadratmeter großen Altbauzimmer, aß viele Döner und sah an einem Tag mehr Freaks als in München in einer Woche. Die Lebensentwürfe waren vielfältiger, die Suchenden zahlreicher. Die Clubs wurden später voll und blieben es länger, die Cafés waren inspirierender und die Spree dreckiger. Aber was hatten all diese Details mit meinem Leben zu tun? Nicht viel. Trotzdem habe ich die Zeit genossen. Weil ich viele Abende in meinem riesigen Zimmer saß, nachdachte, Bücher las, die ich schon immer lesen wollte und schrieb, was ich schon immer aufschreiben wollte. Weil ich auf mich selbst zurückgeworfen war und etwas mit mir anfangen musste. Daheim wäre diese Leere sofort mit Biertrinken, Schachspielen und Spaziergängen an der Isar aufgefüllt worden. Heimat und Einsamkeit vertragen sich schlecht und nur am Neuen wächst man. Wenn Du glücklich werden willst, kommt es vor allem darauf an, was Du machst, dann mit wem Du zu tun hast und zuletzt erst auf die Stadt, in der Du wohnst. Die hilft nur ein bisschen nach. Berlin mit billigen Mieten. philipp-mattheis Auf der nächsten Seite: Wenn schon dann richtig - aus der Provinz nach Paris!


Paris – Nur Dasein reicht nicht Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Und das Wo-Sein bestimmt das Dasein. Marx und ich waren uns einig. Und mein Bewusstsein sollte so urban wie möglich sein. Ich wollte Vielfalt, Inspiration und Auswahl – an Menschen, Essen, Filmen. Mindestens. Die Triebkraft der Entwicklung ist der Widerspruch. Für die Vulgärmarxistin lag das auf der Hand. Aufgewachsen in einer kleinen Stadt in der schwäbischen Provinz (der Widerspruch), habe ich meinen Kehrwochen-Dunstkreis quadriert und bin auf der Suche nach Glück nach Paris gezogen (die Entwicklung). Natürlich nicht sofort. Die Metamorphose vom Provinz-Ei zum Metropolen-Huhn verlief etappenweise: Kleinstadt, Hauptstadt, Weltstadt. 1. Etappe: Weimar. Es war Februar und den ganzen Tag dunkel in verschiedenen Nuancen. Ich schrieb an meiner Erstsemesterarbeit über Medea. Sicher war nicht viel. Nur, dass ich in zwei Monaten und neun Jahren 30 werden würde. Dass die Videothek um die Ecke über die Ferien dicht gemacht und ich sämtliche Filme im Programmkino am Goetheplatz bereits gesehen hatte. Dass das Leben, das wahre, irgendwo anders stattfand. 2. Etappe: Berlin, natürlich. Schließlich komme ich aus einer kleinen Stadt in Süddeutschland. Und ja, wenn ich nachts mit dem ICE aus Stuttgart im Bahnhof Zoo eintraf, schlug mein Herz höher. Es gab Freiluftkinos und jede Menge Menschen, die einem versicherten, hier sei the place to be. Irgendwann reichte das nicht mehr. Ist die Landeierschale erst gesprungen, will man schnell mehr. Mehr Metropolen-Flair. 3. Etappe: Paris. Mehr Flair geht schwer, dachte ich mir. Und eine raison d'être dort zu leben, gibt es immer. Bei mir war es zuerst eine Mischung aus Apfeltaschen, Godard und dem Master an einer ach so renommierten Universität.

Ein Fest fürs Leben sei diese Stadt, hat Hemingway gesagt. Das stimmt. Nur muss man erst einmal in der Lage sein, die Party zu schmeißen. Oder zumindest den Dresscode einhalten können. Das ist mitunter ein bisschen schwierig. Die Pariser Prachtkulisse kostet Geld. Ich merkte: Das Sein braucht seine Zeit, um das Bewusstsein zu bestimmen. Manchmal muss man nachhelfen, damit sich mit dem Leben an einem bestimmten Ort auch ein bisschen das Wesen verändert. Trotzdem: In Paris war ich am Ziel meiner cineastisch angehauchten Tagträume. Protagonistin im ureigenen Nouvelle-Vague-Film. Die Provinz, vor allem die deutsche, war weit. Ich lebte im Klischee auf dem Montmartre. Radelte über Boulevards, vorbei an Opern, Theatern und Kathedralen. Hatte Vielfalt, Inspiration, Auswahl an Menschen und Filmen. An Essen weniger. An vielen Abenden nippte ich stundenlang am selben Glas Wein. Und überlegte regelmäßig, ob ich mir nicht „Oh Champs Élysées“ auf dem Akkordeon aneignen und den Samstag in der Métro verbringen sollte. Man ist bei 700 Euro Kaltmiete schnell von Marx bei Sartre. Soll heißen vom Sein beim Nichts. Und sicherlich hat Marx dann wieder recht: Der Mensch ist eben Opfer seiner Bedürfnisse. Immer. Und überall. julia-amalia-heyer Nächste Seite: Nirgends so richtig, aber überall


Freiburg – Wichtig ist anderes Seit ich von daheim ausgezogen bin, habe ich in vier Städten gewohnt, in keiner länger als ein Jahr. Bei jedem Umzug habe ich weniger mitgenommen; dieses Jahr werde ich zweimal umziehen. Wenn man mich fragt, wo ich herkomme, weiß ich nie, was ich antworten soll. Am meisten Heimweh habe ich nach der Stadt, in der ich am kürzesten wohnte. Ein knappes Jahr in einer Kleinstadt auf einer Halbinsel im Bodensee. Dann fast ein Jahr in München. Ein viertel Jahr Berlin. Gerade Freiburg (Und wie oft werde ich gefragt: Mein Gott, wie kann man in Freiburg wohnen?). Ausgesucht habe ich mir die Städte nie, es hat sich immer ergeben. Ich habe überall gern gewohnt, überall gleich gern. Aber es wäre falsch zu sagen, mir wäre es nie wichtig gewesen, wo ich gelebt habe. Städte sind ein gigantischer Hallraum. Manchmal reicht schon eine Adresse und man kann sich vorstellen, wie ein Mensch lebt. Städte oder Stadtteile sind Teil des Codes, der für Lebensentwürfe steht, für ein: Sag mir, wer du bist und ich sag dir, wo du wohnst. Oder: Sag mir, was du machst und wo du wohnst – und ich sag dir, wer du bist. Natürlich hat dieses Spiel Grenzen.

Die meisten Biografien werden an Hand von Orten erzählt, die Münchner Jahre, die Freiburger Jahre, egal. Wenn man auf sein eigenes Leben zurückblickt, so kurz und so unfertig es auch sein mag, macht man das auch – Städte sind so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner aller Erfahrungen, aber selten eine Erfahrung an sich. Städte sind gigantische Projektionsflächen. Und ein einfacher Reflex ist, für seine Stimmung die Stadt, verantwortlich zu machen. Genauso einfach ist es, seine Persönlichkeit und seinen Lebensentwurf über die Stadt, in der man lebt, zu definieren. Nein, die Stadt, in der du lebst, ist nicht dafür verantwortlich, wer du bist. Viel wichtiger sind die Milieus in denen man sich aufhält, die Leute, die einen umgeben. Ich glaube, das ganze Reden über Städte ist Resultat einer Sehnsucht, Teil einer Gemeinschaft sein zu wollen. Und jede Gruppe kommuniziert, definiert und grenzt sich ab, über Musik etwa, Kleidung und sicher auch über den Wohnort. Woher diese Sehnsucht nach einer Milieuzugehörigkeit kommt? Vielleicht daher, dass es einem hilft, sein eigenes Leben mit den Leben anderer vergleichen und messen zu können. Natürlich, manche Milieus sind in manchen Städten ausgeprägter als in anderen und manche Milieus sind in manchen Städten gar nicht vorhanden. Und kann es nicht sein, dass eine Stadt umso cooler zu sein scheint, je differenzierter und ausgeprägter die Milieus dort sind? Kann das sein, liebes Berlin? Vielleicht ist auch alles anders. Mir hat mal ein kluger Alt-68er gesagt, wir jungen Menschen würden uns nur soviel über Städte unterhalten, weil wir verlernt hätten, über Politik und Gesellschaft zu reden. Vielleicht hat er Recht. Vielleicht sollten wir uns wieder wichtigere Gesprächsthemen suchen, als die Städte, in denen wir leben, gelebt haben und leben werden. adrian-renner

Text: jetzt-redaktion - Illustration: katharina-bitzl

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