Die Stadtschwärmer

Strandbar und Flashmobs – 2009 war auch das Jahr der umtriebigen Urbanauten
christian-helten

Ben David schwimmt in einem Menschenschwarm, der sich schweigend in die dunkelste Ecke des Münchner Hauptbahnhofs drängt, ganz nach hinten, zwischen die Wände aus grauen Schließfächern. Irgendwo beginnt jemand, einen Ton zu summen, andere fallen ein, nach wenigen Sekunden summt der ganze Schwarm. Ben lauscht und lächelt. Sein Mund ist leicht geöffnet; es ist ein ehrfürchtiges Lächeln. Der summende Schwarm ist das Werk der Urbanauten, und Ben ist einer ihrer Gründer. Vier Mal lotsten sie dieses Jahr mit SMS- und Twitternachrichten einen Flashmob durch München. Wie ein Spuk brachen diese Schwärme für ein bis zwei Stunden über die Innenstadt herein. Heute kapern etwa 300 Leute singend eine Trambahn, rennen die Rolltreppen einer Karstadtfiliale gegen die Fahrtrichtung hinauf, hüpfen als Schlange durch den Hauptbahnhof, bringen einen Taxistand durcheinander, überfallen ein Luxushotel mit einem Blitzlichtgewitter aus Digitalkameras. Die Urbanauten wollen die öffentlichen Räume der Stadt erobern. Sie wollen tote Orte beleben und einen Diskurs über Gestalt und Funktion der Plätze und Straßen Münchens anregen – mit Kunstaktionen wie den Schwärmen oder mit Debatten und Vortragsreihen. Schwimmen im Schwarm Ben David und Ulrike Bührlen (beide 33) haben in München Sozialgeografie studiert. Er schrieb seine Diplomarbeit über „Feste, Märkte und Proteste im öffentlichen Raum“, sie über “Kulturelle Zwischennutzung in München“. Im Jahr 2001, während eines Auslandssemesters in Barcelona, fällt ihnen auf, dass die Straßen und Plätze dort voller Leben sind, dass der öffentliche Raum dort wirklich der Öffentlichkeit gehört. Zurück in München tun sie den ersten Schritt, um die Stadt zu verändern: Sie gründen den Debattierclub „Die Urbanauten“. Ulrike sagt: „Das waren eigentlich Debattengelage. Wir haben uns in einer Wohnung getroffen, gekocht, gegessen und getrunken. Einer hat einen Vortrag gehalten und dann haben wir stundenlang diskutiert.“ Auch am Abend des Schwarms muss Ulrike diskutieren. Sie sitzt mit drei weiteren Urbanauten in einer dunklen Wohnung zwischen fünf Computerbildschirmen und schreibt die Nachrichten an den Schwarm. Jeder trägt ein Headset, manchmal reden mehrere Leute durcheinander. Ben und Anja, die mit dem Flashmob mitlaufen, geben ihre Anweisungen durch. Dazu kommen per SMS Hunderte von Vorschlägen der Teilnehmer, was der Schwarm als nächstes machen soll. Der Rolltreppenlauf war so ein Vorschlag, auch die Lieder in der Tram kamen von den Teilnehmern. „Diese SMS und Tweets mussten wir innerhalb kürzester Zeit filtern und uns einigen, was der Schwarm machen soll“, erzählt Ulrike, als sie nach dem Flashmob mit Wollschal und Mütze vermummt bei der Party ankommt. Sie ist etwas bleich und hat leichte Augenringe. „Das war extrem viel Kommunikation für einen Abend.“ Ben ist ein präsenter Mensch, hoch gewachsen, mit breitem Kreuz und großem Kopf. Er bewegt sich meistens am Rand des Schwarms. Mal läuft er seitlich mit, mal geht er voraus, mal hinterher. Er trägt eine schwarze Jacke und drückt sich immer wieder den Handy-Kopfhörer mit der Hand ans Ohr, damit er Ulrike und die anderen versteht. Wüsste man nicht, dass er der Veranstalter ist, könnte man ihn für einen der Zivilpolizisten halten, die den Schwarm begleiten. Ben weiß, dass er beobachtet wird. Wenige Minuten vor dem Beginn des Flashmobs habe er mit der Polizei telefoniert, sagt er: „Sie haben mich noch mal auf das Straßen- und Wegegesetz hingewiesen, wegen des letzten Schwarms.“ Da hat die Polizei Ben festgenommen. Als der Schwarm den Altstadtring für einige Minuten mit rot-weißem Absperrband lahm legte, zückte ein Mann neben ihm seinen Dienstausweis. „Zuerst konnte ich im Schwarm untertauchen“, erzählt Ben. „Im Englischen Garten haben sie mich dann erwischt. Sie kamen zu mehreren und riefen: ‚Wir haben ihn'.“ Auch wenn Ben meistens glucksend lacht, wenn er über seine Begegnungen mit der Polizei spricht – der Kampf gegen die Ordnungswut der Behörden ist den Urbanauten ein ernstes Anliegen. „Unser öffentlicher Raum ist völlig überreglementiert“, sagt Ben. Für jedes noch so kleine Straßenfest müsse man zig Formulare aus- und Auflagen erfüllen. Und er fragt: „Warum laufen bei unserem Schwarm Zivilpolizisten mit? Bei einer Kunstaktion, die mit dem ‚Spielart' ein renommiertes Theaterfestival im Rücken hat und mit viel Geld vom Kulturreferat gefördert wird?“

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Illustration: Julia Schubert

Wer in München einen öffentlichen Platz kreativ nutzen will, braucht Durchhaltevermögen. Das erleben die Urbanauten immer wieder. Der Kulturstrand, den sie jedes Jahr von Mai bis August auf der Corneliusbrücke veranstalten, sollte ursprünglich an unterschiedlichen Orten stattfinden, erzählt Stefan Zölle, der „Platzspezialist“ unter den Urbanauten: „Die Idee war eigentlich, den Strand auch mal ins Hasenbergl zu bringen. Es sollte ein Wanderstrand sein, der tote Durchgangsorte und Nicht-Orte belebt.“ Aber die meisten Standortvorschläge wurden abgelehnt. Sogar für die Genehmigung, den Strand auf der Corneliusbrücke aufschütten zu dürfen, müssen die Urbanauten jedes Jahr aufs Neue kämpfen. Aber der Kampf lohnt sich – auch finanziell. Aus dem studentischen Debattierclub ist mittlerweile ein Unternehmen geworden. Ben, Ulrike und drei weitere Urbanauten arbeiten hauptberuflich in dem Drei-Zimmer-Büro gegenüber der Großmarkthalle in Sendling, dazu kommen ehrenamtliche Mitarbeiter und je nach Projekt etwa 50 studentische Helfer. An ihren Kunstprojekten, Debatten und Happenings verdienen die Urbanauten selten. Der Kulturstrand hingegen lohnt sich: Diesen Sommer kamen fast 100 000 Besucher, um in Liegestühlen zu lümmeln und Caipirinhas für sechs Euro und 0,33-Paulaner für drei Euro zu schlürfen. Das zweite Standbein der Urbanauten sind Auftragsarbeiten. Sie organisieren zweimal im Jahr den Corso Leopold und unterstützen die Parade zum St. Patricks Day. Stefan Zölle sagt: „Um sich Kunstprojekte leisten zu können, brauchst du nun mal andere Dinge, die dir Geld einbringen.“ Iran, Twitter, Paulaner Drei Tage nach dem Schwarm laden die Urbanauten zu einem Diskussionsabend in der Lothringer13. Knapp 50 Leute sitzen in der Hinterhofhalle in Haidhausen auf weißen Holzelementen, Klappstühlen und umgedrehten Papierkörben aus neongrünem Plastik. Das Publikum ist älter als beim Schwarm, es dominiert der Typ Politik-Doktorand. Zu trinken gibt es Rotwein, Bier und Bionade. Der 81-jährige Rudolf Chimelli, langjähriger Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, hat eben einen Vortrag über die Proteste im Iran gehalten. Jetzt diskutiert Ben mit weiteren Gästen und dem Publikum über die Rolle, die Twitter bei dieser Revolution gespielt hat. Ben hat keine Notizen dabei, er spricht frei und selbstbewusst, obwohl er im Gegensatz zu den anderen hier kein Nahost-Experte ist. Manchmal schweift er ab, wie er es auch sonst häufig tut, weil sein Kopf sehr voll ist mit Ideen, die alle irgendwie zusammenhängen. Iran, Twitter, schwärmende Intelligenz, Flashmobs, Kunst, Debatten, Politik – alles steht in Beziehung zueinander, alles ist aufeinander anwendbar, für die Eroberung der öffentlichen Räume. Oder für ein 0,33-Paulaner an einer Strandbar.

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