Die Stichprobe

Schon wieder Sommer, schon wieder überall Tattoos! Aber: Welche Sprüche liegen im Trend? Tätowierer in ganz Deutschland haben für uns Buch geführt - von "Wängele" über "Je ne regrette rien" bis hin zu "Ballspielverein".
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Doch, sogar ein Stück großer Weltpolitik hat sich durchgepaust auf unser kleines Experiment: Viermal während unserer zweiwöchigen Untersuchung lässt sich jemand die Worte "Ata Türk" oder "Atatürk" in die Haut stechen. Es ist Juni, auf dem Taksim-Platz in Istanbul stemmt sich das türkische Volk gegen die Regierung. Da ist es womöglich ein Zeichen der Solidarität mit den Demonstranten, den Ehrentitel des Republikgründers, übersetzt "Vater der Türken", nicht nur auf Transparenten, sondern direkt in der Haut zu tragen.     Das Tattoo hat den langen Marsch ins Bürgertum abgeschlossen und ist längst in den verkehrsberuhigten Straßen der Kleinstädte angekommen. Deshalb, so unser Gedanke, müssten die Wörter, die sich die Menschen heute stechen lassen, einen ungefilterten Einblick in das geben, was Deutschland gerade wirklich wichtig ist. Wir haben also 14 Tätowierer zwischen Hamburg und Kitzingen, Dresden und Bochum gebeten, zwei Wochen lang zu notieren, welche Worte sie stechen. Ein Lauschangriff auf das, von dem die Deutschen heute annehmen, dass es ihnen auch noch in 30 Jahren wichtig sein wird.     Das Ergebnis, knapp 300 Sprüche und Einzelwörter, legen wir Ulrike Landfester vor. Sie ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität St. Gallen und forscht über den Zusammenhang von Schriftkultur und Tätowierung. Sie erkennt sofort die beiden großen Motive, die Menschen dazu veranlassen, sich tätowieren zu lassen. "Zum einen", sagt sie, "die Selbstvergewisserung." Sie stecke in Sätzen wie "Je ne regrette rien" oder "If nothing ever changed, there would be no butterflies". Sätze, die, wie Landfester sagt, "die eigene Schicksalsunterworfenheit bestätigen" und dadurch trösten. Wer grämt sich schon groß wegen des eigenen Unglücks, wenn er täglich auf seinem Unterarm liest: "So ist es, es kann nicht anders sein."

Auch die Flut an Vornamen ("Andi"), Nachnamen ("Wängele"), Geburtsdaten und Blutgruppen von Partnern, Kindern oder Verstorbenen sieht Landfester in diesem Zusammenhang: die beruhigende Vergewisserung, in lebenslangen Beziehungen zu anderen Menschen zu stehen.     Der zweite große Themenkomplex, den die Forscherin in den tätowierten Worten ausmacht: Magie und Beschwörungen. "Speranza", "Hope", das Vaterunser - diese Tattoos sollen für ihren Träger eine schützende Kraft entfalten.     Es überrascht also nicht, dass die Sprüche, abgesehen von den "Atatürk"-Schriftzügen, nur verschwommen Bezug auf aktuelles Geschehen nehmen. Gut, der FC Bayern gewinnt im Juni das erste Triple des deutschen Männerfußballs und inspiriert dadurch möglicherweise die Sätze "Mia san mia" oder "Life is a game"; beides wird im Untersuchungszeitraum mehrmals in Bayern gestochen. Das Wort "Ballspielverein", das sich zeitgleich jemand in Osnabrück tätowieren lässt, kann man hingegen als trotziges Bekenntnis zum Finalverlierer Borussia Dortmund lesen.     Auf der nächsten Seite: Das fernöstliche Schriftzeichen stirbt aus.  

Die große Mehrheit der Tattoos behandelt aber tatsächlich Zeitloseres als Regierungskrisen und Sportereignisse. Ordnet man die Liste nach Themen, rangiert weit oben, genau wie Landfester sagt, die Beschwörung der Unendlichkeit ("Semper fidelis", für immer treu, das Motto der US-Marines, oder "Para siempre en mi corazón", für immer in meinem Herzen). Ein bisschen beliebter noch ist der Glaube: "Only God can judge me" ist einer der am häufigsten gestochenen Sätze überhaupt.   Mit weitem Abstand schwebt aber ein anderes Thema über allen anderen, und das ist, welch schöne Nachricht, die Liebe. Das englische Wort dafür taucht in verschiedenen Kombinationen insgesamt 15 Mal auf. Vom puristischen "Love" über das genügsame "Love yourself" bis hin zum selbstermahnenden "Love it, change it or leave it". Das deutsche Wort "Liebe" taucht immerhin vier Mal auf, die Liebe in Form eines chinesischen Schriftzeichens überraschenderweise nur ein Mal - was nahe legt, dass der Trend zum fernöstlichen Tattoo allmählich abnimmt.     Auf der nächsten Seite: Das Problem mit dem Pathos.

Überhaupt birgt der Blick auf die Sprache zwei überraschende Einsichten. Erstens: Die überwältigende Mehrheit der Tattoos ist in Englisch verfasst. Das lässt den Schluss zu, dass die Tätowierindustrie in mindestens einem Punkt vor ähnlichen Problemen steht wie der hiesige Musik- und Politikbetrieb: Pures Pathos klingt nur auf Englisch gut, auf Deutsch rutscht es schnell ins Peinliche. Jedenfalls weckt das Gänsehaut-Tattoo "We seal our fate with the choice we made" warme Erinnerungen an eine Obama-Rede, während "Wenn du es träumen kannst, kannst du es tun" doch eher ungelenk daherstolpert.     Überraschung Nummer zwei: Die beliebteste Fremdsprache direkt nach Englisch ist, tatsächlich, Latein. "Carpe diem", natürlich, und Cäsars ewiges "Veni vidi vici", aber auch Ciceros "Dum spiro spero" (solange ich atme, hoffe ich) und "Mecum loquere ut te videam" werden gestochen. Letzteres ist die Abwandlung eines Sokrates-Zitats, wenn wir das richtig erkannt haben, es bedeutet: Sprich' mit mir, damit ich dich sehe. Gute Nachrichten also für Humanisten - eine Krise der Altphilologie lässt sich in unserer Studie nicht nachweisen.Dank an: Seven Star Tattoo, Bochum; Full Colour Tattoo, Bochum; Hau(p)tsache Tattoo, Frankfurt; Rheingau Tattoo, Geisenheim; Harry's Tattoo, Nürnberg; Unlimited Bodyart, München; Rainbow Tattoo, München; Die Älteteste Tätowierstube, Hamburg; Andy's Tattoo Studio, Kitzingen; Mia Reloaded, Trier; Die Inkerei, Dresden; Jenny B.'s Tattoo & Piercing, Kassel; Scratch the surface, Osnabrück; Haut Nah Tattoo & Piercing, Delmenhorst.Text: jan-stremmel - Recherche: mariel-mclaughlin, Illustration: katharina-bitzl