Die totale Scham

Christopher Knoll vom Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum München über schwulenfeindliche Gewalt und Homophobie in München
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Von 4. März an ist im Münchner Sub, dem Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum in der Müllerstraße 43, eine Wanderausstellung des Berliner Anti-Gewalt-Projekts Maneo zu sehen. Thema: Schwulenfeindliche Gewalt. Ein Gespräch mit Sub-Psychologe Christopher Knoll über Homophobie in München. jetzt.de: Berlin gilt als deutsche Gay-Metropole. Wie lebt es sich als junger schwuler Mann in München? Christopher Knoll: München ist nicht die rauschende Stadt für junge Schwule. Im Gegensatz zu Berlin haben wir hier aber noch stärker das Gefühl von Community. Für schwule Männer ist das eine wichtige soziale Stütze.

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Illustration: Julia Schubert

Psychologe Christopher Knoll vom Münchner Sub, dem Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum. Es scheint in Berlin mehr schwulenfeindliche Gewalt zu geben. Ich glaube, dass die Gewalt in Berlin insgesamt sichtbarer ist, weil der Clash der Kulturen dort stärker ist als in München. Aber das Phänomen schwulenfeindlicher Gewalt gibt es in unserer Stadt genauso. Warum hört man eher selten davon? Weil alle so tun, als sei ein Angriff auf Homosexuelle eine Tat wie jede andere. Wenn hier innerhalb kurzer Zeit mehrere jüdische Mitbürger überfallen würden, wäre der Blickpunkt dagegen sofort auf München gerichtet. Leider unterscheidet die städtische Polizei nicht zwischen schwulenfeindlich motivierter Gewalt und anderen Straftaten. Warum hältst du eine solche Unterscheidung durch die Münchner Polizei für wichtig? Weil wir nur dann eine ordentliche Prävention starten können. Ich stelle mir das wie in den USA vor: Dort gibt es das Kriterium der hate crimes. Dazu gehört jede Gewalttat, die durch ein bestimmtes Perso-nenmerkmal des Opfers motiviert ist. Das wäre ein sinnvoller Zugang. Ist die Gewaltstatistik gegen Homosexuelle auch deshalb so niedrig, weil sich die Opfer nicht trauen, zur Polizei zu gehen? Es gibt eine totale Scham. Ich kenne zwei Fälle, da haben die Opfer nicht einmal ihren Partnern von den Übergriffen erzählt. Stattdessen ließen sie sich abenteuerliche Geschichten einfallen, um ihre Verletzungen zu erklären. Fürchten die Opfer, dass sie von der Polizei nicht ernst genommen werden könnten? Möglicherweise. Vor ein paar Jahren hat die Polizei eine Münchner Jugendgruppe aufgegriffen. Es stellte sich heraus, dass sie für über hundert schwulenfeindliche Aktionen verantwortlich war. Trotzdem gab es keine einzige Anzeige. Das verunsichert die Opfer natürlich. Wer waren die Täter? In diesem Fall war es ausgerechnet eine Straßengang junger Türken, aber es gibt unterschiedliche Tätergruppen, die sich in der Regel auf den gemeinsamen Nenner „jung, männlich, cool aber verunsichert“ bringen lassen. Es gab hier schon gewalttätige Grünwald-Kids, die weder einen Migrationshintergrund hatten, noch sozial benachteiligt waren. In der Regel sind es männliche Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren. Was treibt die Täter an? Es sind wohl oft Jugendliche, die mit ihrer Männlichkeit hadern. Die Gewalttat hat dann eine demonstrative Funktion. Nach dem Motto: Wenn ich Schwule angreife, dann kann ich selbst nicht schwul sein. Woran machst du diese Einschätzung fest? Weil es selten Einzeltäter sind. Schwulenfeindliche Gewalt findet fast immer in der Gruppe statt. Oft gehören Mädchen dazu. Die Männlichkeit der Täter wird so auch in den Augen der Frau gestärkt. Gibt es auch andere Motive für schwulenfeindliche Gewalt? Es gibt Taten, die tatsächlich durch persönliche Abscheu gegen Homosexualität begründet sind. Aber jede Motivation ist skandalös und wirkt gegen das Persönlichkeitsrecht schwuler Männer. Eine öffentliche Empörung gibt es trotzdem nicht. Das Anti-Gewalt-Projekt des Münchner Sub ist daher eine besonders wichtige Anlaufstelle für die Opfer. Was erlebst du als Projektleiter? Vor kurzem kam ein 21-jähriger zu mir, der gerade ein schwieriges Coming-Out hinter sich hatte. Er kommt aus einer Akademikerfamilie, wo großer Leistungsdruck herrscht. Die Familie hatte eine klare Vorstellung von der Zukunft ihres Sohnes: Ehefrau und wohlerzogene Kinder. Als er eines Tages im englischen Garten unterwegs war, um nach sexuellem Kontakt mit anderen Männern zu suchen, wurde er brutal überfallen. Nicht zuletzt wegen der konservativen Haltung seiner Familie sieht er den Überfall nun als Strafe für ein schlechtes Leben. Er sucht jetzt ernsthaft nach einem Therapeuten, der ihm das Schwulsein abtrainiert. Mögliche Treffpunkte schwuler Männer sind also die Münchner Parks? Christopher Knoll: Ja, aber nicht nur der Englische Garten. - auch andere Münchner Stadtparks. Traditionellerweise halt dort, wo man sich unauffällig hinbegeben kann. Dort gibt es spezielle Ecken, wo man sich trifft. Um Sex zu haben? Nicht nur, aber in erster Linie natürlich schon. Das weiß auch die Polizei und patrouilliert dort. Leider mit der Maßgabe die Schwulen wegzujagen anstatt sie zu schützen. Kannst du es verstehen, dass manche es seltsam finden, wenn erwachsene Männer nachts im Park unterwegs sind und Sex haben? Man kann es schon ungewöhnlich finden. Sex im Park ist sicher keine besondere Kulturleistung, aber es rechtfertigt definitiv keine Gewalttat. Außerdem wäre der Englische Garten auch von heterosexuellen Männern überlaufen, wenn dort plötzlich lauter paarungsbereite Frauen unterwegs wären. Ist der Park ein idealer Tatort? Ja, denn die Opfer sind dort an einem versteckten Ort in einer schwachen Situation anzutreffen. Außerdem befürchten viele Opfer, dass der Sex in den Parks eigentlich verboten ist. Darum gehen sie oft aus einem gewissen Schamgefühl nicht zur Polizei. Allerdings ist jeder Ort, an dem der Täter Schwule vermutet, ein möglicher Tatort. Also auch die Straßen des Glockenbachviertels, gerade vor schwulen Kneipen. Schwulenfeindlichkeit äußert sich aber nicht immer durch physische Gewalt. Homophobie äußert sich auf viele Arten: durch Klischees, Ausgrenzung, durch gezieltes Lächerlichmachen. „Schwule Sau“ ist ja auch auf Münchner Schulhöfen ein häufig gebrauchtes Schimpfwort. Du kannst einem jungen Mann eben nichts Schlimmeres antun, als ihn in seiner Heterosexualität zu verletzen. Passiert es häufiger als früher? Den schwulen Jungen, die heute heranwachsen, bläst schon ein heftiger Wind entgegen. Zum Beispiel in der Rapkultur zeigt sich die Diskriminierung härter und lauter als je zuvor. Dort wird explizit zu Gewalt gegen Schwule aufgefordert. Trotzdem fasziniert vor allem die Jungs der muskelbepackte Körper eines 50 Cent. Dieser Körperkult hat natürlich eine homoerotische Ästhetik. All die eitlen Jungs sehen mit ihren Brillianten ja selbst wie männliche Prinzessinnen aus. Da gibt es offensichtlich das Bedürfnis, sich genau auf diese Weise von den Schwulen zu distanzieren, um sich nicht selbst „verdächtig“ zu machen. Trotz existenter Homophobie werden die Münchner Schwulen-Partys von Heterosexuellen überschwemmt. Es gibt immer wieder solche Phasen, in denen viele Heterosexuelle in die schwulen Clubs strömen. Manche haben Angst, dass die schwule Szene und das Glockenbach-viertel „überwalzt“ wird. Aber ich erlebe es auch als etwas Schönes, wenn die Clubs gemischt sind. Zeigt sich die Münchner Schwulenszene nicht offen genug? Seit Jahren spielt sich das schwule Leben fast nur im Glockenbachviertel ab. Es tut sich halt jedes schwule Lokal schwer, wenn es aus dem Viertel raus will. Ein bisschen Befreiung würde vielleicht Not tun. Wir haben viel über die Schattenseiten des schwulen München gesprochen. Warum ist die Stadt für junge Schwule trotzdem attraktiv? Mein Freund beispielsweise kommt aus dem Chiemgau, sein Vater ist beim Trachtenverein. Dort applaudiert niemand, wenn der Sohn schwul ist. Hier in der Stadt kann man als junger schwuler Mann offener leben. München hat mittlerweile eine vielfältige schwule Szene. Es gibt sogar eine Gruppe schwuler Schuhplattler. Ich finde es gut zu zeigen, dass die Schwulen auch Teil der bayerischen Kultur sein können. Die Münchner Politik erleichtert uns das. Schwule und Lesben werden durch die „Rosa Liste“ im Stadtrat mitgetragen. Und unser Oberbürgermeister geht beim CSD voran. Ich erlebe das durchaus auch als Wertschätzung. Fotos: dpa; Susie Knoll

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