Die Vergangenheit lässt ihn nicht los

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Über die Moschee-Lautsprecher bittet ein Mullah zum Gebet, der Mittagsverkehr schiebt sich lärmend durch die Stadt. Ein junger Mann löst sich aus der Menschenmenge, hastet vom sonnigen Gehsteig in den Schatten der Café-Terrasse. „Servus. Ich bin Muhlis“, sagt er etwas schüchtern. Im islamischen Sufismus darf sich Muhlis nennen, wer sich vom Unheil der Vergangenheit gelöst hat. Auch der junge Mann will das Vergangene hinter sich lassen. Doch es lässt ihn nicht los. Muhlis hieß nie Mehmet. Und doch kennt ihn ganz Deutschland unter diesem Namen. Das Pseudonym sollte ihn schützen. Doch was als Schutz gedacht war, wird für den heute 25-Jährigen zum Fluch. Der Name Mehmet wird auf Jahre hinaus verbunden bleiben mit dem Prototyp des kriminellen Jugendlichen. Als Muhlis 13 Jahre alt ist, stehen 61 Einträge in seiner Münchner Polizeiakte. Er klaut Geld, knackt Cabrios, erpresst Mitschüler. Manchmal schlägt er zu. „Wir geben Mehmet nicht auf. Kinder, und Mehmet ist ein Kind, haben Recht auf Hilfe“, sagt Hubertus Schröer, damals Leiter des Münchner Jugendamtes. „Dem traue ich einen Mord zu“, sagt hingegen CSU-Politiker Hans-Peter Uhl. Und beantragt im Mai 1998 seine Abschiebung in die Türkei.

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Illustration: Julia Schubert

Muhlis, damals Muhlis ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Die Türkei ist das Heimatland seiner Eltern. Ein Land, das Muhlis damals nur aus dem Urlaub kennt. Dessen Sprache er kaum spricht, dessen Kultur ihm fern ist. Muhlis steckt in der Pubertät, ist ein Junge auf der Suche nach sich selbst. Er trägt die Baseball-Mütze verkehrt herum, der Hosenbund hängt in der Kniekehle. Muhlis will sein wie die Stars aus der New Yorker Gangster-Rap-Szene. „Am meisten vermisse ich München“ An diesem Samstagmittag in Istanbul trägt Muhlis weiße Krawatte zu schwarzem Hemd. Die Hitze hat Schweißperlen auf seine Stirn gezeichnet, sein Job als Unternehmer kostet ihn Anstrengung. In wenigen Tagen wird Muhlis einen Sportpark eröffnen. Manager und Anwälte sind bereits angemeldet, wollen die ersten auf seiner neuen Paintball-Anlage sein. Wollen sich mit Farbe bespritzen, um spielerisch den Burn-out zu bekämpfen. Die Paintball-Anlage ist ein Zukunftsprojekt, das beinahe an der Vergangenheit gescheitert wäre. Sponsoren wurden misstrauisch, als Muhlis von den früheren Straftaten erzählte: „Ich kann das ja nicht verheimlichen. Wer meinen Namen im Internet eintippt, kriegt das sowieso raus.“ Als Geschäftsmann macht ihn die Vergangenheit angreifbar, doch sei Offenheit der einzige Weg, um Vertrauen bei Sponsoren zu gewinnen, sagt Muhlis mit breitem Münchner Akzent. Das Wort Vertrauen fällt oft. Auch als Muhlis von seinen Neuperlacher Jugendfreunden erzählt: „Ich war der Jüngste und als Einziger nicht straffähig. Also habe ich den Ärger der Anderen auf mich genommen. Ich wollte meine Freunde beschützen und meine Polizeiakte ist so immer dicker geworden.“ Als der Fall Mehmet öffentlich wird, wenden sich die Freunde von Muhlis ab, wollen nicht hineingezogen werden in die Debatten um Jugendgewalt und kriminelle Ausländer. Sehr einsam sei er plötzlich gewesen, sagt Muhlis. Sein Blick versinkt jetzt im Teeglas, das vor ihm auf dem Tisch steht. „Meinen Freunden war es egal, dass Muhlis nicht mehr da war. Es gab ja immer noch die Anderen. Den Hassan, den Christian und den Josef.“ Wenn Muhlis von seiner Zeit in München erzählt, spricht er von sich in der dritten Person. Als sei der Straftäter Mehmet ein Medienphänomen, mit dem er nichts zu tun hat. Er sucht jetzt nach den richtigen Worten, die ihm auf Deutsch nicht mehr einfallen wollen. Er spricht von einer Wahlkampagne der CSU, dass Ex-Innenminister Günther Beckstein einen Sündenbock gebraucht habe. „Ich war ja nicht der einzige kriminelle Jugendliche in Bayern. Aber ich hatte einen türkischen Pass“, sagt Muhlis und erinnert sich: 16. November 1998. Knapp vier Monate war Muhlis wegen Körperverletzung in Untersuchungshaft, nun steht die Abschiebung bevor. Mittags hebt am Münchner Flughafen die Maschine Richtung Istanbul ab. Mit an Bord: Drei Beamte des Bundesgrenzschutz und Muhlis damalige Freundin Jasmin. Am Flughafen von Istanbul warten viele Menschen auf Muhlis: die Flughafenpolizei, Vertreter des deutschen Generalkonsulats, Scharen von Reportern und Fotografen. Doch es warten keine Verwandten, keine Freunde. Muhlis und Jasmin verbringen die ersten Nächte in einem Kinderheim für Waisen, Obdachlose und Kriminelle. Zur gleichen Zeit beherrscht sein Fall die türkische Presse, Muhlis wird zum Medienstar. Und zum Vermarktungsopfer: Ein Musiksender bietet ihm sofort einen Job als Moderator, lockt ihn mit Versprechen von Geld und Ruhm. „Ich kam gerade aus dem Knast und die sind mir zu Füßen gelegen. Ich hatte keine Ahnung, was die mit mir vorhaben, aber als 14-Jähriger hat mich das natürlich fasziniert.“ Heute sagt er, das sei ein großer Fehler gewesen. Der Sender habe nie die Absicht gehabt, ihn zu fördern. Ausgenutzt hätten sie ihn. Muhlis verhilft dem Musiksender zum Quotenanstieg. Er bekommt eine Limousine mit Chauffeur, feiert mit Fotomodellen und trennt sich von Freundin Jasmin. Wenige Monate später sinkt seine Popularität, der Sender entlässt Muhlis fristlos, weil er einen Computer geklaut haben soll. „Ich konnte das nicht glauben. Die haben das alles nur erfunden, um mich loszuwerden“, sagt Muhlis und lässt die Hände wild durch die Luft fahren, als müsse er sich noch einmal vor Gericht rechtfertigen. Dann erzählt er von weiteren drei Tagen hinter Gittern, diesmal auf einem türkischen Polizeirevier. Am vierten Tag ist Muhlis frei, der Richter kann die Vorwürfe des Musiksenders nicht bestätigen. In den folgenden Wochen wird er von Kinderheim zu Kinderheim geschoben. Dann kommt er bei einer türkischen Journalistin unter, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Wenn Muhlis heute an seinem Schreibtisch sitzt, blickt er direkt auf einen großen Flachbild-Fernseher, der an der Wand gegenüber hängt. Bunte Musikvideos flimmern über den Bildschirm. Es läuft MTV, nicht etwa der Musiksender, für den Muhlis einst arbeitete. Sein Büro liegt in einer Kleinstadt nahe der griechischen Grenze. Mit einem Partner betreibt er von hier aus ein Transportunternehmen, das auch Busse und Autos vermietet. Draußen weht die türkische Flagge, über dem Schreibtisch prangt in Gold die Silhouette Atatürks, des Begründers der Türkei.


„Ich vermisse Deutschland. Aber am meisten vermisse ich München“, sagt Muhlis. Ob er denn keine Wut hege, gegen das Land, das ihn nicht mehr haben wollte? „Ich kenne keinen Hass, denn ich habe ja auch Fehler gemacht. Genau wie meine Eltern. Aber der größte Fehler ist den deutschen Behörden passiert. Die haben es nicht geschafft mit einem 13-Jährigen fertig zu werden. Ich war doch kein Schwerverbrecher. Ich war ein Kind, das Unterstützung gebraucht hätte.“ „Verschone uns bitte, Mehmet!“, titelt die Bild-Zeitung Unterstützung bekommt Muhlis damals von seinem Anwalt, der von Deutschland aus für seine Rückkehr kämpft. Im Juli 2002 gelingt ein Justiz-Coup: Das Bundesverwaltungsgericht hebt die Ausweisung auf, nach vier Jahren darf Muhlis wieder nach München. Die Botschaft des Richters ist eindeutig: Muhlis ist in Deutschland geboren und straffällig geworden, er muss dort auch resozialisiert werden. Weniger eindeutig äußert sich die bayerische Politik: Der SPD-Abgeordnete Klaus Hahnzog lobt die „strikte Anwendung rechtsstaatlicher Grundsätze“, für Günter Beckstein indes „bleibt Mehmet ein Ausländer“. Ein Ausländer, den man fortschaffen sollte. Am 1. August 2002 ist Muhlis wieder am Münchner Flughafen. Diesmal in der Ankunftshalle. Die Bild-Zeitung titelt: „Verschone uns bitte, Mehmet!“ Ein Jahr später hat er den Hauptschulabschluss gemacht. Straffällig geworden ist er in dieser Zeit nicht, die Jugendhilfe der Münchner Diakonie kümmert sich um ihn, die Jugendstrafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Muhlis hat eine Wohnung in Fürstenried, doch eine Lehrstelle kriegt er nicht. Trotz Abschluss mit Note 1,5. „Ich hatte fünf Jahre keinen Stift in der Hand und habe in einem Jahr meinen Abschluss nachgeholt. Wenn ich mich da nicht bewiesen habe, dann weiß ich es auch nicht.“ Als Muhlis das sagt, schüttelt er den Kopf, presst die Lippen fest aufeinander. „Ich war auf einem guten Weg“, findet er noch heute. Doch dieser Weg nimmt ein jähes Ende. Am 2. März 2005 wird Muhlis spät abends festgenommen. Er soll seine Eltern verprügelt haben. „Ich habe meinen Eltern gegenüber noch heute ein schlechtes Gewissen. Aber ich habe sie nie geschlagen“, beteuert er. Trotzdem sei er weder Vater noch Mutter böse, dass sie damals zur Polizei gegangen sind: „Meine Eltern waren sehr, sehr überfordert mit mir. Aber wir haben uns immer geliebt. Ich war eben ihr kleiner Prinz.“

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Illustration: Julia Schubert

Muhlis, heute Nach zwei Monaten Untersuchungshaft wird Muhlis im Mai 2005 zu anderthalb Jahren Haft verurteilt. Zunächst auf Bewährung, er soll 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten: Rasen mähen auf einem Münchner Friedhof. „Heute denke ich mir: Wieso hat man mich nur schikaniert, wieso hat man mich nicht gefördert? Rasen mähen ist doch keine Integrationsmaßnahme.“ Nach wenigen Tagen hat er genug. Um dem Gefängnis zu entgehen, flieht er letztlich in die Türkei. Die Stadt München reagiert und spricht eine Ausweisungsverfügung aus. Damit steht endgültig fest: Muhlis darf nie wieder nach Deutschland zurückkehren. Zwei Kilometer von Muhlis’ Büro entfernt liegt die Paintball-Anlage. Muhlis fingert an einem Holzverschlag herum, bis sich das Eingangstor öffnen lässt. Er geht hinein, breitet mitten auf dem Rasen die Arme aus und ruft: „Das ist mein Baby!“ Dann marschiert er weiter über das Grundstück, zeigt die Umkleidekabinen, die Toiletten, den kleinen Kiosk. An der Fassade muss noch gearbeitet werden, hier und da fehlen noch ein paar Fließen, einige Möbel sind im Lieferverzug. „Aber ich schaffe das, ich bin ehrgeizig“, sagt Muhlis und lächelt zufrieden. Als er vor knapp fünf Jahren in die Türkei flüchtet, steht Muhlis noch vor einer ungewissen Zukunft. In einer Phase der Orientierungslosigkeit wird er vom türkischen Militär einberufen. Als sein Wehrdienst endet, findet er einen Geschäftspartner, gründet das Transportunternehmen. Er fasst Fuß im einst so fremden Land und schließt Frieden mit seiner neuen Heimat: „In Deutschland gibt es Menschenrechte, daran müssen wir hier noch arbeiten. Aber in der Türkei habe ich Menschlichkeit erfahren, die ich in Deutschland vermisst habe. Ich habe mich früher geprügelt, ja. Das bereue ich. Aber ich bin kein Mörder.“ Was er mit dem Geld anstellen werde, das die Paintball-Anlage abwirft? „Ich will hier ein Jugendzentrum aufbauen, wo Kinder und Jugendliche gefördert werden“, sagt er. Mit dem Gouverneur der Provinz habe er das bereits besprochen. Auch deutsche Jugendliche seien im Rahmen von Auslandsprojekten willkommen, um ihre Aggressionen an seiner Paintball-Anlage loszuwerden. „Ich weiß ja selber wie das ist: Wir hatten damals in Neuperlach keine Beschäftigung. Immer nur dieses Rumsitzen. Da kommst du auf blöde Gedanken“, sagt Muhlis. Die Vergangenheit lässt ihn nicht los.

Text: andreas-glas - Fotos: dpa, Autor

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