Die verklärten Vierziger

Bei "Blitz Partys" feiern junge Briten den Zusammenhalt der Nation im Zweiten Weltkrieg. Warum machen die das? Eine Erkundung
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Wenn man zu Hunderten in dem Keller steht und dann der Fliegeralarm losgeht, da kriege ich schon Gänsehaut.“ Rebecca McWattie schwärmt von der Blitz Party im Londoner Stadtteil Shoreditch. Die 26-jährige ist keine Rollenspielerin mit einem Faible für den zweiten Weltkrieg. Rebecca ist Vintage-Fan und damit Teil einer immer größer werdenden Gruppe von Menschen, die sich mehr oder minder intensiv im Stil vergangener Jahrzehnte kleiden. Rebecca hat ihr Hobby zum Beruf gemacht: Vergangenes Jahr hat sie ihren eigenen Online-Shop Stop Traffic Clothing eröffnet, in dem sie Kleidung im Stil der vierziger und fünfziger Jahre verkauft; nebenbei schreibt sie für das Blog Vintage Guide London und das Magazin Vintage Life. Auf der Blitz Party feiert sie das Lebensgefühl, die Musik und die Mode der vierziger Jahre in England – inklusive Bunkeratmosphäre und Fliegeralarm. 

  Wenn Briten vom „Blitz“ sprechen – angelehnt an den NS-Propagandabegriff des „Blitzkriegs“ –, dann meinen sie die deutschen Luftangriffe während des zweiten Weltkriegs auf Großbritannien, insbesondere auf London: Ab dem 7.September 1940 wurde die britische Hauptstadt 57 Nächte lang kontinuierlich bombardiert. Die Party wirbt damit, dass man in dieser Kriegserinnerung schwelgen („a night of spirited wartime revelry“) und die britische Flagge mit Stolz schwenken könne. 

  Auf den ersten Blick wirkt das makaber, vor allem, weil während des „Blitz“ in ganz Großbritannien mehr als 43 000 Menschen ums Leben kamen. Andria Stirling, eine der Organisatorinnen, sieht das aber  anders: Bedenken wegen des Namens hätten sie und die Veranstalter „Bourne and Hollingsworth Events“ nie gehabt. „Warum auch? Wir feiern ja nicht den Krieg an sich.“ Ziel sei es, den Zusammenhalt der Londoner widerzuspiegeln und vor allem Spaß zu haben. „Für eine Party braucht man einen knackigen Namen – bei dem Begriff Blitz denkt halt jeder Engländer an die vierziger Jahre.“

  Im Team von Andria Stirling ist eine Designerin für die Dekoration zuständig. Sie stöbert im Internet, in alten Magazinen und Archiven, sodass die Party möglichst detailgetreu wirkt. „Unsere Cocktailkarte ist im Stil der Essensmarken gestaltet, die Getränke werden in Marmeladengläsern und Emaille-Bechern serviert, Sandsäcke sind aufgestellt, es gibt eine Big Band – unsere Gäste sollen sich fühlen, als seien sie wirklich auf einer wilden Party der vierziger Jahre.“ Genauso geben sich die Gäste Mühe mit ihrem Outfit. Die Männer kämmen ihre Haare mit Pomade zur Seite und tragen Soldatenuniform. Rebecca McWattie und die anderen Frauen rüschen sich auf, stecken sich ihre Haare in so genannten Victory Rolls fest; das sind kleine Haartollen, die in den Vierzigern die Haare bei der Arbeit aus dem Gesicht halten sollten. 

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Illustration: Julia Schubert
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Illustration: Julia Schubert

Eindrücke von einer "Blitz Party"

  Abgesehen von den langen Haaren und dem rotem Lippenstift war der Kleidungsstil der vierziger Jahre jedoch nicht glamourös, sondern eher schlicht. Den größten Einfluss auf die britische Mode hatte die Stoffrationierung, erklärt Carol Harris. Die Journalistin und Autorin hat sich in ihrem Schreiben auf die dreißiger und vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und auf den zweiten Weltkrieg spezialisiert. Vergangenes Jahr ist ihr Buch „The Blitz Diary“ erschienen, eine Dokumentation über das Leben in England während der deutschen Luftangriffe. „Die staatlichen Kampagnen wie Make Do and Mend (ungefähr: Aus Alt mach' Neu) und Save and Sew (Spare und Nähe selbst) beeinflussten die Kleidung maßgeblich.“ Heute finden sich die beiden Mottos zum Beispiel als Titel von Vintage-Nähkursen wieder. Stricken wurde damals zum britischen Volkssport,  Rüschen und überflüssige Stoffverzierungen gab es nicht. Auch die Höhe der Schuhabsätze war reguliert. Zwei Inches, ungefähr fünf Zentimeter durfte ein Absatz maximal messen, erklärt Carol Harris weiter. 

  Diese Liebe zum Detail und die Wiederentdeckung des Stils der vierziger Jahre scheint einem größeren Publikum zu gefallen. Mindestens 500 Gäste waren laut Andria bei jeder der bisherigen Blitz Partys – die nächste am 8.Oktober ist bereits ausverkauft. Zudem ist die Blitz Party nur ein Beispiel für ein Meer an Vintage-Veranstaltungen: Es gibt Five O’Clock Tea im 40er Jahre Ambiente, eine Riesenauswahl an Second-Hand-Läden, Vintage-Flohmärkte, Radtouren auf alten Rädern, Mottopartys und Strickclubs.

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Illustration: Julia Schubert



  Aber was finden junge Engländer in den vergangenen Jahrzehnten? Klar, Serien wie „Mad Men“ oder die neue britische BBC-Produktion „The Hour“, die sich um den Fernsehsender während der der fünfziger Jahre dreht, haben das Interesse an der Vergangenheit ganz allgemein verstärkt. Der Vintage-Stil ist ins öffentliche Bewusstsein gerückt und in die Kollektionen von Modeketten wie „H&M“ und „Topshop“ gekommen. 

  Der Trend spiegelt vielleicht auch den Wunsch nach etwas Beständigem wider, nach Entschleunigung in einer hektischen Stadt wie London, in der immer, egal wann und egal wo, etwas los ist. „Die Blitz Party ist für viele Gäste eine Flucht aus dem Alltag“, glaubt Andria. „Außerdem ist die Clubszene in London ziemlich stressig. Hier bei uns sind alle nett zueinander, die Männer benehmen sich wirklich wie Gentlemen, alle sind Teil eines großen Ganzen; die Kleidung und die Atmosphäre in dem Partybunker gibt wohl ein Gefühl von Zusammengehörigkeit.“ Für Rebecca McWattie ist es ähnlich: „Wenn ich in den Partybunker hinabsteige, bekomme ich wirklich das Gefühl, in eine vergangene glamouröse Ära einzutauchen.“ Eine Ära, in der Männer ebendiese Gentlemen waren und Frauen – zumindest Filmstars wie Veronica Lake und Ingrid Bergman – Glamour ausstrahlten. Dass sie die Vierziger verklärt, gibt Rebecca offen zu: „Solange man sich dessen bewusst ist, sehe ich darin kein Problem.“ 

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Illustration: Julia Schubert

Rebecca McWattie

  Die Autorin Carol Harris hat noch nie von der Blitz Party gehört, dafür sei sie wahrscheinlich auch zu alt, sagt sie und lacht. Diesen verklärten Blick auf vergangene Jahrzehnte findet sie nicht erstaunlich. „Wir werden sowieso nicht im Geringsten nachvollziehen können, was es wirklich heißt und wie es sich anfühlt, im Krieg zu sein.“ Aber muss man sich nicht seiner Kleidung und ihrer Wirkung bewusst sein, um zum Beispiel zu verstehen, für welche Epoche man gerade steht? Carol Harris sieht das nicht so eng. „Viele junge Menschen kombinieren verschiedene Epochen durcheinander – was toll ist. Auch wenn ich es nicht machen würde.“ Harris sieht den Trend zum Vintage eher pragmatisch. „Viele gehen danach, was ihnen steht. Jede Epoche schmeichelt verschiedenen Figuren – die zwanziger Jahre mit der tiefen Taille stehen eher Frauen mit einer androgynen Figur. Frauen mit Kurven stehen die fünfziger Jahre besonders gut.“
 
  Rebecca McWattie mag selbst nicht zuviel über die historische Bedeutung der Kleidung nachdenken, die sie anzieht. Sie wehrt sich zum Beispiel gegen den Vorwurf, dass, wer als Frau die Kleidung der vierziger und fünfziger Jahre anziehe, auch ein überkommenes Frauenbild wiederbelebe. „Das Tolle am 21.Jahrhundert ist ja, dass wir alles anziehen können“, sagt sie. „Und zwar ohne die Zwänge und Schwierigkeiten der Jahrzehnte mit zu importieren.“

Text: fiona-webersteinhaus - Fotos: Essence Communications, Aliona Adrianova

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