Die Wahrheit über den Neuanfang

Jaja, jetzt kommen sie wieder in den Kopf spaziert, all die Vorsätze. Wir sagen dir, warum nix aus ihnen wird.
peter-wagner

In der Dezember-Ausgabe der Zeitung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster erklären zwei Verhaltensökonomen, warum wir Ziele in Form von guten Vorsätzen fassen. „Jeder weiß: Ziele wirken umso leichter erreichbar, je weiter sie in der Zukunft liegen“, schreiben Professor Aloys Prinz vom Institut für Finanzwissenschaft II und sein Mitarbeiter Björn Bünger. „Da das Gehirn uns dafür belohnt, dass wir uns überhaupt Ziele setzen und ihre Realisierung vorwegnehmen, genießen wir den Erfolg bereits ohne Anstrengung. Allerdings ergibt sich der Nachteil, dass die meisten Vorsätze nicht eingehalten werden, weil damit ,Kosten‘ anfallen wie etwa Verzicht auf lieb gewonnene Verhaltensweisen.“ Das ist schon mal eine Wahrheit über den Vorsatz: Allein weil man sich etwas vornimmt, erlebt man ein bisschen Befriedigung. Dann aber kommt die Umsetzung. Für die müsste man sein Leben ändern. Oder einfach einsehen, dass man sich mit manchen Vorsätzen etwas vormacht: Fünf küchenpsychologische Betrachtungen von fünf herkömmlichen Vorsätzen.
 
  Das ist der Vorsatz:
  Im neuen Jahr jogge ich jeden Tag eine halbe Stunde.

  Das soll er bringen:
  Fettreduktion, frische Luft und neue Turnschuhe. 

  Solange geht er gut:
  Bis 6. Januar klappt’s einigermaßen mit immerhin vier motivierten Joggingeinheiten. In der zweiten Woche Umstieg auf „zweimal wöchentlich“. Im Februar dann wieder Normalmaß: Man joggt so häufig wie man Sex hat.

  Warum der Vorsatz scheitern muss:
  Es ist sicher nicht falsch, das Joggen vom Ende, als vom Ergebnis her zu denken: Fitness, Fettverlust, super. Aber wer behauptet denn, dass es Spaß macht, jeden, also wirklich jeden Tag dort draußen im Januar-Wettermampf seine Runde zu drehen? Zuviel Sport ist wie zuviel Pizza: Nach dem fünften Mal hintereinander wird's brockig. Selbst wenn der Pizzabelag, oder, aufs Joggen übertragen, die Laufstrecke sich ändert. Der Jeden-Tag-joggen-Vorsatz zählt deshalb zu den sogenannten Täuschungsvorsätzen. Wer sich diesen Vorsatz fasst, hatte keinen Dunst, was er wirklich bedeutet.

  Der Rat:
  Joggen nach Laune schlägt Joggen nach Plan.

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Illustration: Julia Schubert


  
  Das ist der Vorsatz:
  Ich hör mit dem Rauchen auf und trink auch weniger.

  Das soll er bringen:
  Einen klaren Kopf und eine hellere Lunge.

  So lange geht er gut:
  Bis die Julia und ihr Freund, der Bögl Markus, am 13. Januar ihren Geburtstag nachfeiern. Um 23 Uhr stellt man fest, dass die zwei nur einmal 25 beziehungsweise 30 Jahre alt werden. Also.

  Warum der Vorsatz scheitern muss:
  Wer beim Lebensmitteleinkauf weniger Geld ausgeben will, das sagt eine Regel, der soll vorher ordentlich essen. Ähnlich ist es im Grunde bei Alkohol und Rauch. Wer am 1. Januar aufwacht und sein schlimm verschobenes Gehirn beklagt, weil er in einem Zeitkorridor von zehn Tagen ein Klassentreffen, ein Verwandtentreffen, ein Silvestertreffen und ein Zufallstreffen zu bewältigen hatte, tut sich sehr leicht, den künftigen Verzicht auf Kippe und Korn zu beschließen. Man spricht dann von einem Impulsvorsatz, der den ersten Monat des neuen Jahres leider selten überlebt. 

  Der Rat:
  Hie und da einem Zufallstreffen aus dem Weg gehen.

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  Das ist der Vorsatz:
  Im neuen Jahr lese ich jede Woche ein Buch.

  Das soll er bringen:
  Weniger Fernsehen, mehr Fantasie, bisschen Bildung.

  So lange geht er gut:
  Die erste Januarwoche. Danach beginnt bisweilen schon das Geflunker und man bemüht buchhalterische Tricks, um den Vorsatz zu stemmen: Manche rechnen die drei während der Weihnachtsfeiertage in einem Rutsch bewältigten Bücher noch schnell dem Januar zu. Kann man machen, zwecks Bilanz. Aber danach? 

  Warum der Vorsatz scheitern muss:
  Wer sowieso viel liest, wird diesen Vorsatz nicht fassen. Hier wird ein bei Vorsätzen häufig anzutreffendes Problem deutlich: Der Vorsatzfasser hat in Wahrheit keinen Bock auf seinen Vorsatz, glaubt aber, Bock darauf haben zu müssen. Weil mehr Lesen ja zum Beispiel eigentlich gut wäre. Leider sind Eigentlich-wäre-es-gut-Vorsätze die schlimmsten Rohrkrepierer. 

  Der Rat:
  Kurzgeschichten.

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  Das ist der Vorsatz:
  Ab 1. Januar führe ich ein Tagebuch.

  Das soll er bringen:
  Seelenreinigung und intime Gedanken.

  So lange geht er gut:
  Mit Unterbrechungen bis Anfang März. Dann ist eine Woche Skiurlaub und es gilt: „Ich bin abends so fertig, ich kann dann nicht mehr schreiben.“ Das bleibt dann auch so. 

  Warum der Vorsatz scheitern muss:
  Die Weihnachts- und Neujahrszeit taugt für viel Rückschau und Vorschau und Gedanken-Schubidu. Das ist auch gut so. Aber nicht gut ist es, zu glauben, diese Form der Kontemplation ließe sich so leicht, wenn auch nur in Form eines täglichen Tagebucheintrags, ins neue Jahr retten. In den meisten Leben passiert nämlich jeden Tag so viel Zeug, dass zum Aufschreiben am Ende keine Zeit bleibt. Hinzu kommt ein Umstand: Wir haben es hier mit einem irritierenden Vorsatz zu tun. Tagebuchneulinge finden es häufig befremdlich, in einem Büchlein über sich und an sich selbst zu schreiben. Sie sitzen abends neben sich und sprechen sich an wie in einer Selbsthilfegruppe: „Hallo ich! Ja, ich bin’s. Das Ich. Ich schreib jetzt über dich. Also mich. Für dich.“ Soviel irritierende Nähe zu sich selbst ertragen die meisten nur bis März. Dann ist endlich Skifahren. 

  Der Rat:
  Twittern. Kommt einem ein bisschen so vor, als würde man sich selbst anquatschen, ist aber immerhin öffentlich.* 

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  Das ist der Vorsatz:
  Im neuen Jahr kümmere ich mich richtig gut um meine Freunde. Und Geburtstage vergesse ich auch keine mehr!

  Das soll er bringen:
  Das, was angeblich die Wurzel allen Glücks ist: Mitmenschlichkeit, Credit Points beim lieben Gott, eine bessere Glückwunschquote zum eigenen Geburtstag.

  So lange geht er gut:
  Bis zum 6. Januar, 22.45 Uhr: „Emma? Ich wollte dir alles Gute zum Geburtstag wünschen!“ – „Der war doch gestern.“ – „Achz.“

  Warum der Vorsatz scheitern muss:
  Weil er ein schönes Exemplar eines Missverständnisvorsatzes ist. Deshalb nochmal zum Mitschreiben: Weihnachten ist das Fest der Liebe, der Mitliebe und auch sonst für Menschlichkeit geeignet. Und das beschreibt auch schon den Clou. An Weihnachten darf oder soll man an alle denken, damit man den Rest des Jahres nicht immer und dauernd an alle denken muss. Denn wenn man anfinge, auch das ganze Restjahr immer und dauernd und ausführlich an alle Freunde und auch an die übrigen Menschenbommel zu denken, hätte man ja kaum Zeit für die üblichen Verrichtungen und man hätte das ganze Jahr zu einem einzigen Weihnachten gemacht. Das kann doch keiner wollen. 

  Der Rat:
  Wer einen Freund länger nicht sieht oder hört, hat sich beim Wiedersehen mehr zu erzählen. 
 
 
  * Wenn du trotzdem entschlossen bist, endlich Tagebuch zu schreiben: Seit 1. Januar verfassen jetzt.de-User gemeinsam ein großes Community-Tagebuch. Mehr dazu hier auf jetzt.de.

Text: peter-wagner - Foto: Nadine Platzek / photocase.com

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