Die Weihnachtsambulanz

Am Jahresende denkt man nach: Eine Kurzgeschichte der Münchner Schriftstellerin Katja Huber
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I. Einmal Weihnachten unterm Kreuz des Südens, am brasilianischen Strand. Einmal Weihnachten nur mit ihm, Gaskocher und geschmolzenem Schnee, im selbstgebauten Iglu auf zugefrorenem See. Noch nie mit ihm im Kreise seiner Familie, noch nie mit ihm im Kreise meiner Familie. Immer wieder etwas ganz Neues gemacht, im letzten Moment, immer wieder Zeichen gesetzt. Das ließe sich jetzt noch einige Zeichen so fortdenken, das ließe sich jetzt noch einige Zeilen so fortsetzen: zehn Zeichen an insgesamt 30 Weihnachten gesetzt, zehn Weihnachten von insgesamt dreißig nicht zuhause verbracht; so schlecht ist meine Weihnachtsbilanz nicht, auf den ersten Blick. Schon der zweite Blick zeigt: Wäre mein Leben eine Landkarte, wäre sie übersät von Umgehungsstraßen. Ich könnte mit der Landkarte zu meiner Therapeutin gehen, sie würde fünf Minuten auf all die "Letzte-Ausfahrt-Vor-Weihnachten"-Wegweiser blicken, sie würde mir fünf Minuten tief in die Augen schauen, weitere fünf Minuten in meine Seele, dann würde sie einen Seufzer ausstoßen. Ich würde fünf Minuten verunsichert nachsinnen, um dann zu beschließen: dieser Seufzer war nicht für mich bestimmt. Sie würde einen letzten unauffälligen Blick auf die Landkarte werfen, um sie daraufhin behutsam zusammenzufalten. Dann würde sie mir eine Geschichte erzählen. Von einem jungen Mann und einer jungen Frau, die sich gerade bei ihr in Paartherapie befinden.

Auf der Couch von Sigmund Freud könnte man auch gut das Jahr ausklingen lassen Laut meiner Therapeutin wünschen sich die beiden nichts sehnlicher als ein Kind. Aber wer Späne will, muß auch hobeln, sagt meine Therapeutin, die ein Faible für Metaphern aller Art hat, besonders für falsche und falsch angewandte, und ich werte es als eindeutiges Zeichen meiner allmählichen Genesung, daß ich jetzt lächeln muß. „Verstehen Sie?“ sagt meine Therapeutin, und ich registriere, daß sie mich, nach fünfzehn Therapiestunden, heute zum ersten Mal direkt anspricht, „Das Kind kommt nicht, und es wird auch nicht kommen. Denn jedes Mal, wenn die beiden sich an die Verwirklichung eines Kindes machen (ich registriere: „Verwirklichung eines Kindes“ und bedaure nun fast ein bißchen, bei meinem ersten kassenärztlichen Beratungstermin bei „Anforderungen an den Therapeuten“ nicht „sicherer Umgang mit der deutschen Sprache“ angekreuzt zu haben), jedes Mal, wenn sie sich an die Verwirklichung eines Kindes machen, fällt mindestens einem von beiden ein, daß sie noch ihr Auto abzahlen müssen, daß eine Beförderung aussteht, daß ihre Zwei-Zimmer –Wohnung zu klein ist, daß....“ „Und was hat das mit mir zu tun?“, frage ich, und weil ich schon weiß, daß sie sich, falls sie sich überhaupt zu einer Antwort herablassen wird, mit dieser Antwort sehr viel Zeit nehmen wird, nutze ich diese Zeit. Ich frage mich, ob es es ein Handbuch für lebensnahe Geschichten gibt, dessen Inhalt jeder Therapeut vor seiner Zulassung auswendig lernen muß. Ob dieses Handbuch nicht regelmäßig überarbeitet werden sollte, und wer die Autoren dieser lebensnahen Geschichten sein könnten. Falls es so ein Handbuch geben sollte, bin ich mir plötzlich sicher, sind die Autoren Psychologiestudenten. Für ihre Mühen erhalten sie in der nächsten Klausur maximal einen Punkt mehr, außerdem ein Zeilenhonorar, für das nicht mal ein Lokalreporter vor die Tür gehen würde. Kein Wunder also, daß die Geschichten so klingen wie sie klingen. Wäre ich Autorin eines derartigen Handbuchs, würde das junge Ehepaar mit Kinderwunsch zwar auch scheitern, die Gründe aber wären ganz andere: Jedes Mal wenn die junge Frau ihren Mann zur „Verwirklichung eines Kindes“ animieren wollen würde (aus bisher ungeklärten Gründen steht der jungen Frau, Tochter eines renommierten Germanistikprofessors, ein äußerst beschränktes Vokabular zu Verfügung, darüber hinaus leidet sie an angeborene Kohärenz-Inkontinenz und Metaphernschwäche), würde der junge Mann durchdrehen. Er würde eine Stunde hektisch durch die Wohnung laufen und laut schreiend sein Anrecht auf geistige Mitgift, auf einen sicheren Umgang mit der deutschen Sprache einfor-dern. „Hääh?“, würde die junge Frau zuerst noch ziemlich unbekümmert fragen, und wenig später, bereits unter Tränen, ihren Vater anrufen. Der würde sich von seiner Sekretärin verleugnen lassen, da ihn ein „Ihre Tochter läßt fragen, ob Sie eine kurze Pause einstellen könnten“ zum wiederholten Male seine Vaterschaft anzweifeln lassen würde. Irgendwann würde der junge Mann von der Schreierei heiser werden, die Tränen der jungen Frau würden versiegen, und die beiden würden zu Bett gehen. Die junge Frau wäre auch nach diesem unerfreulichen Ereignis noch bereit, sich an die Verwirklichung eines Kindes zu machen. Wenn der junge Mann nicht in all seiner Verbitterung und Rachsucht das Bett mit einem „Kulturzaun“ durchzogen hätte: Am Abend eines fürchterlichen Tages liegt die junge Frau in ihrer Betthälfte, und blickt, anstatt auf ihren Mann, auf eine Mauer: Kindlers 20bändiges Literaturlexikon bildet das Fundament, und selbst der junge Mann kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr entscheiden, ob es der in der Mitte der Mauer angesiedelte 24bändige Brockhaus ist oder der oben aufliegende Duden in alter, in neuer und in überarbeiteter neuer Rechtschreibung oder alles zusammen, das die beiden von Grund auf trennt. „Um-ge-hungs-maß-nah-men!“ sagt meine Therapeutin jetzt laut, deutlich und pointiert, und ich habe keine Angst, für beschränkt gehalten zu werden, wenn ich mit „Hääh?“ antworte. „Umgehungs-maß-nahmen!!“ wiederholt meine Therapeutin laut, deutlich und nur unwesentlich weniger pointiert. „Wenn das jetzt die Erkenntnis sein soll“, denke ich....schließlich bin ich heute mit einer von Umgehungsstraßen übersäten Lebenslandkarte aufgekreuzt. "Daß da bestimmte Umgehungsstrategien in meinem Leben bestehen, weiß ich..."; sage ich. Interessant wäre jetzt das Warum, wären Strategien zum aktiven Umgehen des Umgehens... denke ich. Bevor ich anfangen kann, meine Gedanken zu formulieren, sagt meine Therapeutin „Großartig“, Sie blickt auf die Uhr. Sie sagt. „Der erst Schritt zur Einsicht. Das wär’s für heute.“ Falls es ein Therapeuten-Handbuch für Drehbuchschreiber geben sollte, das festlegt, wie ein Therapeut in einem Film oder einer Fernsehserie aufzutreten hat, dann ist meine Therapeutin in diesem Handbuch besser aufgehoben als an irgend einem anderen Ort des Universums.


II. In meinem Leben gibt es keine Therapeutin. Was nicht heißt, daß ich mir in letzter Zeit nicht ernsthaft Gedanken darüber gemacht habe, ob es nicht besser wäre, wenn es in meinem Leben eine Therapeutin gäbe. Der Ansatz wäre natürlich ein völlig anderer. Meine Therapeutin müßte mit mir nicht über Weihnachten-Umgehungs-Straßen sprechen, sondern darüber, daß mein Freund mich verlassen hat. Sie müßte mit mir die Frage diskutieren, ob eine Paartherapie das Schlimmste verhindern hätte können. Ob wir uns, wenn das Schlimmste verhindert worden wäre, mit dem Zweitschlimmsten zufrieden gegeben hätten, und wer darunter mehr gelitten hätte. Sie müßte mir erklären, warum man ganze zehn Jahre zusammen ist, nur, um sich dann zu trennen. Da ich aber bei meinem ersten kassenärztlichen Beratungstermin bei „Anforderungen an den Therapeuten“ weder „promovierte Philosophin“ noch „einfühlsame Kindergärtnerin“ ankreuzen konnte, gibt es in meinem Leben noch keine Therapeutin. Das ist ein Grund. Der zweite heißt Weihnachten. Ich wäre jetzt gerne meine nicht vorhandene Therapeutin oder die junge Frau aus meinem nicht vorhandenen Handbuch für lebensnahe Geschichten. Dann könnte ich meine nahe Zukunft mit schiefen Weihnachtsmetaphern schmücken. Ich könnte beschließen: Weihnachten ist das Fest des Lebensbaums, der viel zu schnell nadelt – Ich will Weihnachten nicht unter einem Lebensbaum verbringen, der noch schneller und früher nadelt als ich, ich werde nach Japan fahren, mich bis zum dreißigsten Juni unter einen Bonsai kauern, und jeden Tag ein Haiku verfassen: Nadelhaiku . . . . . . . . . . . . Zwölf braune Nadeln Ich bin aber weder meine nicht vorhandene Therapeutin, noch die junge Frau aus meinem nicht vorhandenen Handbuch für lebensnahe Geschichten. Ich bin gerade erst für immer von meinem Freund verlassen worden, ich empfinde Weihnachten stärker als je zuvor als Fest der Liebe, und ich stelle mich: Ich werde heim kehren. Im Zug werde ich mich ein letztes Mal fragen, ob auch ich in den letzten zehn Jahren nicht etwas zielstrebiger an der „Verwirklichung eines Kindes“ hätte arbeiten sollen. Ich werde nicht mehr dazu kommen, in Gedanken auszuformulieren, wie „Verwirklichung eines Kindes“ in meiner Sprache lauten würde. Denn am verschneiten Bahnsteig wird mich bereits meine Familie erwarten. Ich werde drei Tage lang Wunderkerzen- und Weihrauch, geschwisterliche, elterliche und großelterliche Liebe inhalieren und unter dem frischen Weihnachtsbaum in Tränen ausbrechen. Ich werde eine Haiku-Ambulanz errichten, für alle, die am Fest der Liebe traurig sein müssen. Eine Haiku-Ambulanz, bei der jedes Gedicht, egal wie kitschig, egal wie formfalsch oder schlecht es ist, gilt. Hauptsache es trägt zur Lebensrettung bei. 1. Haiku Ambulanz Du wolltest Liebe ich auch aber viel mehr als du unmöglich! 2. Haiku Ambulanz Ein Stück Du-Nur-Du fiel aus meinem beschissenen Leben: na und? 3. Haiku Ambulanz Ich bin wieder gesund du dafür jetzt todkrank selber schuld! Ich werde mit all der Trauer, der Liebe, den Rachegefühlen, all dem Verständnis, all den Tränen umgehen können. Auch meine Familie wird damit umgehen können. Besonders lieb und verständnisvoll wird meine Großmutter sein. Auch sie hat meinen Exfreund geliebt. Trotzdem: Wenn ich ihr sagen würde, daß mein neuer Freund eine Freundin ist, würde sie mir ganz behutsam übers Haar streichen und sagen: „Du hast ja recht. Ich verstehe dich!“ Wenn ich ihr sagen würde, daß es das jetzt endgültig war, daß ich bis zu meinem Tod alleine bleiben werde, würde sie mir nicht mit dieser großen „Die-Zeit-heilt-alle-Wunden“- oder der noch größeren „Bis-zur-Hochzeit-ist-alles-vorbei“-Scheiße kommen. Sie würde mich umarmen und sagen, daß sie zumindest bis zu ihrem Tod für mich da ist, daß dann meine Eltern übernehmen werden, daß nach deren Tod mein Bruder dran ist, und daß nach meinem Tod sowieso alles gut wird, weil dann endlich nur noch Gott an der Reihe ist. Daß ich sowieso viel zu viel Freude an Freunden habe, um mit nur einem Menschen bis ans Lebensende glücklich zu werden. Nur eine einzige Nachricht würde meine Großmutter an Weihnachten nicht verkraften: Die Nachricht, daß ich eine Therapie mache. Eine Therapie würde alles in Frage stellen. Den Lebenssinn meiner Großeltern, meiner Eltern, wahrscheinlich sogar den der Eltern und Großeltern meiner Großeltern. Eine Therapie würde für meine Großmutter das Totalversagen von mindestens drei Generationen bedeuten. Wäre ein Tabubruch, so ungehörig wie Kirchenaustritt, Eintritt in die FDP oder konsequentes Ignorieren der zehn Gebote. Ich werde also keine Therapie machen, sondern Weihnachten nach Hause fahren. Welche Auswirkungen das auf mein weiteres Leben haben wird, will ich mir weder ausmalen, noch mit irgend jemandem besprechen. Muß ich auch nicht: zu hause stellt sich diese Frage nicht, und wie gesagt: Es gibt - zumindest im kassenärztlichen Angebot - keine Therapeutin, die auch nur ansatzweise so weise, einfühlsam und behütend wie meine Großmutter an Weihnachten ist. Ende. Katja Huber wurde 1971 in Weilheim geboren. Sie lebt in München und arbeitet als Redakteurin beim Zündfunk, der Jugendwelle des Bayerischen Rundfunks. Mit ihrem ersten Roman „Fernwärme“ wurde sie dieses Jahr für den Bachmannpreis nominiert. Bild: AP