Das mag jetzt seltsam klingen, aber unser Leben wäre ein anderes, wenn Mark Zuckerberg nicht farbenblind wäre. Der Facebook-Gründer leidet an einer Rot-Grün-Schwäche. Hat er zufällig bei einem Online-Sehtest herausgefunden, wie er vor ein paar Jahren einem Reporter des New Yorker erzählte. Der hatte sich gewundert, dass Zuckerbergs Küche in einem knalligen Leuchtgelb gestrichen war. Er mache sich nicht viel aus Farben, sagte Zuckerberg. Deshalb die Farbe von Facebook: "Blautöne kann ich einfach alle erkennen."

Eine hinreißend banale Erklärung, gemessen an der Tragweite, die Zuckerbergs Entscheidung hatte. Das Facebook-Blau, Farbcode #3b5998, ist zehn Jahre nach Gründung des Netzwerks nicht weniger als die am weitesten verbreitete Farbe des Internets. Die Startseite von Facebook dürfte - Achtung, großer Superlativ! - das meistgesehene Bild in der Geschichte der Menschheit sein. Wer jetzt kurz schlucken musste, kann ja mal nachrechnen: 1,23 Milliarden Menschen sind dort zur Zeit registriert. Die Mona Lisa, die gemeinhin als das bekannteste Gemälde der Welt gilt, sehen im Jahr etwa neun Millionen Menschen im Louvre. Ein Witz im Vergleich zu den 757 Millionen, die täglich Facebook nutzen, jeder davon im Schnitt 8,3 Stunden im Monat.

 Gestatten: die Lieblingsfarbe der DAX-Konzerne - und gleichzeitig Trendfarbe der diesjährigen Frühlingsmode. Wenn das kein seltsamer Zufall ist!
Angesichts dieser beispiellosen Präsenz eines Farbtons darf man durchaus mal nach der ästhetischen Verantwortung fragen, die das mit sich bringt. Nach allem, was man weiß, unterwirft man in Zuckerbergs Firma die Form gnadenlos der Funktion. Eine amerikanische Zeitung erfuhr vor drei Jahren von einem Insider, bei Facebook kämen auf 600 Ingenieure nur 18 Produktdesigner. Im selben Artikel kritisierte ein renommierter New Yorker Gestalter: "Blau ist die Lieblingsfarbe der ganzen Welt. Für mich bedeutet das: Gutes Design darf auf keinen Fall blau sein!" Blau signalisiert Verlässlichkeit und Stabilität. Nicht zufällig trägt die Hälfte der DAX-Konzerne, und sogar der DAX selbst, die Farbe im Logo, Deutsche Bank, Allianz, Thyssen Krupp. Das Blau steht eher für Stahl als für Spaß. Kein Wunder, dass jüngere Web-Startups wie Twitter, Snapchat oder Reddit deutlich grellere Farben und verspielte Logos nutzen. Die wirklich jungen User erreicht man eben mit putzigen Robotern, Vögeln oder Gespenstern statt dem gesichts- und serifenlosen kleinen f. Es kann Zufall sein, aber pünktlich zum Zehnjährigen ist das Facebook-Blau auch die Trendfarbe in der Mode. Die Firma Pantone, spezialisiert auf Farbkommunikation, hat kürzlich die Modenschauen für den kommenden Frühling analysiert. Die meisten Übereinstimmungen gibt es bei einem Farbton namens "Dazzling Blue". Genau 17,05 Prozent der Designer färbten Teile ihre Kollektionen so, der Ton entspricht fast exakt dem berühmten #3b5998. Die Frühjahrsmode, die wir demnächst sehen, könnte also streckenweise gut als Facebook-Dienstkleidung durchgehen. Und vielleicht sollten wir an dieser Stelle endlich mal dankbar sein. Schließlich hätte der farbenblinde Zuckerberg damals eine deutlich schlimmere Firmenfarbe wählen können - und wir müssten diesen Frühling allenthalben küchengelbe Jeans ertragen.

Text: jan-stremmel - Illustration: Katharina Bitzl