„Die Welt ist nicht perfekt und wird es niemals sein“

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Vor einem Jahr hat die 20-jährige Studentin Esra’a aus Bahrain „Mideast Youth“ gegründet – ein Projekt, in dem junge Menschen aus Israel, Afrika und dem Mittleren Osten über Religion, Extremismus, Kultur und Politik diskutieren. Heute lebt Esra’a in der Schweiz. Eigentlich sollte sie studieren, viel Zeit dafür bleibt ihr nicht: Sie betreut die Internetseiten von 32 sozialen Projekten auf der ganzen Welt, die meisten hat sie selbst initiiert.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Schläfst du eigentlich nicht? Das fragen mich viele Leute. Die Antwort ist aber einfach: Zeit-Management. Ich gehe den ganzen Tag in die Schule, arbeite und manage meine Projekte – zum Schlafen habe ich dennoch genug Zeit. Leider muss ich fast meine ganze Freizeit der Arbeit an meinen Projekten opfern. Was opferst du außer deiner Freizeit? Manchmal Hausaufgaben. Meine Arbeit ist einfach wichtiger. Mit welchem deiner Projekte hat alles angefangen? Mit Mideast Youth. Das war im Mai 2006. Ich wollte eine Plattform für Redefreiheit im Mittleren Osten schaffen. Ihr bezeichnet Mideast Youth als „Cyber Demokratie“. Die meisten von uns kommen eben nicht aus demokratischen Ländern. So können wir mit Demokratie experimentieren und herausfinden, ob es jemals in unserer Region funktionieren kann. Wie sucht ihr euch eure Projekte aus? Wenn wir der Meinung sind, dass ein Problem nicht genug Aufmerksamkeit bekommt, versuchen wir ein Projekt auf die Beine zu stellen. Deshalb beschäftigen wir uns auch nicht mit dem Israel-Palästina-Konflikt. Die Medien sind sowieso schon voll von ihm. Wir versuchen Konflikte zu finden, von denen die Menschen noch nie etwas gehört haben. Wichtige Dinge die sie kennen sollten, z.B. Ehrenmorde, die Bahai’i Minderheiten oder Menschenhandel. Wir werden auch bald eine Homepage über Homosexuelle in der arabisch-muslimischen Welt machen. Mit der Kampagne Migrant-Rights.org habe ich zum Beispiel begonnen, weil es in der Golfregion sehr viele Migranten gibt. Oft werden sie wie Sklaven behandelt und diskriminiert. Es war die erste Kampagne überhaupt in der Region zu diesem Thema. Wie genau helft ihr? Wir geben denen eine Stimme, die nicht gehört werden. Entweder wir machen eine Homepage oder wir stellen Projekten aus Ländern wie China oder Afghanistan Seiten zur Verfügung.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Wie viele seid ihr denn? Bis jetzt sind wir etwa 100 Autoren und zehn Team-Mitglieder. Entweder habe ich angefragt, ob sie bei uns mitmachen wollen, oder sie haben sich direkt bei uns beworben. Wir kommen aus der ganzen Welt und haben uns bis jetzt noch nicht getroffen. Aber wir planen ein Treffen, wo wir unsere Arbeit in wirklichen Leben diskutieren können und uns besser kennen lernen. Hast du ein Lieblingsprojekt? Momentan ist es die Kampagne FreeKaremm.org. Aber generell finde ich alles interessant, bei dem ich etwas lernen kann. Wenn wir mit einem Projekt anfangen, sind wir keine Experten. Zuerst versuchen wir, Informationen zu sammeln, dann fangen wir an, darüber zu schreiben und mit den Opfern zu reden. Dein Freund Kareem wurde in Ägypten wegen kritischer Texte in seinem Blog zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Hat dir das keine Angst gemacht? Nein. Ich habe nur gedacht: „Wir müssen etwas tun, sie dürfen damit nicht durchkommen“. Seit dem sechsten November arbeiten wir deshalb Non-Stop an Kareems Fall. Wir haben gerade mit einer Briefaktion begonnen: Auf unserer Homepage steht die Adresse seines Gefängnisses, so kann jeder mit ihm Kontakt aufnehmen. Es geht bei diesem Fall ja nicht nur um Kareem: Es geht auch um eine ganze Generation junger Denker die ihre Meinung aussprechen wollen - ohne dafür eingesperrt, verhört, belästigt oder bedroht zu werden. Was hat Kareem denn geschrieben? Er hat Präsident Mubarak, den Islam und die Al Azhar Universität kritisiert. Meistens ging es dabei um Extremismus und nicht um Religion. Seine Posts waren trotzdem sehr beleidigend - auch ich als Muslimin fand sie ziemlich geschmacklos. Aber man darf doch niemanden ins Gefängnis werfen, nur weil man mit ihm nicht einer Meinung ist. Ist es schwierig, als junge Frau aus Bahrain politisch aktiv zu werden? Ja, es war nicht einfach, mit den Drohanrufen und den Hass-Mails fertig zu werden. Ich hatte Angst. Aber ich halte mich von lokaler Politik fern. Deshalb glaube ich, dass ich in Bahrain halbwegs sicher bin. Es gibt viele Leute, die gegen uns sind, aber aufgeben werden wir trotzdem nicht. Weiß deine Familie von deiner Arbeit? Meine Eltern benutzen das Internet kaum. Also wissen sie auch nicht, was ich mache. Sie denken, dass ich mich generell von dieser Arbeit fernhalten sollte. Was habt ihr denn bis jetzt erreicht? Wir betreuen einen ganzen Haufen von Projekten und etwa 32 Webseiten. Das hat viele Leute inspiriert. Aber man darf nicht vergessen, dass es uns erst ein Jahr gibt, die meisten Projekte sind noch nicht mal sechs Monate alt. In diesem Jahr haben wir aber mehr erreicht als viele der großen NGOs – und das alles ohne Geld und professionelle Hilfe. Darauf sind wir natürlich sehr stolz. Wann könnt ihr nach Hause gehen? Nie! Die Welt ist nicht perfekt und wird es niemals sein. Mideast Youth ist ein Langzeitprojekt. Ich hoffe es wird immer weitergehen. Diese Webseiten hat Esra'a initiiert: MeFaith.com FreeKareem.org Sexual-Terrorism.org Migrant-Rights.org ParsiYouth.com Darfur-Awareness.org NewYouth4.org FreeActivist.org FreeHaleh.org Media-Students.org Inter-Iman.com (Arabisch) Dis-Moi.org (Französisch) KurdishRights.org Itkalem.org BahaiRights.org NoHonor.org

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