Die WG-Castingshow

Wer Teil einer Wohngemeinschaft werden möchte, muss sich dafür erstmal qualifizieren. Hier eine Übersicht über die häufigsten Varianten dieser fiesen Einzug-Tests.
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Illustration: Julia Schubert


 Variante 1: Das Assessment-Center
 
 Die Annonce:
„Wir suchen ab Oktober einen neuen Mitbewohner/in für unsere frisch renovierte Citywohnung. Die Wohnung ist komplett ausgestattet mit Bügeleisen, Vollautomat und Putzkraft. Stellplatz vor dem Haus incl., sowie eine Internetverbindung (50Mbit/s). Keine Haustiere erlaubt! Bewerbung bitte unbedingt mit Foto einsenden!“

 Die Fußmatte:
Ist aus Kokosfasern handgeflochten. Sie sieht so teuer aus, dass du beim Betreten der Wohnung vorsichtshalber einen großen Schritt über die Matte hinweg machst.

 Die zukünftigen Mitbewohner:
Studieren Wirtschaftswissenschaften oder Jura, ihr wichtigstes Accessoire ist ein dicker Terminkalender. Bei ihnen sitzt alles – vom Lächeln über die Kleidung bis zum Scheckbuch. Ihre Möbel stammen mit Sicherheit nicht aus einem schwedischen Einrichtungshaus und auf dem Flurregal reihen sich Champagnerflaschen. Wenn du dein Spiegelbild in den hochglanzlackierten Schranktüren entdeckst, kommst du dir underdressed vor.

  Die Besichtigung:
Stress! Du klingelst, in der gleichen Sekunde wird dir geöffnet, dein Mantel abgenommen, dein Name notiert und ein Profilfoto für die Unterlagen gemacht. Es folgt die Besichtigung mit der Erklärung „Wenn’s mal lauter wird, mach dir keine Sorgen – das ganze Haus gehört meinem Vater!“ Dann setzt ihr euch in die Küche – du auf der einen Seite, die Jury auf der anderen. Nachdem du einen vierseitigen Fragebogen beantwortet hast, kannst du nachvollziehen, wie sich ein Schwerverbrecher auf dem Polizeirevier fühlen muss.

  Der Balkon:
Wie frisch angemauert. Kein Laub auf dem Boden, dafür gibt es eine hochmoderne Rattan-Garnitur mit passendem Glastisch plus Heizstrahler. Einer der Mitbewohner hält dir die Balkontür auf, dir fällt an seiner Hand sofort der Siegelring auf.

  Die Absage:
„Wir müssen dir absagen. Obwohl wir nicht an deinen Kompetenzen zweifeln, sehen wir mit dir leider keine gemeinsame Zukunft. Wir sind überzeugt, dass du mit deiner offenen Art schnell eine Wohnung finden wirst, und verbleiben mit freundlichen Grüßen.“



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Illustration: Julia Schubert


  Variante 2: Familienzusammenführung
   
  Die Annonce:
„Wir sind eine offene, nette WG (keine Zweck-WG!!!) und unternehmen auch in der Freizeit sehr viel zusammen. Wenn du uns in Zukunft bei Fahrradtouren, Spiele- und DVD-Abenden Gesellschaft leisten möchtest und gerne kochst, dann freuen wir uns dich kennenzulernen!"

  Die Fußmatte:
Jeder Besucher wird von einem leuchtend roten „Home is where the heart is“ empfangen.

  Die zukünftigen Mitbewohner:
Sind beste Freunde. Es wird zusammen gelacht, geweint und gefeiert. Wenn einer Liebeskummer hat, wird in der ganzen WG „Notstand“ ausgerufen – alle kuscheln auf dem Riesensofa und ernähren sich von Schokoeis und Sprühsahne.

  Die Besichtigung:
Du wirst mit einer Umarmung begrüßt. Dann zeigen dir alle zusammen total aufgeregt die ganze Wohnung („Den Spiegel da musst du dir wegdenken – der ist von Franzi’s Ex, dem miesen Typen!“). Im Flur hängt eine riesige Korkpinnwand, die mit unzähligen Fotos bestückt ist. Bei genauerem Hingucken merkst du, dass auf jedem Bild immer nur die drei Bewohner zu sehen sind – im Europapark, beim Schlittschuhlaufen und sogar im gemeinsamen Urlaub in Spanien. Nach der Führung sitzt ihr bei Käsekuchen („Ist der nicht ultralecker?“) und Rooibos-Tee auf dem WG-Sofa und unterhaltet euch über Liebe, das Leben und wie wichtig doch Familie ist.

  Der Balkon:
Am Geländer hängen bunte Töpfe mit selbstgezogenen Blümchen. Auf einer Eckbank stapeln sich Kissentürme und auf dem kleinen Treibholz- Tischchen stehen bunte Duftkerzen und ein mit Prilblumen beklebtes Feuerzeug.

  Die Absage:
„Hey, ist echt assi von uns, aber wir müssen dir leider absagen! Franzi ist immer noch down wegen ihrem Ex und zieht jetzt erstmal doch nicht aus. Wenn wir wieder was freihaben, melden wir uns bei dir – versprochen!!“




  Variante 3: First come, first serve!
 
  Die Annonce:
„18 qm Zimmer, zentral gelegen, 350 Euro warm.“

  Die Fußmatte:
Zweckdienlich: Eine schwarze Gummimatte.

  Die zukünftigen Mitbewohner:
Du erinnerst dich kaum. Einer ist gerade von China nach Deutschland gekommen und hat die Kommunikation eingestellt. Der andere macht was mit Software und reagiert auf deine witzigen Sprüche mit panisch-fragendem Blick. Du bist in einer Zweck-WG gelandet! Sie suchen keinen Freund sondern die letzte Unbekannte ihrer Wohngleichung (WG).

  Die Besichtigung:
Im Flur flackert eine nackte Glühbirne und du ahnst: Das ist das einzig Nackte, das es hier seit Lagem gab. In der Küche entdeckst du ein kleines Becken mit vertrockneten Urzeitkrebsen. Am Schreibtisch kleben noch alte halb abgekratzte Hanuta-Aufkleber. Während du dein zukünftiges Zimmer inspizierst, haben sich die anderen Bewohner wieder in ihre Kammern verkrochen. Irgendwann taucht dann doch der Informatiker auf und ihr klärt gehetzt die wichtigsten Punkte. Dann bekommst du den Mietvertrag zum Unterschreiben.

  Der Balkon:
Wird als Computer-Karton-Friedhof genutzt. Dazwischen steht ein leicht angerostetes Eisenfass mit der Aufschrift „Soya“ aus dem ein beißend-süßlicher Geruch strömt.

  Die Absage:
 Kommt wenn dann von dir.


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Illustration: Julia Schubert


Variante 4: Das Grillfest  

Die Annonce:
„Aloha! Ab Oktober wird bei uns ein Zimmer frei. Wir suchen einen unstressigen netten neuen Nachmieter. Es wär cool, wenn du eine Waschmaschine mit in die Wohnung bringen könntest, da unsere jetzige mit dem Bewohner auszieht. “ Die Fußmatte: Neben der Tür liegt in die Ecke geworfen ein Wischlappen. Dessen Aussehen lässt darauf schließen, dass es hygienischer sein könnte, diese „Matte“ nicht zu benutzen.

Die zukünftigen Mitbewohner:
Haben die Ruhe weg – in wirklich jeder Beziehung. Immerhin gibt es doch so viel Wichtigeres im Leben als Studieren oder Aufräumen: Zum Beispiel Surfen, Snowboarden oder auf Festivals gehen. Dementsprechend sehen die Bewohner aus - braun gebrannt, mit verwaschenen T-Shirts und so vielen Eintrittsbändchen ums Handgelenk, dass es Wolfgang Petry alle Ehre machen würde. In der Küche prangt an einer Wand ein Graffiti-Kunstwerk, das ein Couch-Surfer zum Dank dort hinterlassen hat. Im Bad lassen Staub, Wasserflecken und ein bisschen Schimmel am Duschvorhang auf einen eher locker geführten Putzplan schließen.

Die Besichtigung:
Schon drei Häuserblocks vorher hörst du die Musik. Als du reingehst, ist die komplette Wohnung voll mit Menschen, die zwar mit einem Bier in der Hand aber dafür steif wie ein Brett herumstehen. Die Ansage der WG-Jury: Der Coolste und Lockerste soll das Zimmer kriegen und du beginnst auf einmal die wildesten Skateboardgeschichten zu erfinden während ein schmächtiger bebrillter Mitbewerber tapfer versucht, den WG-Rekord im Bier-Exen zu knacken.

Der Balkon:
Voll. Direkt neben der Tür stapeln sich Bierkästen. Auf dem Boden liegen ausgetretene Kippen und an der Hauswand lehnt eine windschiefe Bank, deren Brandlöcher ein fast symmetrisches Muster ergeben.

Die Absage:
„Hey, sorry du, wegen dem Zimmer. Wir haben das irgendwie verpeilt, dass Lennart die Wohnung schon seinem Kumpel versprochen hat. Aber lass uns doch mal zusammen Skateboarden gehen, bei uns ums Ecke gibt’s ein paar nette Kicker!“


Variante 5: Das Vorsprechen  

Die Annonce:
„Wir, zwei Studenten, suchen einen netten Mitbewohner/in für unsere zentrale Altbauwohnung im 3. OG mit Aufzug. Du solltest ordentlich und zuverlässig sein, und genauso wie wir immer daran mitarbeiten, dass die Wohnung in gutem Zustand bleibt. Bitte schick uns doch einen kurzen Lebenslauf und ein paar Infos über dich per Post, wir melden uns!“

 Die Fußmatte:
Auf der Matte ist eine Kuh abgebildet und darunter prangt in gelben Buchstaben „Kuhten Tag!“.  Beim Klingeln ertönt ein Glockenspiel und du überlegst dir zum zweiten Mal innerhalb einer Minute einfach wegzurennen.

Die zukünftigen Mitbewohner:
Nett, wirklich nett! Obwohl beide Mitte 20 sind, wirken sie mehr wie Ende 30. Pullunder scheinen bei ihnen ein beliebtes Kleidungsstück zu sein, die Möbel sind größtenteils Erbstücke der Marke „Eiche rustikal“ – an einem Schrank entdeckst du sogar ins Holz geschnitzte Enziane. Auf dem Fensterbrett in der Küche stehen ordentlich beschriftet und alphabetisch sortiert die Gartenkräuter und der Müll wird in diesem Haushalt selbstverständlich in fünf verschiedenen Tönnchen getrennt. Im Kühlschrank gibt es ein Gemüsefach in dem auch tatsächlich Gemüse lagert.

Die Besichtigung:
Du bekommst ein alkoholfreies Getränk angeboten und wirst durch die gesamte Wohnung geführt, wobei Dir alles sehr genau erklärt wird („Das Parkett ist sehr empfindlich, hier musst du unbedingt Filz-Plättchen unter die Möbel machen!“). Nach der Führung setzt ihr euch in die Küche, unter deiner Kaffeetasse steht tatsächlich eine Untertasse und auf einmal unterhaltet ihr euch über Kuchenrezepte – natürlich erst nachdem deine finanzielle Situation eingehend erläutert wurde. Zum Abschluss musst du noch zwanzig Minuten lang detailliert deine Putztheorie erläutern („Also wir benutzen hier ja Swiffer“).

Der Balkon:
Sauber und aufgeräumt. Auf der rechten Seite steht ein kleiner praktischer Sonnenschirm, darunter ein Kaffeetisch mit vier Stühlen. Am Geländer hängen Blumenkörbe mit pinken und roten Geranien. Auf der linken Seite steht eine Klappbox mit symmetrisch einsortierten Pfandflaschen.

Die Absage:
„Es tut uns wirklich aufrichtig leid, aber wir haben uns jetzt für eine Lehramtsstudentin entschieden.“

Text: julia-siedelhofer - Illustrationen: Katharina Bitzl

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