Dienst in einem Weltorchester

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Sie ist Sternzeichen Krebs, hat ein schmales Gesicht, blonde Engelslocken und lacht nur über Dinge, die wirklich lustig sind. Sie lacht, wenn sie den Grund erzählt, warum sie lieber Ski als Snowboard fährt: weil sie da Stecken hat, mit denen sie auf den flachen Teilen der Skipiste schneller vorwärts kommt. Sie liebt es, Ski zu fahren oder im Sommer auf dem Weg zur Arbeit an der Isar entlang zu radeln. Und sie geht gerne zum Dienst, wie Musiker ihre Arbeit nennen – Dienst in einem Weltorchester. Susanne von Hayn ist 23 Jahre alt und die jüngste Musikerin, die bei den Münchner Philharmonikern spielt. Als sie vier Jahre alt war, begann Susanne Blockflöte zu spielen. Mit sechs Jahren Klavier. Mit elf schenkte ihr ein Onkel, der Instrumentenbauer war, ein Fagott. „Ich habe mir damals eins gewünscht – wegen des schönen Klangs“, sagt sie, macht eine kurze Pause und fährt fort: „Dann bekam ich ein Kinderinstrument. Das klang wie Mickey Mouse.“ Sie aber wollte ein großes Fagott. Ein „Erwachsenenfagott“, sagt sie. Eines, das klingt wie ein Fagott. Tief. Dunkel. Und irgendwie geheimnisvoll. „Ich könnte nie Querflöte spielen“, erzählt sie. Susanne mag keine hohen Instrumente. Das Fagott aber ist ein 1,35 Meter großes Holzblasinstrument. „Es klingt in der Tiefe voll und dunkel, in der Höhe etwas näselnd, in der Mitte anmutig“, sagt das Lexikon. Nachdem ihr Onkel ihr das Mickey-Mouse-Fagott geschenkt hatte, begann Susanne Unterricht zu nehmen. Sie durfte dabei auf dem Instrument ihres Musikschullehrers spielen. Einem großen Fagott. Einem Erwachsenenfagott.„Das Fagott ist unter den Blasinstrumenten das, was das Cello für die Streichinstrumente ist“, sagt sie, nickt bestätigend, stockt dann. Sie glaubt, dass man sie jetzt nicht mehr versteht. Glaubt, dass sie beginnt in ihre Welt überzugehen, die Welt der Musik. Eine Welt, die nicht allen Menschen vertraut ist. Erst recht nicht jungen Menschen. Susanne liebt diese Welt. Auch wenn sie das nie so ausdrücken würde. Sie sagt nicht: Ich liebe Musik. Sie sagt: „Ich fand klassische Musik gut, seit ich denken kann.“ Es wäre keine starke Übertreibung, zu sagen, dass sie Musik liebt, aber Susanne wählt kaum Superlative oder nichts sagende Wendungen. Sie spricht präzise. Immer. Seit sie Fagott spielt, läuft ihr Leben gradlinig. So als wäre es auf ein Ziel eingenordet. Sie gewinnt mehrere Preise beim „Jugend musiziert“-Wettbewerb, macht neben der Schule ein Gaststudium an der Hochschule für Musik in Würzburg. Sie war 16 damals. „Im Musikbereich ist ein Gaststudium nichts Ungewöhnliches“, sagt sie. Im Auto fuhr die Mutter sie immer von Kronach, wo ihre Eltern noch heute leben, nach Würzburg, wo sie bei Vorlesungen zuhörte. Auf dem Rücksitz machte Susanne ihre Hausaufgaben und lernte. In der Schule waren die Lehrer sauer, weil sie so oft weg war. Die Mitschüler waren aus demselben Grund neidisch. „Sie fanden es „gemein“, weil ich oft nicht im Unterricht war“, sagt sie und spricht die Anführungszeichen mit. „Ich habe aber nie geschwänzt. Wenn ich unterwegs war, war ich bei Konzerten oder in Würzburg.“ Trotzdem waren ihre Zensuren meist besser als die mancher, die immer da waren. Die Lehrer und Freunde haben ihre Leidenschaft dann bald akzeptiert. Schließlich fanden sie sogar gut. Susanne, deren Wangenknochen schöne, volle Backen machen, hat fast immer ein unscheinbares Lächeln im Ausdruck. Auch wenn sie erzählt, dass sie am Wochenende oft nicht zu Hause übt, weil sie denkt, sie würde ihre Nachbarn stören. Sie ist umgänglich. „Ich kann gut akzeptieren, wenn meine Freunde nicht das gut finden, was ich gut finde“, sagt sie. Sie weiß, dass viele keinen Zugang zu der Musik haben, die sie macht. „Klar habe auch ich ein paar Pop-CDs daheim“, sagt sie. Sie betont Pop dabei wie ein fremdes Wort. Welche CDs das sind, kann sie sich gerade nicht erinnern. „Ich habe vor allem natürlich klassische Musik“, sagt sie. 2001 machte sie Abitur mit den Leistungskursen Mathe und Chemie. Dann begann sie das Musikstudium, erst in Würzburg, später in Hannover, wo sie bis heute alle zwei Wochen hinfährt und Unterricht nimmt. Sie ist im achten Semester, schreibt gerade ihre Diplomarbeit. Vor zwei Jahren wurde sie an der Nachwuchsakademie der Philharmoniker angenommen. Ein großer Moment. Sie wurde von Musikern ausgebildet, von denen sie voller Bewunderung spricht. Nach der Ausbildungszeit bekam sie einen befristeten Vertrag. Seitdem ist sie Aushilfe in diesem Orchester von Weltrang. „In 99 Prozent der Fälle gehe ich gerne zum Dienst“, sagt sie und verschränkt freundlich-zufrieden lächelnd die Arme vor der Brust. Jede Woche Konzerte. Jeden Tag mehrere Stunden üben. Jeden Werktag von 10 bis 16 Uhr proben. Und dann noch ein bis zwei Stunden schnitzen. Schnitzen gehört bei Fagottspielern dazu. Die Musiker müssen ihre Mundstücke selber bauen. Die Fertigung eines Mundstücks dauert etwa drei Stunden. Beim Schnitzen kann leicht etwas schief gehen: Holz, Wölbung und Dickenverlauf haben großen Einfluss auf den Klang. „Von zehn Versuchen sind etwa drei halbwegs erfolgreich“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Die gut gelungenen Mundstücke schont Susanne und hebt sie für wichtige Konzerte und Vorspiele auf. „Es gelingt nur etwa alle drei Monate, das perfekte Mundstück zu bauen“, sagt sie. Das hält sie dann manchmal über Monate vor, bis der richtige Moment kommt. Im November war so einer. „Als das Vorspielen für die Bayerische Staatsoper geklappt hat“, erinnert sie sich, „war das der schönste Moment in meinem Leben.“ Ende März wird sie bei den Philharmonikern aufhören und in der Oper am Max-Joseph-Platz arbeiten. Wenn sie das Probejahr schafft, bekommt sie eine feste Anstellung. Dann hat Susanne es geschafft. „Ich habe es“, sagt sie, „lieber schnell als langsam.“ Autor: Hannes Kerber

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