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Doktorsohn und Doktorvater

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Dr. med. Rainer Gramlich ist 64 Jahre alt und war 25 Jahre lang Landarzt im bayerischen Blaichach, wo gut 5700 Menschen leben. Jetzt ist sein Sohn Stefan, 34, Dr. med., in seine Fußstapfen getreten. Gemeinsam mit einem Kollegen führt er die allgemeinmedizinische Praxis seines Vaters fort, der künftig nur noch Urlaubsvertretungen macht. Ein Gespräch über Berufstraditionen, gute Diagnosen und Familien mit elf Briefträgern. jetzt.de: Sagen Sie, was finden Sie eigentlich raus, wenn Sie eine Hand auf unseren Bauch legen und mit der anderen Hand draufklopfen? Rainer Gramlich: Damit finden Sie alles raus! Stefan: Naja. Rainer Gramlich: Das glaubt er jetzt nicht. Alleine über das Aussehen und über das Klopfen kommt man unheimlich weit. Oder über das Drücken. Hat der Mensch Darmgeräusche? Dann kann sich was anbahnen. Wenn der Bauch hart wird, ist was nicht in Ordnung. Wenn er starke Schmerzen hat und der Bauch ist weich, ist es auch nicht in Ordnung. Das Klopfen ist da, um zu sehen, wie der Darm arbeitet und wieviel Luft sich staut. Stefan: Ich würde nie bestreiten, dass das etwas ganz Wichtiges ist. Aber es gehört nicht nur die körperliche Untersuchung dazu. Wir sind ja in der glücklichen Zeit, dass wir auch mal noch einen Labortest machen können, auch notfallmäßig. Oder einen Ultraschall. So kann ich nicht nur draufschauen, ob da ein Gallenstein ist. Ich kann auch schauen, ob der Gallenstein schon einen beginnenden Aufstau der Gallenwege verursacht.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Rainer und Stefan Gramlich jetzt.de: Gibt es eine Faustformel für die erste Diagnose? Rainer Gramlich: Der Patient sagt einem in den ersten drei Sätzen, was er hat. Stefan: lacht Rainer Gramlich: Da lacht er drüber. Aber man kann die Diagnose schon in den ersten Sätzen zentrieren. Sagen wir, der Patient erzählt Ihnen, dass ihm der Bauch seit Wochen weh tut. Dann fragen Sie ihn, ob er einen zeitlichen Zusammenhang herstellen kann. Dann sagt der: Immer vier Stunden nach dem Essen. Dann haben Sie schon den Zwölffingerdarm. Stefan: Meiner Meinung nach kann man das nicht so pauschal sagen. Solche Beschwerden kann ein Zwölfingerdarmgeschwür zwar machen, aber auch viele andere Krankheiten wie ein Geschwür des Magens oder eine Gallenkolik. jetzt.de: Stefan, warum bist du eigentlich auch Arzt geworden? Stefan: Ich habe meinem Vater oft geholfen, dann den Zivi beim Rettungsdienst gemacht und weil mir das alles Spaß gemacht hat, dachte ich mir: ,Okay, das studiere ich.‘ Einfach war die Entscheidung aber nicht, wenn man die Fußstapfen des Vaters vor sich hat. jetzt.de: Haben Sie ihn gedrängt, Herr Gramlich? Rainer Gramlich: Auf keinen Fall! jetzt.de: Stefan, kratzt es am Ego, wenn man in den Spuren des Vaters geht? Hast du dich gefragt: Wie einzigartig bin ich, wenn ich der Nachfolger meines Vaters werde? Stefan: Ich glaube mit so einer Frage beschäftigen sich die meisten Söhne oder Töchter. Da muss ich mich halt fragen: Komme ich gerne hierher? Die Frage kann ich mit einem klaren „Ja“ beantworten. Auch wenn Außenstehende denken, ich stehe in seinen Fußstapfen – jeder geht einen eigenen Weg. Und der ist auch nicht einfach. jetzt.de: Sie beide haben schon seit 2008 miteinander gearbeitet und den Übergang in der Praxis organisiert. Wie war’s? Rainer Gramlich: Für ihn war’s ein bisschen qualvoll, denk’ ich. Stefan: Ich fand es war positiv. Rainer Gramlich: Ich finde das manchmal demütigend, wenn ich ins Zimmer kommen soll, weil die Leute möchten, dass der alte Gramlich die Fäden zieht. Das ist gegenüber dem Doktor absolut nicht okay. jetzt.de: Ist aber sicher auch eine Genugtuung, wenn nach einem gefragt wird, oder? Rainer Gramlich: Ich kenne hier ja alle! Jeder dritte Tote auf dem Friedhof war ein Patient von mir. jetzt.de: Sie beide sind recht unterschiedlich. Stefan wirkt eher analytisch während Sie, Herr Gramlich, ziemlich entspannt und fast schon knuffig wirken. Hat das damit zu tun, dass der eine am Berufsanfang steht und der andere alles hinter sich hat? Rainer Gramlich: Meine Lebenseinstellung ist: Aus einem traurigen Arsch kommt nie ein fröhlicher Furz. (Stefan schaut auf den Tisch) Das ist ihm jetzt wieder peinlich. Stefan: Ich denke mir, dass man diese Lockerheit im Laufe der Zeit ein bisschen entwickelt. Ich meine, ich bin vom Charakter her da sicher anders . . . Rainer Gramlich: Ja! Stefan: Es wäre aber auch verkehrt, wenn ich den Patienten zur Begrüßung erst mal einen Witz erzählen würde. Dafür braucht es eine über die Jahre gewachsene Vertrautheit. Rainer Gramlich: Früher habe ich das auch nicht gemacht. jetzt.de: Stefan, wie oft machst du Hausbesuche? Stefan: Wir haben zwei feste Tage, an denen wir nachmittags Hausbesuche machen. Das sind meistens Patienten, die zum Beispiel immobil sind oder frisch aus dem Krankenhaus entlassen wurden. jetzt.de: Ein Hausarzt kriegt ziemlich viel von den Familien mit, oder? Rainer Gramlich: Wir kennen die Situation der Menschen und können so viel bessere Diagnosen treffen. Ich habe eine Familie unter meinen Patienten, bei denen sind elf Leute Briefträger! Die haben alle die gleichen Rückenbeschwerden. jetzt.de: Wegen der Arbeit? Rainer Gramlich: Nein, das ist in dem Fall eine Bindegewebsschwäche. Die ist angeboren. jetzt.de: Stefan, bist jetzt du der neue Beichtonkel hier in der Region? Erzählen dir die Menschen alles, was sie bedrückt? Stefan: Viele Menschen haben heute psychische Probleme – und eine unheimliche Scham, drüber zu reden. Erst neulich hatte ich jemanden, der mir erstmal erzählt hat, wie schlimm seine Kopfschmerzen sind. Ich habe ihn richtig untersucht und gegen Ende gemerkt: Jetzt druckst er rum. Dann erst hat er mir von seinen familiären Problemen erzählt. Rainer Gramlich: Die Probleme sind vielschichtiger geworden. Vor 30 Jahren hat noch keiner wegen Mobbing am Arbeitsplatz oder über Druck bei der Akkordarbeit geklagt. Oder über finanziellen Druck oder Verschuldung. Früher sind die Leute reingekommen, wenn sie den Kopf unterm Arm hatten.


jetzt.de: Sind wenigstens die Doktoren die Gleichen geblieben? Rainer Gramlich: 78 Prozent der Bevölkerung halten den Arztberuf für am angesehensten. Deswegen ist es erschreckend, dass nach einer Umfrage nur noch 31 Prozent der Patienten sagen, ein Arzt sei menschlich. Das hat mich total erschüttert. Man führt das darauf zurück, dass die Medizin immer apparativer wird. Die Chipkarte zum Beispiel hat das persönliche Verhältnis verändert. jetzt.de: Die Chipkarte? Rainer Gramlich: Sie steht für die Bürokratisierung. Wir gucken die meiste Zeit in den Computer statt auf den Patienten. Der Abstand zwischen Patient und Arzt ist größer geworden. jetzt.de: Stefan, begegnen dir gerade vielen Patienten, die ihr Wehwehchen schon vor der Untersuchung gegoogelt haben? Stefan: Oh ja! Das ist wirklich eine Katastrophe, zum Beispiel beim Thema Impfen. Es wird angeklickt, was ganz oben in der Trefferliste steht und besonders aufregend klingt. Meistens sind diese Sensationsmeldungen falsch. Dann stehen eigentlich kluge ehemalige Klassenkameraden vor mir – und sind verunsichert. Rainer Gramlich: Die Informationen haben viel verändert. Nehmen wir die junge Frau, die massiv zunimmt. Die ist bitterböse, wenn sie nicht die Schilddrüsenunterfunktion hat, von der sie gelesen hat. Dann sind nicht die Schokocrossies Schuld, nein, dann haben wir Schilddrüsenunterfunktion. Oder Tinnitus! Die Leute lesen, dass das von einem Tumor am Hörnerv kommen kann. Dann muss das der Tumor am Hörnerv sein. Dann rennen sich die da rein und wollen als Erstes gleich eine Kernspintomografie. Eine ganz normale Blutdruckmessung reicht da nicht mehr. jetzt.de: Stefan, kennst du Scrubs? Stefan: Das ist die einzige Arztserie, die ich gern mal anschaue. Die sieht den Klinikalltag mit einem gewissen Humor. jetzt.de: Da gibt es den zynischen Dr. Cox, der immer lange, fiese Monologe hält. Macht einen der Beruf zum Zyniker? Stefan: Ich glaube, dass der Arztberuf ein sehr erfüllender Beruf ist – wenn man Menschen helfen kann. Zynisch wird man durch die Bürokratie oder durch 27-Stunden-Dienste im Krankenhaus. Wenn du drei Schwestern-Schichten kommen und gehen siehst und Mitte der letzten Schwestern-Schicht kaum mehr arbeiten kannst, weil du in einem Zustand bist wie jemand, der ein Promille Alkohol im Blut hat – das führt zum Zynismus. Aber . . . ist das nicht in anderen Berufen auch so? Rainer Gramlich: Ein anderer Ansatz für Zynismus ist es, wenn Praxen kleiner oder sehr abgelegen sind. Sie fahren mitten in der Nacht einen Hausbesuch und sind eine Stunde unterwegs. Sie haben dort einen dunklen Raum, müssen untersuchen, haben die ganze Verantwortung für die Diagnose. Für diesen Besuch kriegen Sie weniger Geld als der Taxifahrer, der den Patient in die Praxis bringt und wieder zurück. Das hat eine Menge Zyniker hervorgebracht. Da hat die Politik einfach viel zu lange auf das Helfersyndrom der Ärzte gesetzt. jetzt.de: Sagen Sie: Können Sie Sendung mit der Maus-mäßig erklären, um was es eigentlich bei der Gesundheitsreform geht? Stefan: Das ist auch für mich manchmal schwierig zu verstehen. Rainer Gramlich: Sagen wir es so: Eine ehrliche Gesundheitsreform wäre für viele Menschen so einschneidend, dass sie sich kein Politiker zu machen traut. Stefan: Das Hauptproblem wird wohl bleiben: Medizin kann sehr viel, kostet aber auch sehr viel. Rainer Gramlich: Oder anders: Weil es die Kernspintomografie gibt, wollen alle auch eine Kernspintomografie haben – auch bei einfachen Erkrankungen muss immer eine Maximaldiagnostik sein.

Text: peter-wagner - und Johanna Kempter; Foto: Gerald von Foris

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