Patientenvisite in der Hämatologie des Klinikums Rechts der Isar, hier werden unter anderem Menschen behandelt, die an Leukämie erkrankt sind. Dr. Papo öffnet die nächste Tür und tritt in das Zimmer eines jungen türkischen Patienten, der an einem Knochentumor gelitten hat. Dr. Papo will gerade nach dem Befinden seines Patienten fragen, als der ihn plötzlich unterbricht und auch gleich duzt. „Sag mal, kann das sein, dass ich dich gestern im Fernsehen gesehen habe? Auf MTV? Du bist doch der Rapper David Pe!“ David Papo, 31 Jahre alt und in München geboren führt ein Doppelleben: Er ist Arzt und Rapper zur gleichen Zeit. Ein Mensch, zwei Karrieren. Da wäre die Medizin.

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Schon um den Familienfrieden nicht zu gefährden, musste David nach dem Abitur ein Studium aufnehmen. „Ich hätte meinen Eltern das Herz gebrochen“, sagt David und erzählt von seiner Mutter, einer Ärztin, von seinem Vater, einem Architekten. Die Eltern hatten einst Belgrad verlassen, weil sie, so David, „keinen Bock auf Kommunismus hatten“ und von einem Neustart in München träumten. Hier kam David zur Welt. Hier trat er nach dem Abitur in die Fußstapfen seiner Mutter: Er bekommt zwar einen Studienplatz an der Ludwig-Maximilians-Universität, plagt sich aber wie viele andere mit dem vorklinischen, dem theoretischen Teil des Studiums. Aber David kämpft sich durch den Leichenkurs, lernt die Namen der Nerven und der Muskeln auswendig und entwickelt immer mehr Freude an der Medizin. „Über die Krankheiten lernst du die anormalen Verläufe der Natur kennen und daraus kannst du rückschließen auf die Physiologie – du lernst, die Natur zu verstehen“, sagt David. Mit 14 die ersten Reime Und so wird aus David ein Arzt. Er liest viel über Medizingeschichte und schreibt im Auftrag seines Chefs sogar eine Biographie über den Dermatologen Joseph von Lindwurm. „Der Typ hatte kein EKG damals. Die Leute sind umgefallen, und der alte Lindwurm hat die Pulse gefühlt und daraus rückgeschlossen auf die Aktion des Herzens. Das ist für mich ein Vorbild“, sagt David, der nebenberuflich dafür sorgt, dass HipHop-Fans der Blutdruck hochschnellt. Da wäre nämlich noch der Rap. „Schon als Kind habe ich gerne gereimt“, sagt David. „Dann habe ich den Sound von den Beastie Boys oder Public Enemy gehört und es hat gepasst wie die Faust aufs Auge“. Mit 14 Jahren lernt er seine Bandkollegen Markus und Morris kennen und gründet die Rapgruppe „Main Concept“. Das geschieht zu einer Zeit, Anfang der Neunziger, als sich in Deutschland eine Rap-Bewegung entwickelt, die sich als Gegenpol zu den wenigen kommerziell erfolgreichen Rapgruppen wie den „Fantastischen Vier“ versteht. David wird ein Teil davon und ist mitten drin im Geschäft, als um 1998 eine regelrechte Deutschrap-Welle das Land erfasst. „Absolute Beginner“, „Fünf Sterne Deluxe“, „Massive Töne“ und „Dynamite Deluxe“ sind in den Charts.

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„Fast jeder, der damals ein Album mit wenigstens einem Lied mit einer Hookline und einem Video herausgebracht hat, konnte charten und gut Geld verdienen“, sagt David. Bertelsmann tritt an Main Concept heran und bietet einen gut bezahlten Plattenvertrag. Doch die drei Jungs verzichten und bringen mit „Plan 58“ die nach eigenen Angaben „weltweit erste Freestyle-Platte“ auf den Markt. Doch „Plan 58“ verkauft sich mangels Promotion und Charttauglichkeit nur mäßig gut. David ist trotzdem stolz auf die Platte: „Die Freestyle-Platte ist jetzt eine Kultplatte, und wir sind im Nachhinein die Coolsten gewesen“. David, Markus und Morris erwerben sich in der HipHop-Szene eine Art Kultstatus, weil sie sich der Kommerzialisierung verweigern. Davids Freestyle-Reime werden immer beliebter und zu seinem Markenzeichen – daran ist mitunter sein Medizinstudium nicht ganz unschuldig. „Wissenschaftliches Denken hat mich und meine Texte sehr geprägt“, sagt er.


David spricht selbstbewusst über seine Texte, als wären sie ein wahres Naturereignis. Er erzählt von der „Metaphysik“ seiner Reime. „Du kannst eine tiefe Wahrheit sagen in einem Satz. Wenn du die Wahrheit aber in einem Reim sagst, und die Schlussfolgerung des Reims gut ist, dann hat das eine emotionale Komponente, etwas Metaphysisches. Das ist dann eine ultimative Wahrheit, wie gottgegeben“, sagt David. Eigentlich kann er nur von einer befruchtenden Kombination aus Rap und Medizin berichten. Bis auf ein einziges Mal, so David, als ihm das Studium ziemlich in die Quere gekommen sei: Er verpasste einen Teil der „Klasse von 1994“-Tour, auf der er mit den „Absoluten Beginnern“ und „Mc Rene“ durch Deutschland, Österreich und die Schweiz ziehen sollte. Als Rapper würdig altern Heute ist David stolz auf seinen akademischen Hintergrund. „Gesellschaftlich gesehen ist das wie eine Waffe. Ich bin Rapper und Arzt. Das beeindruckt auch die ganz oben“, sagt er. Als Teil der Rapszene begreift er sich nicht, im Gegenteil, seinen Kollegen gegenüber ist er kritisch. „Du bist mit lauter Hiphop-Idioten unterwegs, wo das größte Thema ist, wie geil diese Styles und Skills sind. Das ist alles nett, aber es verändert nichts. Du kannst dir einbilden, dass du mit deinen Texten den Leuten etwas vermittelst, aber das tust du halt nicht, vor allem nicht, wenn du nur 20.000 Platten verkaufst“, sagt David, nun sehr nüchtern.

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Übers Erwachsenwerden macht sich David keine Gedanken. Als Arzt nicht mehr zu rappen, Hiphop als Jugendsache zu begreifen, ist für David bürgerliches Denken. „Wenn du dir die großen Leute in der Geschichte anschaust, waren viele davon Wissenschaftler und Künstler zugleich“, sagt er. Auch als Rapper kann man in Würde altern, sagt David und redet davon, noch in zehn Jahren auf der Bühne stehen zu wollen. Während Fans von Samy Deluxe oder „Das Bo“ von ihren Idolen immer nur den selben Hit hören wollen, sieht die Sache bei David Pe anders aus. Seine Fans wollen von ihm seine Rap-Improvisationen hören. Wahrscheinlich ist auch das ein Grund, warum David an Live-Auftritten noch heute so viel Spaß hat. Bald macht er seinen Facharzt in Dermatologie – und geht doch nicht komplett in der Rolle des Arztes auf. Dr.med. Papo trägt zwar einen weißen Kittel, dazu aber typische HipHop–Sneakers. „Irgendwelche Arztschuhe“, sagt er, „würde ich nie tragen.“