"Du hörst dich aber gar nicht gut an!"

Es gibt Sätze, die gehören zur Schnupfenzeit wie die Milch zur Kuh. Wir sagen dir, was sie bedeuten
max-scharnigg

  1. DAS SAGEN DIE ANDEREN
 
  Der Satz:
  „Steck mich bloß nicht an!“ 
  Die Bedeutung:
  Ängstliche Zurückweisung ehemals netter Menschen, stets unter dem Vorwand eines wichtigen Termins (Hochzeit, Urlaub, Pfandflaschen wegbringen). Als Kranker bekommst du damit die Rolle zugewiesen, die du doch mit getönter Tagescreme und Augenaufheller gerade vermeiden wolltest: Du bist der Aussätzige, der eine Gefahr für die Menschheit ist und allen den Spaß verderben kann.
 
  Der Satz:
  „In der Arbeit sind gerade auch alle krank.“
  Die Bedeutung:
  Ein Tröstungsversuch, der dein Kranksein ein Stück weit normalisieren soll. Nur hat einen Kranken noch nie interessiert, wer noch alles krank ist. Du willst doch individuelles Mitleid und nicht nur Teil einer entzündeten Masse sein. Außerdem fühlst du dich damit eine Sekunde lang wie ein Angehöriger einer unheimlichen neue Epidemie.
 
  Der Satz:
  „Ja, da geht grade was rum.“
  Die Bedeutung:
  Lieblingssatz von jungen Müttern vor dem Kindergarten. Erfüllt in weiten Teilen die Aufgaben des vorherigen Satzes, erfährt ergänzt durch das vage „was“ allerdings noch eine unheimliche Komponente. So im Sinne von: Die Experten wissen noch nicht, was da gerade rumgeht, aber gut ist es nicht.
 
  Der Satz:
  „Du hörst dich aber nicht gut an!“
  Die Bedeutung:
  Ja, danke. Dieser Satz ereilt dich immer in der Anfangsphase einer Erkältung, in der du dir selber noch nicht eingestehen willst, dass du krank wirst. Wie gut, dass die lieben Freunde da nicht lange zaudern. Sie sprechen den Satz entweder aus sicherer Entfernung am Telefon oder aber direkt, wenn sie darüber hinweg täuschen wollen, dass du eigentlich vor allem nicht gut aussiehst.
 
  Der Satz:
  „Ist sicher Schweinegrippe!“
  Die Bedeutung:
  Das ist der Satz, mit dem sich die Witzbolde und Patenonkel hervortun. Minimale Empathie, gepaart mit Hohn und Angstmache – das ist genau das, was dir zum Schüttelfrost noch gefehlt hat. Da hilft nur die Selbstverteidigung des Kranken: Schön ausgiebig in Richtung des Witzboldes niesen.
 
  Der Satz:
  „Ey, voll die Bazillenschleuder!“
  Die Bedeutung:
  Ach ja, der Kindermund, niedlich. Allerdings nicht, wenn er auf diese schrille Art und Weise einen ganzen Straßenbahnwagen auf das strapazierte Taschentuch hinweist, das du gerade heimlich ein elftes Mal benutzen wolltest. 
  

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Illustration: Julia Schubert



  2. DAS EMPFEHLEN DIE ANDEREN
 
  Die Empfehlung:
  „Leg dich doch ins Bett!“
  Das denkst du:  
  Ja, gute Idee. Leider hörst du den Satz aber nie in Bettnähe, sondern immer in der Unimensa oder im Büroflur, so dass es ein eher platonischer Ratschlag ist. Dir bleibt nichts anderes, als unterwürfig zu murmeln: „Sollte ich wirklich wohl mal machen“ und  dann bleibst du trotzdem bis zum Schluss.
 
  Die Empfehlung:
  „Bei mir hilft immer warmer Whisky.“
  Das denkst du:
  Oder eben: Ingwertee, Inhalieren mit Heilöl, Umckaloabo ins Herz, Ignorieren, Tigerbalm, zwei Flaschen MediNight auf ex, vier Tage Schwitzkur, Kügelchen, an was anderes denken, Spitzwegerich, Schüssler Salze, viel Schlafen. Tröstlich: Irgendwas von diesen Dingen wird bestimmt irgendwann helfen.
 
  Die Empfehlung:
  „Geh doch mal zum Arzt!“
  Das denkst du:
  Nein! Natürlich gehst du nicht einfach mal zum Arzt, nur weil die Erkältung schon vierzehn Tage dauert. Zum Arzt wird man mit Blaulicht gefahren. Aber danke für diesen Hinweis, ist ja nicht so, dass du nicht schon selbst seit dem ersten Fieberschock diesen Satz denken würdest. „Geh doch mal zum Klavierunterricht!“ wäre wesentlich origineller.


  3. DAS SAGST DU SELBER
 
  Der Satz:
  „Ich glaub, ich hab Fieber.“
  Das soll’s:
  Mitleidheischendes Manöver, wenn die ganze WG dir mal wieder nicht glauben möchte, dass du schon wieder ernsthaft bettlägerig bist. Also murmelst du das minütlich halblaut vor dich hin, hantierst schließlich melodramatisch mit dem Fieberthermometer und sehnst dich nach Mama. (Weil stolzeste Mütterbewegung überhaupt: Beim alten Fieberthermometer das Quecksilber zurückschütteln.) Am Ende kommen natürlich trotz dreimaliger Messung nur 37.8 Grad raus und die WG-Fieslinge winken ab.
 
  Der Satz:
  „Mich hat's irgendwie total erwischt.“
  Das soll’s:
  Die nächsthöhere Mitleidsstufe, bei der du unbedingt wie ein Häufchen Elend klingen und aussehen musst. Auch ein wichtiger Einstiegssatz, wenn du nach zwei Fehltagen endlich mal den Chef anrufst, dann natürlich noch unterbrochen von einem sehr ausgiebigen Hustenanfall. Auf diesen Satz jedenfalls können selbst Despoten und Sportlehrer meist nichts anderes antworten als: „Oje, du Armer.“ Quod erat demonstrandum!
 
  Der Satz:
  „Ich kann gar nix schmecken/denken/hören.“
  Das soll’s:
  Da hast du dann schon das Stadium erreicht, in dem du dein eigenes Kaputtgehen wissenschaftlich untersuchst und deine Umwelt laufend über die neuesten Verfallserscheinungen informierst. Dabei fühlst du dich keineswegs an die üblichen Anstandsregeln gebunden und gibst zum Beispiel auch über die Aggregatzustände von Körperausscheidungen ungefragt Auskunft.

  Der Satz:
  „Ich glaub morgen bin ich schon wieder übern Berg.“
  Das soll’s:
  Bisher, denkst du, hast du doch auch jede Krankheit und sogar den Schlüsselbeinbruch innerhalb von zwei Tagen überwunden. Also redest du vom ersten Halskratzer an von nichts anderem, als dass es morgen schon wieder besser sein werde. Komischerweise hast du damit auch fast immer recht – oder dich zumindest soweit aus dem Fenster gelehnt, dass du gar nicht anders kannst, als mit geschwollenen Lymphknoten zur Trampolinparty zu erscheinen.
 
  Der Satz:
  „Ich hab mich bestimmt am Sonntag bei XY angesteckt.“
  Das soll’s:
  Beim Kranksein hast du ja viel Zeit. Zum Beispiel für müßige Verdächtigungen, woher die Grippe kommt und warum sie ausgerechnet bei dir gelandet ist. So entwirfst du imposante Tröpfcheninfektionsketten, die schnurgerade von dem einen anderen kranken Menschen in deiner Bekanntschaft bis zu dir führen. Völlig sinnlos natürlich, aber so ist wenigstens ein Schuldiger für die Malaise gefunden.
  

  4. DAS SAGT MAMA
 
  Der Satz:
  „So wie du rumläufst, wundert mich das gar nicht.“
  Das denkst du:
  Na klar, das kann sie sich nicht verkneifen. All die jahrelangen Ermahnungen – „Setz die Mütze auf! Zieh dir was drunter! Sitz nicht auf dem kalten Boden!“ – ergeben nun endlich einen Sinn. Diesen Triumph musst du deiner Mutter jetzt gönnen, auch, wenn dir ehrlich gesagt der Zusammenhang zwischen kalten Händen und Nebenhöhlenentzündung immer noch nicht ganz klar ist.
 
  Der Satz:
  „Mach doch mal Quarkwickel!“
  Das denkst du:
  Mama kennt natürlich noch viel absurdere und deswegen auch viel heilsamere Tricks als deine Kollegen. (Sagt sie zumindest.) Schließlich hat sie, wie sie nicht müde wird zu betonen, vier Kinder erfolgreich großgezogen – mit Hilfe von Quarkwickeln und Infrarotbestrahlung. Du verschweigst, dass du weder ausreichend Quark noch Infrarot im Haus hast und versicherst ihr, dass genau das deine beiden nächsten Schritte gewesen wären, wenn du dich nicht, urplötzlich, schon wieder wesentlich besser fühlen würdest. Falls du je mal eigene Kinder hast, wirst du ihnen aber sicherheitshalber auch mit Quarkwickeln drohen. Vielleicht sogar mit Kirschquarkwickeln.
 
  Der Satz:
  „Verschlepp’s nicht, sonst kriegst du ’ne Herzmuskelentzündung!“
  Das denkst du:
  Klar, für deine Mutter zählt nicht, dass du deine Hausarbeit abgeben musst oder dass deine Chefin schon zum dritten Mal eine Mail mit der Betreffzeile „Geht’s wieder?“ geschickt hat. Nein, du musst dich ganz auskurieren und bloß langsam machen. Schließlich kennst du ja die Geschichte von Onkel Armin. Ja, die kennst du. Ja, du versprichst dich zu schonen. Der Pub-Crawl mit deinem Austauschfreund aus Neuseeland heute Abend wird bestimmt eher eine ruhige Sache.

Text: max-scharnigg - Foto: Miss-X/photocase.com

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