Du kannst es! Nicht.

Das Netz ist voller Selbermachvirtuosen. Sie präsentieren ihre Werke und animieren mit Anleitungen andere zum Nachmachen. Leider sieht deren Ergebnis selten aus wie die Vorlage. Die Seite pinterestfail.com ist ein schöner Trost für alle Normalbegabten.
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Bei den zuckerrosa, mit Himbeeren gefüllten Cupcakes konnte ich noch leicht widerstehen. Bei der Anleitung, wie man in einer Glühbirne oder auch einem größeren gläsernen Gefäß ein Deko-Terrarium schafft, fiel mir das schon etwas schwerer. Aber bei dem schlichten Rollregal im Industrie-Look, das ich sofort kaufen würde, stände es in einem Möbelgeschäft vor mir, war Widerstand praktisch zwecklos. Die Bloggerin hatte es, angeblich an einem Nachmittag, aus Holzplatten, alten Metallkörben und noch ein wenig Baumarkt-Zubehör zusammengezimmert. Seitdem ich es auf einem amerikanischen Blog voller Selbermachideen entdeckt habe, halte ich überall nach so schicken Metallmilchkörben Ausschau und träume davon, dass demnächst auch neben meinem Sofa ein D.I.Y.-Industrial Record Cabinet einzieht. Bloß kann ich nicht völlig ignorieren, dass bisher jeder meiner Versuche, einem Selbermachvirtuosen aus dem Internet nachzueifern, nur semigut gelungen oder sogar grandios gescheitert ist. 

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Illustration: Julia Schubert



Eine Welt voller gelungener D.I.Y.-Projekte erstreckt sich vor allem zwischen Blogs, Communitys und Pinterest, mit manchen Ausläufern zu Facebook, Youtube und den anderen Orten, wo es im Netz social wird. Eigentlich müssten all die hübschen Selbermachideen und Video-Tutorials mit einer grell blinkenden „Don't try this at home“-Warnung versehen sein.

Es gibt nämlich wenig Deprimierenderes als ein etwa 15-jähriges Mädchen erfolglos dabei nachzuahmen, die Haare kunstvoll verwuschelt am Hinterkopf festzustecken. Während das bei mir auch nach einer halben Stunde noch nach einem Auffahrunfall von Haargummi, -strähnen und -klammern aussieht, strahlt sie mir aus der Youtube-Dauerschleife entgegen und sagt Sachen wie „just like that“ und „supereasy“. Am allerdeprimierendsten ist es aber, auf den unendlich vielen Pinterest-Boards mit D.I.Y.-Ideen zu stöbern. Pinterest ist ein sehr bildlastiges soziales Netzwerk, die meisten Nutzer träumen dort von einem durchästhetisierten Leben. Entsprechend perfekt fallen die Selbermachprojekte aus.

Ich bin, zugegeben, kein Geschicklichkeitscrack, aber zwei linke Hände habe ich auch nicht. Das dauerpräsente Selbermacher-Internet weckt auf jedem Klick die Hoffnung, das würde als Voraussetzung reichen, um bei D.I.Y.-Projekten fabelhafte Ergebnisse zu erreichen, egal ob es sich um bestempelte T-Shirts oder extrem komplizierte Süßspeisen handelt. Schließlich sind dort auch keine Modedesigner oder Food-Stylisten, sondern ganz gewöhnliche Menschen am Werk. Ihr Erfolg verspricht: Was wir können, kannst du auch!

Wenn man sich zu lange durch ihre hochästhetischen Resultate und die Anleitungen zu den „supereasy“ Projekten klickt, vergisst man leicht: Normalbegabte präsentieren ihre Werke oft nicht im Netz. Es sei denn, ihnen ist im fünften Anlauf doch noch gelungen, was die vier Male zuvor nicht vorzeigbar war. Die gescheiterten Versuche werden online nicht dokumentiert – und wenn doch, werden die entsprechenden Blogeinträge und Pins nicht hunderte Male weitergereicht, so dass sie einem im Gegensatz zu denen der D.I.Y.-Vorturner einfach nur selten begegnen.

Zum Glück aller Nichtvirtuosen ändert sich das gerade, weil durch Blogs wie „Pinterest Fail – When Good Intentions Come To Die“ auch die durchschnittlichen Ergebnisse der Marke Eigenbau einen prominenten Platz im Netz bekommen. Auf „Pinterest Fail“ sind immer D.I.Y.-Vorbild und misslungene Nachahmung gemeinsam zu bewundern, dazu berichtet der Gescheiterte von den Problemen bei der Umsetzung. Vor allem Küchen-Fails sind dort bislang versammelt, etwa unförmige Kekse, die eigentlich wie eine Oscar-Statuette aussehen sollten, oder mit bunter Schokolade verzierte Nationalfeiertagserdbeeren, die eher noch ans bayerische Rautenmuster als an „Stars and Stripes“ erinnern. 

Die Amerikanerin Jenna Andersen hat „Pinterest Fail“ gegründet, nachdem sie bei sich selbst unrealistische Erwartungen festgestellt hatte, wenn sie sich zu lange die Resultate der Selbermacher-Elite auf Pinterest angesehen hatte. Jenna probiert viele ihrer Ideen selbst aus. „Manchmal habe ich Erfolg, aber oft scheitere ich auch“, sagt sie. Sie wünscht sich, dass alle, die sich zu unrecht als völlige Bastel-, Back- oder Frisierlegastheniker fühlen, so gemeinsam über ihre Fehler lachen können – und gleichzeitig feststellen, dass sie oft nicht an sich selbst, sondern an einer miesen Anleitung scheitern. Ich werde versuchen, das nicht zu vergessen, bis ich, über meine Unfähigkeit fluchend, an meinem Industrie-Rollregal zimmere.



Text: juliane-frisse - Foto: pinterestfail.com

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