„Ein guter Haarschnitt muss etwas kosten“

1 400 Friseurbetriebe gibt es in München – und immer mehr davon sind so genannte Billigfriseure. Wie steht es um diesen Beruf?
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Billigfriseure boomen. Sie bieten Haarschnitte für so wenig Geld an, dass man sich fragt, wie das überhaupt funktionieren kann. Gleichzeitig hört man immer wieder von Dumping-Löhnen, die selbst ausgebildete Friseure verdienen. Wie ist die Lage derzeit für Friseure wirklich? Christian Kaiser, Obermeister der Friseurinnung München, besitzt seinen eigenen Friseurbetrieb „Hair Kaiser“ in der Elvirastraße und kennt sich aus. Wir haben bei ihm nachgefragt. jetzt.muenchen: Herr Kaiser, wie beliebt ist die Ausbildung zum Friseur bzw. zur Friseurin? Christian Kaiser: Der Friseurberuf ist bei Frauen mit Haupt- und Realschlussabschluss neben dem der Arzthelferin immer noch einer der beliebtesten Berufe überhaupt. Da hat sich nicht viel verändert. Stimmt es, dass Friseure so wenig verdienen? Wie viel ist das tatsächlich? Das ist leider eine Falschdarstellung. Für Bayern sowie für fast alle alten Bundesländer gilt der Allgemeine Tarifvertrag, in dem es die Festsetzung der Mindestlohnforderung von 7,66 Euro die Stunde gibt. Das ist der Pflichttarif für die unterste Lohngruppe und damit erst das Einstiegsgehalt. Auch in der Ausbildung ist die Entlohnung relativ hoch, das Gehalt liegt beispielsweise noch über dem der Auszubildenden zur Rechtsanwaltsgehilfin. Wie ist das in den Bundesländern, für die der Allgemeine Tarifvertrag nicht gilt? Das Problem liegt tatsächlich leider im Osten. Dort gibt es durch die mangelnde Festlegung der Tarife sehr unterschiedliche und teilweise bedrückend niedrige Einstiegsgehälter. Das ist natürlich von der individuellen Erfolgslage der einzelnen Friseurbetriebe abhängig. Je nach dem, was der Inhaber mit seinem Laden verdient, ist es ihm möglich, den Rahmen der zu vergebenen Gehälter ganz willkürlich festzulegen.

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Illustration: Julia Schubert

Bekommt man denn in München bei einem teuren Friseur auch mehr Gehalt als bei einem einfachen Friseurladen oder etwa einer sogenannten Billigkette? Teure Friseure beteiligen ihre Angestellten oft am Umsatz. Das eigene Gehalt hat aber zum Großteil mit dem persönlichen Bemühen zu tun: Macht man sich im wahrsten Sinne des Wortes bezahlt, weil man die erste Kraft im Betrieb ist, also am meisten Umsatz schafft, bekommt man einen sogenannten „Ecklohn“, der ist schon höher. Übt man eine Meisterbeschäftigung aus, beispielsweise durch Ausbildungstätigkeiten oder administrative Beschäftigungen, ist die Bezahlung wieder anders. In Billigsalons ist das häufig nicht der Fall. Es kommt vor, dass die Kräfte nur auf 500 Euro angemeldet werden und den Rest schwarz bekommen oder auch nicht. Leider gibt es immer wieder Fälle von Lohndumping. Und wie erreicht man die Anstellung bei einem renommierten Friseur? Ein Geheimrezept gibt es da nicht. Was zählt, ist die individuelle fachliche Kompetenz. Das heißt: Ständig auf dem neusten Stand der Mode zu sein, der vorhandene Wille sich die dafür nötigen technischen Fertigkeiten anzueignen, also Fortbildungen zu besuchen. Außerdem muss ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen in die Kunden vorhanden sein, das damit einhergehende Kommunikationstalent sowie Begeisterungsfähigkeit. Das Wichtigste und Schönste für einen Friseur ist es ja, einen glücklichen Kunden zu entlassen, damit er gerne wiederkommt. Inwiefern bedeuten die angesprochenen Billigfriseure, die Schnitte und Färben plus Haarewaschen für teilweise schon neun Euro anbieten, eine Gefährdung der klassischen Friseurläden? Für junge Friseure, die jetzt erst anfangen, ihren Laden zu etablieren und noch keine Stammkundschaft haben, ist es schwer, sich neben den Discountfriseuren zu etablieren. Viele Leute sind nicht mehr bereit, viel Geld für den Friseurbesuch auszugeben. Ein guter Haarschnitt muss aber etwas kosten, vor allem weil er Zeit braucht. Eine Handwerkstunde bewegt sich zwischen 40 und 60 Euro. Bei Billigfriseuren geht es demnach nur um schnelle Massenabfertigung, damit sich die niedrigen Preise bezahlt machen. Viele günstige Angebote existieren aber ohnehin nur auf dem Plakat. Schaut man sich die Preistafel dann näher an, erkennt man, dass das Angebot nur kombiniert verfügbar ist. Regelmäßig treffen diesbezüglich Beschwerden bei der Innung ein, da viele Leute erst an der Kasse erfahren, was sie da jetzt eigentlich insgesamt erworben haben. Wie hoch ist die Friseurdichte in München? Mit gut 1400 gemeldeten Betrieben und noch nicht eingerechneten Freiberuflern sehr hoch. Zeitweise kommt es zu einem Verdrängungswettbewerb. Das ist vor allem ein Problem für die klassischen Betriebe, die durch ihr Ausbildungsangebot eine hohe zusätzliche Leistung erbringen und finanziell eine größere Bürde tragen. Der Wettbewerbsvorteil, den sich da vor allem Discountfriseure durch ihre Massenabfertigung schaffen, ist enorm. Am ärgerlichsten sind jedoch vor allem die Betriebe, deren Inhaber nicht einmal ausgebildete Friseure sind. Wie sind die Regelungen der Handelskammer, dass so etwas überhaupt möglich ist? Das ist durch die Aufhebung des Inhaberprinzips möglich. Früher konnte man einen Betrieb nur eröffnen, wenn man selbst einen Meistertitel besaß. Nun reicht es schon, lediglich einen Meister einzustellen. Solche Regelungen machen es natürlich extrem einfach für diese schwarzen Schafe, da sie den Meister kurze Zeit später wieder entlassen können. Gibt es eine Frisur, die ihnen in München besonders häufig begegnet? Das variiert ständig. Heutzutage ist es kaum mehr möglich eine einheitliche Trendtendenz festzustellen, da die Mode vielseitiger ist als je zuvor. Momentan sind bei Männern Ausläufer des Poppers, auch Retropopper genannt, zu erkennen. Das ist eine Neuinterpretation der 70er Jahre. Das Deckhaar wird hier gestuft getragen und zum Pony hin werden die Haare schwerer, länger. Verraten Sie noch Ihre neusten Trendprognosen für Männer und Frauen? Bei den Männern kommt der klassische Herrenschnitt wieder, der sogenannte „Cary Grant Look“, ganz Gentleman. Die Seiten werden sehr kurz geschnitten und das Deckhaar bleibt lang. Wichtig ist ein strenger Seitenscheitel. Bei Frauen wird der Shortbobcut wieder kommen, ein sehr kurz geschnittenen Bob mit extremer Stufung.

Text: mercedes-lauenstein - photocase.de/eyelab

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