Ein Laden zum Einladen

Im WM–Sommer hatten sechs Münchner Freunde eine Idee: Sie revolutionierten die Art, wie man Leute auf eine Party einlädt. Heute arbeiten 25 Menschen aus der ganzen Welt bei "amiando"
jan-stremmel

Schnörkeliges Gusseisen neben grünem Plastik und schlichtem Edelstahl - wild durcheinander zwängen sich die Briefkästen an die Wand im Foyer des Bürohauses in der Blumenstraße 28. Eine Tür weiter ist der Club „Die Registratur“, Künstlerateliers, Architekturbüros und Internetfirmen gibt es hier – in den Briefschlitzen stecken Flyer. Am Rand hängt ein amerikanischer Postkasten mit roter Fahne: Er gehört der Firma, die Einladungen in Briefkästen vielleicht bald überflüssig macht. Im ersten Stock drückt Dennis von Ferenczy, 27, auf einen Knopf am Beamer, und eine Blumenwiese erscheint vor ihm auf der Wand. Die Startseite des Online-Portals amiando, Untertitel: „Einfach einladen.“ Dahinter stecken die Idee von sechs Freunden und knapp zwei Jahre Arbeit. Juni 2006, WM-Sommer: Dennis und seine Freunde organisieren eine Party zum Eröffnungsspiel. „Wir wollten 200 Leute einladen und hatten das Problem: Wie organisiert man das?“, sagt er. Einladungen per Post verschicken? Aufwändig und langsam. Die Gäste einzeln anrufen? Unübersichtlich und teuer. „Und per Email hätten uns die Rückmeldungen den Posteingang verstopft.“ Alle sechs Freunde haben zu dem Zeitpunkt schon an Online- und IT-Projekten gearbeitet, ihnen ist klar: Die Lösung für ihr Problem liegt im Internet. Weil es da aber außerhalb von Netzwerken wie Facebook keine Möglichkeit gibt, Freunde zu einer Party einzuladen, handeln sie selbst. Sie bauen eine Website mit Infos zu ihrer WM-Feier und mailen den Link an die Gäste. „Uns war schnell klar, dass wir da auf eine Marktlücke gestoßen sind“, sagt Dennis.

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Illustration: Julia Schubert

Rettende Business Angels So wird aus der WM-Idee das Konzept für ein Online-Portal: Jeder kann mit wenigen Klicks eine Website für seine Veranstaltung basteln, eine Gästeliste anlegen, automatisch Einladungen mit dem Link verschicken. Die Gäste können auf der Seite per Mausklick zu- oder absagen, in einem Forum besprechen, wer Bierfässer kaltstellt oder Nudelsalat mitbringt, es gibt eine Fotogalerie und eine Pinnwand für Mitfahrgelegenheiten. Alles kostenlos. So entsteht auf amiando für Gäste eine Infoplattform – und für den Gastgeber eine Art virtuelles Planungsbüro. Der Vorteil gegenüber Facebook: Bei amiando muss sich keiner der Gäste registrieren. „Dadurch ist die Hemmschwelle niedriger“, erklärt Dennis. Ein halbes Jahr lang werkeln er und seine Freunde an ihrem Portal, zunächst im Wohnzimmer von Mitgründer Felix, dann in einem Raum an der Uni. Im Dezember 2006 startet amiando. Doch langsam gehen die Ersparnisse zuneige. Die sechs Freunde nehmen Kontakt auf zu größeren Online-Firmen, werben für ihre Idee, und innerhalb eines Monats stehen finanzkräftige Investoren hinter ihnen, so genannte „Business Angels“: Unter anderen die Gründer von StudiVZ, Spreadshirt und LastFM. Leute also, die etwas davon verstehen, welche Ideen eine Chance haben im Web 2.0.


Dennis nippt an seiner Kaffeetasse und erinnert sich an die ersten Monate. Würde das Konzept aufgehen? Damals kommen die ersten Events aus dem Bekanntenkreis: Geburtstagsfeiern, Fußballturniere, Filmabende. Was dann folgt, nennt man im Fachjargon „virales Marketing“: Wie ein Virus verbreitet sich die Nachricht von amiando über Blogs und Netzwerke im Internet, und nach drei Monaten stehen 4 500 Events online. Bald kommen Anfragen von Leuten, die das Portal professionell nutzen wollen: Firmen möchten Seminare organisieren, Konzertveranstalter kleine Festivals managen. Doch die Seite stößt an ihre Grenzen: Was fehlt, ist eine Funktion zum Ticket-Verkauf. Die Gründer beraten sich – und finden eine Möglichkeit, mit der Website Geld zu verdienen: Im Juni 2007 geht der „Ticketing-Service“ online, man kann nun über das Portal Eintrittskarten für sein Event verkaufen – egal, ob Messe oder Schafkopfturnier. Die Karten werden als E-Ticket an die Gäste verschickt. Amiando verlangt fünf Prozent vom Eintrittspreis. Zum ersten Mal macht die junge Firma in der Blumenstraße Umsatz. Dennis führt durch das Büro: Fünf Räume, Altbau, Netzwerkkabel laufen übers Parkett. Bunte Neonröhren tauchen den Flur in blaugrünes Licht, die Wände sind übersät mit Din-A4-Seiten: „Kölner Improvisations-Theater-Festival, Karten 18 Euro“ steht da. Und darunter: „10 Jahre Abi ’98, Eintritt 5 Euro“. Ticket-Veranstaltungen, die gerade über amiando organisiert werden. Nur jeder vierte User nutzt bisher die Ticket-Funktion, im Schnitt kosten Karten 15 Euro. Dass die Firma trotzdem guten Umsatz macht, verdankt sie einem Prinzip, das „Long Tail“ heißt: Hochpreisige Events werden über große Ticketanbieter vermarktet. Daneben gibt es aber unzählige private Veranstaltungen: Jubiläumsfeiern, Motto-Partys oder Kleinkunstabende – für die solche Anbieter zu teuer sind. Genau die wollen Dennis und seine Freunde erreichen. Inzwischen werden aber auch Events mit knapp 2 000 Teilnehmern über amiando organisiert, etwa die Online-Konferenz „Le Web 3“ in Paris. Um dort den Einlass zu vereinfachen, haben die Tüftler in der Blumenstraße ein eigenes Programm entwickelt: Es scannt den Barcode auf jedem Ticket und gleicht ihn online mit der Gästeliste ab. Dafür reicht eine normale Webcam. Online nach Lateinamerika Dennis geht an zwei Sitzsäcken vorbei und betritt die riesige Küche. In der Ecke hängt eine Leinwand. Für Bundesliga-Übertragungen, und für die Spielkonsole. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich in einem Jahr vervierfacht: Gerade wurden wieder vier eingestellt, damit sind es, Dennis zählt nach, insgesamt 25. Darunter eine Engländerin, eine Spanierin, eine Französin und ein Schweizer. Seit einem halben Jahr ist das Portal unter den Länderkürzeln „.com“ und „.fr“ auf Englisch und Französisch nutzbar, seit vier Wochen auch auf Spanisch – damit will das Münchner Start-Up den lateinamerikanischen Markt erschließen. Obwohl die Kunden aus Paris oder London kommen, gibt es keine amiando-Filialen – alle Mitarbeiter sitzen in der Blumenstraße 28 im ersten Stock, das Geschäft spielt sich im Internet ab. „Nicht mal die Veranstalter der „Le Web 3“ haben wir persönlich getroffen“, sagt Dennis „Unser Produkt ist eben schön selbsterklärend.“ In den nächsten Wochen wird eine neue Version von amiando online gehen. Dann wird sich jede Event-Seite noch individueller gestalten lassen, mit Videos und Musik. Stirbt damit die persönliche Einladung per Post ganz aus? „Ist sie doch praktisch schon“, sagt Dennis. „Durch die Erfindung der E-Mail.“ Das individuelle Design der Einladungen bei amiando bedeute für ihn aber wieder einen Schritt zurück, sagt er. In Richtung persönlicher Einladung. Dass die Idee der sechs Freunde sich auch in der älteren Generation weiter verbreitet, glaubt Dennis nicht: Es hat Tage gedauert, bis er seiner Mutter die Geschäftsidee seiner Firma erklärt hatte. Bei den Großeltern hat er es gar nicht erst versucht.

Text: jan-stremmel - Foto: Maria Dorner

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