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Ein Land aus Schnipseln

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Alle reden über die DDR. Jeder zieht nach und nach seine persönlichen Erinnerungen aus der alten Kellertruhe und ich sitze da und frage mich: Wo war ich da? Was ist in meiner Truhe? Ich war zu Hause, als die Mauer fiel. Und gerade mal ein Jahr alt. Ich versuche, mich heranzutasten, stückchenweise, in die immer nebeliger werdenden Gefilde der Kindheitserinnerungen. Ich erinnere mich an erstaunlich viel, aber nie hat es mit Politik oder Fragen über das eigene Land zu tun. Da sind allerdings Wortfetzen wie: "DDR", "Die Mauer" oder "Bonn". Die kamen ab und an aus Elternmündern, flatterten zwischen Küchenpolstern und Tagesschau umher. Dazu gab es Wurstbrot und Gurke und wir Kinder sahen den einzigen Witz der tagespolitischen Sendung darin, den Nachrichtengong zu imitieren oder zu raten, wer diesmal moderieren würde - "Dünnschädel" oder "Dickschädel"? Erst später im Gymnasium fingen dann all die zerstreuten, unsortierten Worterinnerungen an, sich zu einem Bild zu fügen. Einmal sollten wir im Geschichtsunterricht historische Karten vergleichen und daran politische Entwicklungen nachvollziehen. Märchenhaft kam es mir vor, dass sich so viele verschiedene Grenzen über die Jahre hin und herverschoben haben sollen. Der Gedanke, dass das auch in meinem Leben, also in der echten Welt passieren könnte, schien mir absurd. Grenzverschiebungen, Kriege, Revolutionen - das sind Sachen, die hängen im Museum und liegen in Schularchiven. Das war, als Opa klein war. Und da rasselte es mir plötzlich ins Bewusstsein: Wieso denn, als Opa klein war? Die Landkarte hat sich zum letzten Mal verändert, da warst du auch schon auf der Welt. In echt. Plötzlich war ich maßlos enttäuscht. Ich konnte mich ja, obwohl ich schon auf der Welt gewesen sein muss, an nichts erinnern. Und fühlte mich irgendwie, als hätte ich etwas sehr Wichtiges einfach um Minuten verschlafen. Zu spät gekommen. Zu meiner eigenen Geschichte. Und was erzähle ich dann später mal meinen Kindern? Nein, so kann man das ja nicht sehen. Und ich bin ja auch froh und dankbar, in eine freiere und friedlichere Welt hineingeboren worden zu sein. Trotzdem: Was wird meine spektakuläre Geschichte? Jahrhundertwende? Währungsreform? Globalisierung? Internet? iPhone? Oder ist es zum Schluss so, dass sich das Große immer im Stillen vollzieht, so wie man auch seine eigenen Geschwister nicht wachsen sehen hat, weil man ständig mit ihnen zusammen war? Und irgendwann blättere ich das Geschichtsbuch meines Enkels durch und sage: "Siehst du, mein Kleiner, das war, als Oma jung war." Und der sagt dann vielleicht: "Boah, die ersten Digital Natives, das waren du und deine Freunde? Echt jetzt?" Oder so. mercedes-lauenstein


Mittlerweile habe ich so viele Dokumentationen über die Freikörperkultur in der DDR gesehen, dass in meiner Vorstellung alle Bewohner der DDR nackt waren, ständig. Sie schliefen nackt, sie badeten nackt, saßen nackt am Küchentisch und fuhren nackt Auto. Selbst die Mitglieder des Politbüros müssen ständig nackt gewesen sein und während sie miteinander sprachen, rollten sich ihre nackten Plauzen gemütlich über ihr Gemächt. Nur für Fotographien zog man sich staub- oder mausgraue Anzüge oder Pullover an, und gruppierte sich vor grauen Kastenhäusern, um den Westen zu foppen. Weil alle nackt waren, sah man dauernd sehr viele Schamhaare, denn niemand rasierte sich untenrum, weil ja Kommunismus war. "Schamhaare" sagte man in der DDR allerdings nicht, sondern "Hoseninneresschutz", genauso wie man Fotographien "Abbildungslichterzeugnis" nannte, denn alles in der DDR hatte wunderlich andere Namen, was wohl auch irgendwie mit dem Kommunismus zu tun hatte. Außerdem musste man auf alles sehr lange warten, auf ein Auto zum Beispiel 520 Jahre und auf ein Brötchen 100 Jahre. Nur Nacktsein konnte man sofort, darum waren es vermutlich alle. Was in der DDR im Fernsehen lief, weiß ich nicht, aber heute sieht man im Nachmittagsprogramm oft junge Menschen, die in der Fußgängerzone vor Pimpkie oder New Yorker angehalten werden und denen Reporter dann Fotos von angezogenen Leuten aus der DDR zeigen, zum Beispiel von Erich Honecker oder Egon Krenz. Die jungen Menschen erkennen dann niemanden und behaupten, der auf den Fotos sei Helmut Kohl oder "dieser eine Bundespräsident". Vermutlich geht es ihnen wie mir und sie können jemanden aus der DDR einfach nicht erkennen, wenn er gerade aus Versehen nicht nackt ist. Heute noch Fotos von Erich Honecker und Egon Krenz mit ihren nackten Plauzen herumzuzeigen, wäre andererseits natürlich auch nicht nett, "Siegerjustiz!" riefen dann sicher einige. Außerdem, würden sie hinzufügen, hießen "Plauzen" in der DDR überhaupt nicht "Plauzen", sondern "Bauchgürtelmassen". lars-weisbrod.jetzt.de lars-weisbrod
Das Coolste, was ich mit der DDR verbinde, ist der Tanz aus dem Film "Sonnenallee": Bei einer merkwürdigen Diskoveranstaltung in Ost-Berlin stehen Micha und seine Freunde plötzlich alle in einer Reihe, gehen in die Knie und wippen betont lässig von einem Fuß auf den anderen. Dazu läuft "Get It On" von T-Rex. Das Ganze sieht so bescheuert aus, dass es schon wieder cool ist. Sonnenallee ist 1999 erschienen, zehn Jahre nach dem Mauerfall, neun Jahre nach meiner Geburt. Auf einem Kindergeburtstag versuchte ich damals, allen diesen Tanz beizubringen. Ich hatte keinen Schimmer davon, was die DDR war. Bis heute verbinde ich mit diesem Land vor allem das, was Filme mir erzählt haben: dass man in der Schule Russisch statt Englisch lernte und Klamotten in komischen Farben trug; dass man Spreewaldgurken aß, aber nur selten Bananen; dass man die gute Musik nur heimlich hören durfte und alle Jugendlichen Pfadfinder waren. Oder sowas in der Art. Ich habe "Goodbye, Lenin!" gesehen, "Der Rote Kakadu" und lauter Fernsehkrimis, in denen jemand von seiner Stasi-Vergangenheit eingeholt wird. Empört bemerkte ich irgendwann, dass deutsche Filme vor allem dann Chancen auf einen Oscar und andere Preise haben, wenn es um Nazis oder die DDR geht. Bald hatte ich genug von diesen Geschichten, sie waren einfach so wenig greifbar, so unwirklich. Die DDR ist für mich etwa so weit weg wie das Römische Reich: Über beide habe ich ein bisschen etwas in der Schule gelernt. An beiden Orten war ich inzwischen schon mal, aber es sah dort nicht besonders aus. Ich kenne auch niemanden, der dort gelebt hat, außer meinem früheren Mathelehrer, der immer lustige Geschichten aus seiner Armeezeit erzählt hat. Grundsätzlich hatte ich also ein sehr lustiges Bild von der DDR. Bis ich neulich endlich mal "Das Leben der Anderen" gesehen habe. Ich hatte das vor mir hergeschoben, schon wieder so ein preisgekrönter DDR-Film, das musste nicht sein. Inzwischen weiß ich, dass nicht alles so lustig war. Dass viele Menschen in ständiger Unsicherheit lebten, ihren Nachbarn nicht vertrauen konnten und unter vielen Einschränkungen und Verboten litten. Trotzdem glaube ich, dass zwischen dieser dunklen und jener hellen, lustigen Facette der DDR ein riesengroßer, verschwommen-grauer Bereich liegt. Die eigentliche DDR sozusagen. Und vielleicht war die einfach nicht spannend, nicht anders genug, um sie zu verfilmen. eva-schulz
Schön war sie, die Hymne. Zumindest die Melodie. Meine Schwester, die "Auferstanden aus Ruinen" in den Achtzigern im Musikunterricht einer Eifler Grundschule anhörte, fand sie damals schon toll. Ich finde es heute noch und habe zum zwanzigjährigen Jubiläum des Mauerfalls fast täglich einen Ohrwurm davon. Als die Mauer fiel, war ich knapp drei Jahre alt und lebte in dem Mittelgebirge, das seine Ferne zu Ostdeutschland schon im Namen trägt: im Westerwald. Ich erinnere mich an nichts Konkretes. Ich erinnere mich nur an Erinnerungen, die in meiner Kindheit bis zu mir vordrangen. Mir sind noch spöttische Bemerkungen präsent, Begriffe wie "Dunkeldeutschland" und "Sammelmentalität". Mit der ganzen Familie sahen wir "Go Trabi Go" an und lachten uns kaputt. Die DDR schien, so wie sie sich mir in meiner westdeutschen Kindheit darstellte, etwas Lächerliches gewesen zu sein. Der Geschichtsunterricht ersetzte dieses lächerliche Bild durch ein politisches, ein bedrohliches. Wie der Alltag in der DDR wirklich aussah, das wusste ich immer noch nicht. Ein Alltag, den ich selbst nicht erlebt hatte und von dem auch keiner aus meiner Familie, nicht die Eltern, nicht die Großeltern erzählen konnte. Ich setzte ihn zusammen aus Filmen wie "Sonnenallee", Fotos und Interviews. Vor dem selbstgebastelten "Monopoly", das ich im Museum sah, empfand ich fast so etwas wie Neid. Neid darauf, dass ich meinen Enkeln später nicht würde erzählen können, dass ich früher erfinderisch sein musste. Das ist naiv, aber genau diese Naivität zeichnet auch meine Erinnerung an die DDR aus, weil ich mich an etwas erinnere, an das ich mich nicht erinnern kann. Wenn ich im Fernsehen die Szene aus der Prager Botschaft oder Bilder vom Mauerfall sehe, dann bekomme ich jedes Mal wieder eine Gänsehaut und wäre einfach gerne dabei gewesen. Und die deutsche Nationalhymne klänge in meinen Ohren dann sicher viel schöner als die der DDR. nadja-schlueter

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