Ein Platz muss kommen

Manche warten mehr als sechs Jahre auf einen Medizinstudienplatz. Was macht diese Geduldsprobe mit einem? Drei Beispiele
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Drei Stunden, bis die Partygäste eintreffen, zwei Wochen, bis ein Paket ankommt, oder ein Jahr, bis man die Traumwohnung findet: Ständig muss man auf etwas warten. Doch wenn man wissen will, was es bedeutet, wirklich lange zu warten, muss man mit Helge reden.

  Helge ist 26 Jahre alt und lebt in Achim bei Bremen. 2005 hat er Abitur gemacht, Durchschnittsnote 2,8. Danach hat er seinen Zivi im Rettungsdienst geleistet, dabei sein Interesse für Medizin entdeckt und sich um einen Studienplatz beworben. Wenn man mit Helge spricht, hat man nicht das Gefühl, dass er irgendwie ungeduldig ist, aber es wäre ihm nicht zu verübeln: Seit über sechs Jahren wartet er darauf, mit dem Medizinstudium beginnen zu können. Weil seine Abiturnote nicht gut genug ist. „Ich werde seit sechs Jahren dafür bestraft, dass ich damals faul war“, sagt er. 

  Sechs Jahre sind eine lange Zeit, wenn man erst Mitte zwanzig ist. Sechs Jahre sind dann fast ein Viertel der Lebenszeit. Und geduldig sein ist eine schwierige Aufgabe, wenn man noch jung ist, wenn man gerade sein Abi hinter sich hat, eine Entscheidung getroffen hat, ein über allem stehendes Interesse entdeckt hat. Man ist motiviert und man will keine Behelfslösung. Na gut, vielleicht nimmt man sie für ein Jahr in Kauf – aber vier Jahre? Oder sechs? Wie ist das, wenn man erwachsen wird, während man auf seine Zukunft wartet? Helge, Christoph und Florian wissen es.

  „Ein Stück Leichtigkeit im Leben geht verloren“, sagt Helge. Die Ungewissheit, wann es endlich klappt, belastet ihn. Er fühlt sich zwar nicht jeden Tag hilflos und verzweifelt, „aber unterbewusst entwickelt sich mit zunehmender Dauer eine gewisse Unzufriedenheit.“ Planungsunsicherheit, die Hilflosigkeit gegenüber dem System der Studienplatzvergabe und die permanente Sorge, dass die Zeit einem davonläuft, das alles trägt Helge seit Jahren mit sich herum. Aber er hält durch. „Wenn ich jetzt ein anderes Studium anfange, verfallen alle meine Wartesemester. Dann müsste ich meinen Traum, Mediziner zu werden, ganz hinten anstellen.“

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Illustration: Julia Schubert


  Helges Fall ist kein seltener und erinnert an einen, der vor kurzem in den Medien war: Ende September gab das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen vier Klägern Recht, dass mehr als sechs Jahre Wartezeit für einen Studienplatz nicht zumutbar seien. Das Oberverwaltungsgericht Münster jedoch setzte das Urteil Anfang Oktober aus, weil noch nicht feststehe, dass die Kläger endgültig keinen Studienplatz bekommen – und solange verletzte die Wartezeit auch nicht ihre Grundrechte. 

  Wer Medizin studieren will, muss sich bei der Stiftung für Hochschulzulassung, der ehemaligen ZVS, bewerben. In diesem Jahr gingen dort 44 053 Bewerbungen für 8753 freie Medizinstudienplätze ein. Die Bewerberzahlen steigen seit Jahren, die Anzahl an freien Studienplätzen nimmt im Vergleich nur sehr langsam zu. Für die Vergabe der Plätze gibt es eine Quotenregelegung: 20 Prozent werden nach Abiturnote vergeben, 20 Prozent nach Wartezeit und 60 Prozent nach der Hochschulquote. Jährlich wird die Wartezeit neu berechnet, sie hat immer mit den Bewerber- und Studienplatzzahlen des Vorjahres zu tun. 2007 mussten Abiturienten mit einem Notenschnitt von 2,8 noch acht Semester auf einen Medizinstudienplatz warten. Seitdem hat die Zahl der Bewerber wieder zugenommen. Dieses Jahr wartet man mit einem Schnitt von 2,7 bis zu zwölf Semester. 

  Für die Platzvergabe nach der Hochschulquote definieren die Universitäten zusätzliche Auswahlkriterien. So können sie zum Beispiel zu einem Gespräch einladen oder eine Berufsausbildung besonders berücksichtigen. Helge hoffte auf die Gespräche. Er ist bei möglichst vielen Unis vorstellig geworden und hat seine Ausbildung zum Rettungsassistenten mit 1,0 abgeschlossen. „Man versucht halt alles“, fasst er seine Mühen zusammen. Trotzdem wurde er enttäuscht: „Kaum eine Uni lädt wirklich zu Auswahlgesprächen ein. Am Ende geht doch alles nach dem NC.“ 

  Das liegt daran, dass die Hochschulen sich mit einer extrem hohen Bewerberzahl konfrontiert sehen. Wenn sie zu Gesprächen einladen und eine Vorauswahl treffen, tun sie das anhand formaler Kriterien – zum Beispiel anhand der Abiturnote. Und auch bei der Auswertung der Gespräche spielt der Schulabschluss wieder eine Rolle. Bernhard Scheer, Pressesprecher der Stiftung für Hochschulzulassung, bestätigt: „Die Abiturnote muss der wichtigste Faktor sein.“ 

  Ob die Auswahl der Medizinstudenten anhand ihrer Abiturnote der richtige Weg ist, um die Ärzte von morgen auszuwählen, darüber kann man streiten. Christoph zum Beispiel findet das nicht: „Es geht in der Medizin nicht nur um Fachwissen, sondern auch um kompetente Begleitung der Kranken. Aber bei der Auswahl wird nicht darauf geachtet, wie man sich darauf vorbereitet hat, ein guter Mediziner zu sein.“ Und Christoph hat sich gut vorbereitet. Nach seinem Abi im Jahr 2006, Note 2,3, hat er Zivildienst in einem Behindertenheim gemacht und, wie auch Helge, erst dabei sein Interesse an der Medizin entdeckt. Da war es aber schon zu spät, das nachzuholen, was für einen Studienplatz in diesem Fach grundlegend ist: ein sehr gutes Abitur. Vier Jahre hat Christoph auf einen Studienplatz gewartet. Er hat eine Pflegeausbildung abgeschlossen und dann als Krankenpfleger gearbeitet. Er hat gelernt, dass jemanden zu waschen mehr bedeutet als ihn bloß sauber zu machen. Er hat gelernt, was in den Krankenhäusern schief läuft und wie viele Aufgaben an die Pfleger delegiert werden – so viele, dass es erstmal immer nur darum geht, welche Aufgaben man weglassen kann. Christoph hat gelernt, wie wichtig soziale Kompetenz im Arztberuf ist und er ist auch ein bisschen wütend geworden. Das hört man heute noch: „Ich habe mir immer gesagt: Ich habe mich gut vorbereitet, ich habe eine Ausbildung, bin motiviert und kann lernen. Ich will das jetzt! Aber das System lässt mich nicht. Das deprimiert.“ Das Potenzial vieler Leute, die motiviert seien, gehe so einfach verloren, sagt Christoph. Er selbst hat irgendwann nicht mehr daran geglaubt, dass es mit einem Studienplatz noch klappt. Er fühlte sich nicht berücksichtigt und einer Hinhaltetaktik ausgeliefert. Darum hat er seinen Traum von der Medizin fallenlassen. Christoph studiert seit dem Sommersemester 2011 Automobiltechnik in Wolfsburg.

  Bernhard Scheer nimmt die Motivation der Bewerber, die jahrelang warten, durchaus wahr. Aber er vermutet auch, dass jene mit langer Wartezeit oft die weniger guten Studenten sind: „Sie hatten das schwächere Abi, sie sind seit längerer Zeit aus dem Lernrhythmus raus. Das kann dann für Schwierigkeiten im Studium sorgen und die Motivation drücken.“

  Ob Florian, 25, ein schlechterer Student ist als die, die frisch von der Schule an die Uni kommen, wird sich noch zeigen. Er studiert seit diesem Wintersemester Molekulare Medizin in Münster. 2006 hat er Abitur gemacht, hat sich seit 2007 regelmäßig für einen Studienplatz beworben und außerdem eine Ausbildung zum Physiotherapeuten abgeschlossen. Nun ist aber die Wartesemesterzahl wieder gestiegen und es könnte sein, dass Florian bis 2013 warten müsste. Er hat die Geduld verloren und sich für ein anderes, der Humanmedizin ähnliches Studium entschieden. Er lächelt ein bisschen über seine jungen Kommilitionen, die sich für andere Dinge interessieren als er. Aber er wirkt sehr gelassen. „Man lernt Ausdauer“, erzählt er mit Verweis auf seine Wartezeit. „Viele Abiturienten wissen die Möglichkeit eines Studiums nicht zu schätzen. Wir, die Wartenden, haben uns ausführlich damit auseinandergesetzt und eine Ausdauer im Erreichen persönlicher Ziele entwickelt.“ 

  Florian glaubt, dass die, die sich erst spät für ein Medizinstudium entscheiden und die schon eine Ausbildung haben, hinterher bessere Ärzte werden. Auch er möchte immer noch lieber Patienten behandeln als in die Forschung gehen. Er will nach dem Bachelor noch ein Studium der Humanmedizin anschließen oder aber in einem Labor arbeiten, das an ein Krankenhaus angeschlossen ist. Dass er bei der ersten Variante erst spät im Leben Arzt wäre, macht ihm keine Sorgen. Wartende müssen nicht nur geduldig sein, sondern auch optimistisch. 

  Aber was ist, wenn sich das Warten am Ende gar nicht lohnt? Vielleicht liegt Christoph mit seiner Vermutung, hingehalten worden zu sein, gar nicht so falsch. Für die Hochschulen kann es nur von Vorteil sein, wenn einigen die Motivation abhanden kommt und der Bewerberandrang abnimmt. Und wer es nach jahrelangem Warten doch schafft? Der läuft Gefahr, tief zu fallen, wenn das Studium doch nicht so verläuft, wie er sich das vorgestellt hat. Es ist schwierig zu entscheiden, wie klug Konsequenz und Ausdauer sind – und wie klug es ist, seinen Traum weiter zu verfolgen, wenn einem Steine in den Weg gelegt werden. Die Bewunderung für Menschen, die alles geben, um sich ihren größten Wunsch zu erfüllen, ist häufig groß. Aber Aufgeben ist nicht immer falsch. Die Frage ist nur: Wann? 

  Für Helge kommt Aufgeben nicht in Frage, auch wenn ihn die Absage in diesem Jahr erstmals hart getroffen hat. „Ich habe mir bisher nie Sorgen gemacht. Mein Job als Rettungsassistent macht mir Spaß und die magische Grenze von zwölf Wartesemestern war ja noch nicht erreicht.“ Aber dann wurde in diesem Jahr der NC angehoben und Helge fiel mit seinen 2,8 aus dem Raster. „Der Ablehnungsbescheid zu diesem Wintersemester war für mich ein Schlag ins Gesicht. Nach sechs Jahren habe ich fest damit gerechnet, einen Studienplatz zu bekommen. Das war ein Moment, in dem ich wirklich wütend und verzweifelt war. Und es hat eine Zeit gedauert, das zu akzeptieren und weiter zu machen, immer mit der Hoffnung, dass es beim nächsten Mal klappt.“ Es ist nicht zu hundert Prozent sicher, dass er im nächsten Wintersemester einen Studienplatz bekommt. Es kommt darauf an, ob sich bis dahin wieder etwas an der Wartezeitquote ändert oder nicht. Wenn nicht, dann ist Helge aber sicher dabei. Nach dann sieben Jahren.

Text: nadja-schlueter - Foto: leicagirl/photocase.de

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