Ein Reisender ohne Gepäck

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Er legt den Brief auf den Tisch als draußen der Morgen graut, 3. September 1996. Sascha verlässt seine Wohngemeinschaft in Wassertrüdingen, er schließt die Tür und geht zum Bahnhof. Damals ist er 18 Jahre alt, Kfz-Mechaniker in Ausbildung und ein Reisender ohne Gepäck. Die Eltern wohnen im gleichen Ort und schlafen noch, als der Sohn in den Bus steigt. Mutter Susanne ist Grundschullehrerin, Vater Gerhard ist Rektor der Grundschule und SPD-Ortsvorstand. Als beide am selben Tag zu Mittag essen, nennt Sascha Kunkel bereits einem Taxifahrer in Straßburg das einzige französische Wort, das er neben „Bonjour“ und „Le Tartare“ kennt: „Légion?“ Der Fahrer fährt ihn eine Stunde lang durch Straßburg und knöpft ihm vor dem Eingang des Rekrutierungsbüros zuviel Geld ab. Er entlässt Sascha in das Leben, das heute nur noch wenige Deutsche wählen: Er wird Korsika und Tote sehen, er wird in den Gemächern von Saddam Hussein wohnen und verstehen, dass sein Beruf schrecklich viel Zukunft hat. Und er wird seinen Eltern näher kommen. Im Februar 2008 sitzt ein kahlrasierter, braungebrannter Hüne in einem Café auf Montmartre in Paris. Er wirkt bisweilen wie ein alerter Unternehmensberater, er bleibt beim Reden häufig im Ungefähren, er ist gelernter Scharfschütze. Saschas Zähne blitzen weiß aus seinem Gesicht. Er nimmt einen Schluck Wein, fünf Jahre gehörte er der französischen Fremdenlegion an, er nimmt einen Schluck Wasser und gibt eine erste Antwort: „Ich wollte nicht mehr an Autos rumschrauben.“ 1831 gründete der französische König Louis Philippe die „Légion étrangère“. Frankreich hatte Kolonien in Afrika und Asien und regelte Konflikte mit Militär und in Auseinandersetzungen sollten möglichst wenige Franzosen zu Schaden kommen, also nahm die Fremdenlegion ihren Betrieb auf und rekrutierte Männer aus allen Nationen. Zwischen 1870 und 1962 traten auch etwa 100.000 Deutsche bei, zeitweise bestand die Hälfte der Legion aus Männern deutscher Nationalität. Manche hatten Probleme mit der Polizei, andere waren Abenteurer oder arbeitslos, andere verließen ihre schwangeren Frauen. Der erste Brief Heute gehören 7700 Männer der Fremdenlegion an, unter denen aber nur 150 Deutsche sind. Über ein Drittel der Männer kommt aus Osteuropa und vom Balkan. Für viele von ihnen bedeutet die Aufnahme in die Fremdenlegion eine Perspektive, einen französischen Pass und, auf Wunsch, einen neuen Namen. „Von Jedem wird die Legion als neues Leben verstanden“, sagt Sascha und bisweilen dringt das Fränkische durch seine Sätze. „Deswegen haben wir nie viel über unsere Vergangenheit gesprochen.“ Jede Woche fahren gut 400 Bewerber aus den neun Rekrutierungsbüros nach Aubagne in Südfrankreich und werden drei Wochen gegängelt. „Du isst soviel, dass du nicht verhungerst und wenn du nicht rechtzeitig zu den Appellen erscheinst, wirst du mit Liegestützen bestraft.“ Ärzte untersuchen die Bewerber, der „Legionsgeheimdienst“ fragt nach der Vergangenheit – Kriminelle werden nicht aufgenommen. Um die Zeit zwischen den Tests kümmern sich die Vorgesetzten. Nach einem Regenschauer muss Sascha den Volleyballplatz mit Putzlappen trocknen. Wassertrüdingen im April 2008, eine Stadt in Mittelfranken von 6020 Einwohnern. Im Wohnzimmer der Kunkels kleben Portraits von Sascha an der Wand, Vater Gerhard und Mutter Susanne suchen weitere Bilder, während Collie Junior und Sheltie Fama durch das Haus streifen. Im Flur pfeift ein Papagei und spricht unverständliche aber lustige Wörter. Jetzt hält der Vater ein Album mit Saschas Briefen in Händen. Er hat sie zu einem Buch binden lassen. Am Tag, an dem Sascha verschwindet, läuten zwei Freunde an der Haustür. Sie haben Tränen in den Augen und halten Gerhard Kunkel den Brief entgegen. „Es war dramatisch“, erinnert sich der Vater. Die Mutter erholte sich im Krankenhaus noch von einer Operation.


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Illustration: Julia Schubert

Ich erfülle mir meinen Traum und gehe zu einer Armee, stand in dem Brief. Der Vater, vollbärtig, sitzt nachdenklich im Wohnzimmersessel, vor sich Apfelsaft aus eigenem Anbau und Käsebrote. „Natürlich war es ein Schock. Am Tag bevor er weg ist, saß er noch hier“, und er deutet auf den Platz auf dem Sofa, auf dem Susanne Kunkel sitzt. „Er hat gefragt, ob wir ihm eine Autobatterie kaufen und ich habe ihm das Geld gegeben.“ Er denkt nach. „Er hat immer von der Bundeswehr geträumt – und in der Ausbildung war er doch unterfordert.“ Susanne Kunkel erzählt von einer ganz normalen Kindheit, von einem den pubertären Umständen entsprechend guten Verhältnis zu ihrem Sohn. Dann öffnet Sie eine Schachtel mit Kinderbildern. Sascha auf stillgelegten Panzern im Ungarn-Urlaub, Sascha in der nahen Bundeswehrkaserne Heidenheim. Ein Lachen im Gesicht. Gerhard Kunkel erzählt vom Anruf beim Auswärtigen Amt. Wie er mit seiner Frau alles zur Elite-Einheit der französischen Armee las und von Saschas Freunden erfuhr, dass ein Wassertrüdinger Gastwirt einst in der Legion war und, trotz seiner Verschlossenheit, für Sascha zu einer Art Beispiel geworden war. Die Eltern schicken ein Fax an die Legion. „Wir wollten nur wissen, ob er angekommen ist.“ Nach Wochen antwortet Frankreich in zwei Sätzen: „Er ist aufgenommen. Es geht ihm gut.“ Sascha gehört zu den zehn Prozent der Bewerber, die in die viermonatige Grundausbildung nach Castelnaudary dürfen. Noch in Aubagne schreibt er auf eine Papiertischdecke einen ersten Brief an die Eltern, den er einem abgewiesenen Deutschen zusteckt. „Entschuldigt, dass ich mich jetzt erst melde . . . “ Die Fremdenlegion verbietet bis zum Ende der Grundausbildung Kontakt mit der Außenwelt. Die Ausbildung beginnt mit einem Nachtmarsch über fünf Kilometer und endet mit drei Tagen und 120 Kilometer Marsch durch die verschneiten Pyrenäen. Sascha lernt Bügeln, er lernt die Bestandteile eines Maschinengewehrs zu benennen, indem er in einer eigenen Lautschrift das Französische mitschreibt und abends mit einem französischen Legionär die Worte aufs Neue lernt. „Wenn du in die Legion gehst ist das für die meisten ein Schocker, weil sie nicht wissen, was die Legion wirklich ist“, sagt Sascha. Die Legion besteht aus Regimentern, die aus Kompanien, die aus Zügen bestehen. Sascha wird nach der Grundausbildung einer von gut 900 Männern im 2. Fallschirmjägerregiment in Calvi auf Korsika. Er lernt Nahkampf und wird Scharfschütze, ein Sniper, der aus großer Entfernung ein Ziel trifft. In Wassertrüdingen zeigen die Eltern ein Bild, auf dem ein festgenagelter, kaputter Luftballon zu sehen ist. Daneben, eng nebeneinander, zwei Einschusslöcher. Eine Demonstration für den einstigen französischen Premierminister Lionel Jospin, eine der Kugeln schoss Sascha. Aus 800 Metern Entfernung. Häufig verbringen die Eltern und auch Saschas jüngerer Bruder die Ferien in der Nähe der Kaserne. Sie erleben einen Sascha, der den eigenen Bruder anhält, das Hemd in die Hose zu stecken, dem das Reisebügeleisen der Eltern zu schwach ist, und der deshalb aus der Ferienwohnung zurück in die Kaserne fährt und dort sein Legionsbügeleisen holt. 1999 geht Saschas Traum in Erfüllung. Sein Regiment soll den Nachschub der serbischen Truppen für den Kosovo abschneiden. Die Fremdenlegionäre bauen Straßenposten und entwaffnen die Truppen. „Die waren seit Jahren am Kämpfen und hatten keine Moral mehr. Wenn vier LKWs mit je 10 Soldaten kamen, haben die kapiert, dass sie gegen 30 postierte Legionäre keine Chance haben. Das wäre Selbstmord gewesen.“ Es klingt leicht. Zuhause fiebern die Eltern. Im Dezember 1999 fliegt Sascha nach Elfenbeinküste. Ein Bürgerkrieg steht bevor und die Legionäre bewachen die französische Botschaft. Mutter Susanne zeigt in einem Album Bilder aus Elfenbeinküste. Sascha mit einem Äffchen, im Atlantik, mit Bananenstauden. Sascha deutet „Schlachtungsakte“ verfeindeter Gruppen an, die er gesehen habe. „Wir sprechen mit ihm nicht über seine Einsätze“, sagt der Vater. „Er spricht selbst nicht darüber. Er war, glaube ich, oft im Zwiespalt, was er erzählen soll. Wenn, dann sind es beiläufige Sätze in denen er sagte, er habe schon genug Tote gesehen.“ Die Mutter sagt: „Es ist sein Beruf. Wie wenn man Polizist ist.“ In Paris sagt Sascha auf die Frage, ob er Menschen getötet habe: „No comment“.


Aus Schock wurde Stolz Susanne Kunkel streichelt Fama und erinnert sich an den Lehrer, der Sascha prophezeite, nie auch nur irgendeiner Fremdsprache mächtig sein zu werden. Sie erzählt von den Löchern, die er als Kind immer in den Hosen hatte und wie er sich in der Legion in den Bergen Korsikas zurück zog und Trompete lernte, indem er die Töne nachspielte, die ihm jemand auf eine Kassette gespielt hatte. „Der Schock hat sich in Stolz verwandelt“, sagt die Mutter und zeigt ein Bild, das ihr Sascha schickte. Darauf ist sein typisches weißes Képi zu sehen, das Markenzeichen der Legionäre. Daneben eine Kerze, die sie ihrem Sohn ins Regiment schickte. Sie brennt auf dem Bild. „Zuhause hätte er das nie gemacht.“ Fünf Tage vor dem 11. September 2001 verlässt Sascha nach den fünf Pflichtjahren die Fremdenlegion, er will Neues sehen und geht nach Paris. Für Air France arbeitet er nach den Anschlägen von New York als SkyMarshall, nahe Nizza dirigiert er 40 Bodyguards, die für den Schutz einer vermögenden Familie verpflichtet sind. 2004 geht er in den Irak und arbeitet für eine Sicherheitsfirma, die wiederum von einer amerikanischen Nichtregierungsorganisation (NRO) bezahlt wird. Die NRO baut mit erfahrenen Politikern aus Europa und den USA demokratische Strukturen auf und Sascha sucht die Büros. „Ich bin zusammen mit einem Operations Manager zum Beispiel nach Basra gefahren. Dort haben wir uns in einem Hotel eingenistet und ein passendes Haus und Gelände gesucht. Während der Manager Computer und Möbel für die Büros besorgt hat, habe ich einen Sicherheitsplan vorbereitet: Wachen ausbilden, Wachtürme aufbauen, eine Mauer um das Gelände ziehen. Das war die Voraussetzung für das Democracy Building, wie es die NRO genannt hat.“ Der Schatten von Blackwater Saschas Firma schützt die Politiker, die Offiziellen, die im Land sind. Zu der Zeit kommen immer mehr Firmen in den Irak, um einflussreiche Personen zu schützen. Die Angestellten dieser so genannten Militärdienstleister sind Contractors. Der US-Journalist Jeremy Scahill schreibt in einem eben erschienenen Buch unter anderem über die prominenteste dieser Firmen namens „Blackwater“, deren Angestellte im September vergangenen Jahres 17 Iraker erschossen, als sie einen Diplomatenkonvoi schützen sollten. Erstmals diskutierte die breite Öffentlichkeit das, was Sascha „die Zeitenwende nach 9/11“ nennt: Dienstleister übernehmen in Krisenregionen militärische Aufgaben. Scahill zufolge, um ein Beispiel zu nennen, kamen im Herbst 2006 auf 7200 britische Soldaten mehr als 20 000 Söldner, die für britische Firmen arbeiten. Gefahren werden ausgelagert. Das ist einer der Gründe, warum die Fremdenlegion gegründet wurde. Sascha kennt die Geschichte und wird aufbrausend. „Wie macht man Sicherheit? Mit der Puffe im Gesicht?“, fragt er. Sicherheit bedeutet Kontakt mit der Bevölkerung, sagt er. „Nichts anderes!“ Sascha baute auch in Bagdad eine Base auf und schließlich in Tikrit, dem Geburtsort Saddam Husseins, wo er auch in den ehemaligen Palästen des einstigen Diktators lebte, in denen die Zimmer manchmal 300 Quadratmeter messen. Als eine Mitarbeiterin der NRO in Bagdad ums Leben kommt und die Organisation aus dem Irak abzieht, gründet Sascha mit einem Freund aus der Legion ALGIZ Services Ltd, eine eigene Sicherheitsfirma. Beide bleiben in Tikrit. „Die Leute dort wollten weitermachen. Und wir haben gesagt: Okay.“ Zurzeit sprechen beide Firmen an, mit der Bitte, in Tikrit zu investieren. Sascha zieht im Café eine Mappe hervor mit einem Schreiben des Provinzgouverneurs, der ALGIZ beauftragt, Investoren zu finden. „Jetzt funktioniert die Truppenverstärkung der Amerikaner. Wir sind von 60 Attacken täglich auf sechs runter gekommen. Wir müssen diese Stille nutzen“, sagt Sascha. „In Tikrit, das sind ehrliche Leut’! Wir müssen denen eine Alternative bieten.“ Sascha sucht Investoren, damit er sie beschützen kann. In Wassertrüdingen räumt Susanne Kunkel den leeren Käsebrote-Teller ab, geht aus dem Wohnzimmer in die Küche und sagt noch einen Satz: „In der Legion ist er erwachsen geworden, der Bub.“

Text: peter-wagner - Fotos: Rana Wintersteiner

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