Eine Band im Müllsack: Deichkind über den Spaß an der schrägen Klamotte

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Sie hatten einfach keinen Bock mehr auf das alte Zeug. „Zu eingefahren, zu unfrisch“, so beschrieben die drei Musiker von Deichkind vor zwei Jahren die HipHop-Generation und wechselten deshalb das Musikgenre. Weg vom Rap, hin zum Elektro-Disco-Pop, den sie in Kostümen aus Müllbeuteln, Klicklichtern und Pyramiden vortrugen. Passend zum Karneval sprach jetzt.de mit Philipp von Deichkind über die eigenartigen Kostüme, Karneval und seine Angst auf der Bühne. jetzt.de: Ihr seid mittlerweile bekannt für eure abgedrehten Kostüme. Wie seid ihr eigentlich auf die Idee gekommen, euch zu verkleiden? Phillipp: Bei uns war das eher eine Notlösung. Wir waren backstage und haben schnelle Technobeats auf dem Programm gehabt und wussten nicht so richtig, wie wir uns dabei anstellen sollten. Da haben wir gedacht, dass wir jetzt einfach mal irgendwelche Utensilien aus dem Backstagebereich nehmen. Wir haben Müllbeutel gefunden und einfach mal angezogen. Daraus hat sich dann auch unsere Show entwickelt. Wir haben einen kleinen Bandcontest gestartet und gesagt, dass wir jetzt nur noch eine eigene Unterhose benutzen dürfen. Den Rest der Outfits müssen wir uns im Backstagebereich suchen. Was auch immer dort herumliegt, wir nehmen es!

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Illustration: Julia Schubert

Das hört sich ja ganz schön nach Arbeit an. Wie lange dauert es denn bis ein Kostüm fertig ist? Eine halbe bis dreiviertel Stunde. Wir ziehen die Kostüme eine halbe Stunde vor dem Konzert an, kurz vor dem Auftritt wäre das zu anstrengend. Aber der Vorteil ist, dass wir uns selbst Sachen ausdenken und kreativ sein können. Was für Voraussetzungen muss denn ein Kostüm haben, damit es einen Deichkind-Auftritt aushält? Eigentlich hat das Outfit überhaupt keine Voraussetzung. Es muss einfach aus einem selbst heraus entstehen. Viele Stars verkleiden sich in der Öffentlichkeit, um nicht erkannt zu werden. Was für ein Gefühl gibt dir das Verkleiden auf der Bühne? Eine gewisse Sicherheit, weil man sich hinter den Kostümen verstecken kann. So ein Kostüm wirkt im Grunde wie eine Gitarre oder ein Schlagzeug. Es lenkt ab und man steht weniger im Mittelpunkt. Wir verstecken uns einfach, weil wir Angst haben, auf der Bühne zu sein.

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Illustration: Julia Schubert

Angst? Ihr? Och, na ja, das musst du dir mal vorstellen, wenn da so 15.000 Leute vor dir stehen und du allein mit dem Mikrofon irgendetwas rappen musst. Da hast du schon ordentlich Muffensausen.


Dann muss euer erster Auftritt mit den Kostümen ja eine richtige Befreiung gewesen sein. Na ja, wir kamen uns ehrlich gesagt ganz schön bescheuert vor. Am Anfang dachten wir: „Nee, das können wir nicht machen, das ist doch total beknackt.“ Aber dann sind wir einfach aufgetreten und es hat irgendwie gefunkt. Wir haben gemerkt, dass es ein Zusammenspiel zwischen den Fans und uns ist und den Leuten irgendwie auch Spaß macht. Und das ist sowieso das Wichtigste für uns. Wir sind auch mal bei Stefan Raab aufgetreten und haben mit den Kostümen performt. Da saßen dann so 200 „Normalo“- Leute auf der Bank und konnten überhaupt nichts mit uns anfangen. Aber bei Live-Konzerten ist das einfach immer ein Traum. Wieso verkleiden sich dann nicht noch mehr Sänger oder Musikgruppen? Ach, das ist einfach Ansichtssache. Es kommt darauf an, ob man ernsthaft sich selber, seine Persönlichkeit und seinen Gesang herüberbringen möchte oder ob man sagt, ich will eine krasse Show abliefern, wo die Leute abgehen. Das ist eine Schwerpunktfrage, worauf man Wert legen möchte bei einer Band.

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Illustration: Julia Schubert

Früher habt ihr HipHop-Musik gemacht, jetzt ist es Techno-Rap. Inwieweit protestiert ihr jetzt auch mit euren neuen Outfits gegen den Hip Hop? Das ist eine Art Befreiung aus diesem Genre und überhaupt eine Befreiung. Wir haben gedacht, dass wir jetzt auch wirklich mal die Musik machen, die wir lustig und gut finden. Nehmen wir mal an, ein Fan möchte an Karneval als Deichkind gehen. Wie genau müsste das aussehen? Das ist eigentlich ganz einfach. Pro Person brauchst du fünf Müllsäcke, ungefähr acht Meter Gaffa und circa 16 Klicklichter. Dann schneidest du in einen Müllsack Kopf und Arme und die vier anderen Müllsäcke sind für die Beine. Die klebst du zu zwei Beinen zusammen und schneidest sie natürlich unten auf, damit du zwei Röhren hast. Die Röhren klebst du mit Gaffa fest um deine Taille und auch unten um deine Beine. Dann klebst du ein Gaffakreuz vorne drauf und hinten ein großes E. Danach schneidest du den Gaffa in kleine Streifen und klebst mit denen die Klicklichter an die Kreuze dran. Zu guter Letzt haben wir natürlich noch die Pyramiden. Die kann man aus Pappe basteln und dann mit Klicklichtern verzieren.

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Illustration: Julia Schubert

Das hört sich aber nicht sonderlich stabil an, wenn man dabei an eure wilden Konzerte denkt. Wie schafft ihr es, damit herumzuspringen und abzurocken? Da muss man natürlich vorsichtig sein. Am Anfang hatten wir die Kostüme nicht richtig konzipiert und irgendwann ist es dann passiert, dass wirklich jemand von uns nackt auf der Bühne stand, weil Fans vorne am Kostüm gerissen hatten. Aber wir haben jetzt eine Technik entwickelt, die alles festhält und damit so etwas nicht mehr passieren kann. Lass uns zum Abschluss noch über eure Musik reden . . . Wir werden Anfang April wieder auf Tour gehen und wollen bis dahin auf jeden Fall unser neues Album fertig haben. Gibt es auch schon einen Namen für die neue Platte? Ja, das Album wird heißen: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Soll bedeuten? Sei nicht ungeduldig!

Text: hanna-vandervelden - Fotos: Andreas Chudowski

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