Eine Frage der Zukunft

Sollen wir im Leben immer besser oder einfach zufrieden werden? Versuch über einen unterschätzten Gedanken
peter-wagner

Malte Pennekamp öffnet die Tür zum Café Jasmin im Münchner Univiertel. Der Dienstagmorgen ist kalt und das Café ist mollig geheizt. In einem der lindgrünen Sessel sitzt eine Studentin und blättert im Economist, einem knochigen aber klugen Wirtschaftsmagazin aus England. Auf dem Titel steht "Bubble warning - Why assets are overvalued." Vorne, nahe an der Theke, sitzt ein Student und liest das Buch Sofies Welt. Der Philosophie-Exkurs war mal ein Bestseller, weil er die Sehnsucht der Menschen nach Sinn stillte. Nach dem Abitur sah sich Malte als Sofies Welt-Leser. Sein Vater wollte einen Economist-Käufer aus ihm machen. Heute wirkt Malte, 24, ein bisschen erschöpft. Er hat harte Wochen hinter sich, er ist Sprecher des Zusammenschlusses der bayerischen Studierendenvertretungen und hat die Proteste der Studenten mit organisiert. In diesem Kaffeehausgespräch soll es nicht nur um die Proteste gehen. Es soll um die Frage gehen, was wir eigentlich von der Zeit nach der Ausbildung und nach dem Studium erwarten? Sollen wir immer besser werden und immer mehr erreichen? Ist das der Sinn des Lebens? Oder sollen wir einfach nur irgendwann - zufrieden sein? Die Fragen klingen banal. Vielleicht sogar so banal, dass manche sie übersehen. Malte wächst in der Nähe von Düsseldorf auf und als er nach dem Abitur seinem Vater sagt, dass er gerne Philosophie oder Psychologie studieren möchte, schüttelt der den Kopf. "Brotlos", sagt er und ist wahrscheinlich nicht der einzige Vater der Welt, der diese Vokabel kennt. Malte hört sich die Argumente mit dem "Lebensunterhalt" und den "Berufsaussichten" an. "Ich hab mich erst fürchterlich aufgeregt", erinnert er sich. "Dann habe ich verstanden, dass er es gut mit mir meint - und nachgegeben." Wobei sich dieses "Nachgeben" stärker anhört als es war. Malte einigt sich mit seinem Vater auf ein "Kompromissfach", wie er es nennt. Er macht sich auf den Weg nach München und studiert Politikwissenschaften an der Hochschule für Politik. Wenn man so will, macht er den Economist und Sofies Welt zu seinen Pflichtlektüren. Ein bisschen hat er selbst entschieden, ein bisschen sein Vater. Während der Studentenproteste erklärt Malte der Öffentlichkeit immer wieder, warum seine Kommilitonen unzufrieden sind. Seit es den neuen Bachelorabschluss gibt, fehlt vielen Studenten das, was ein Studentenleben einmal ausmachte: Zeit und Freiheit und das Gefühl von Selbstbestimmung. Im alten Studiensystem konnte man in vergleichsweise entspannter Atmosphäre ein gebildeter und erwachsener Mensch werden. (Als Wilhelm von Humboldt vor gut 200 Jahren in Berlin die Universität gründet, denkt er an einen Ort zur "Persönlichkeitsformung".) Im neuen Studiensystem soll jeder sehr schnell das Beste aus seinem Potential machen. Es geht im Protest also keineswegs nur um Studiengebühren und Studieninhalte, es geht für die Studenten um die Haltung zum Leben.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

"Es ist ein Schatz, wenn ich gründlich für mich herausarbeite, was mich als Person ausmacht." Malte schaut recht lange aus dem Fenster und denkt über Zufriedenheit nach. "Mein Problem ist: Ich bin nicht in der Lage, ohne Ehrgeiz zu funktionieren. Was ich mache, möchte ich gut machen. Wenn ich koche, möchte ich zum Beispiel der beste Koch sein. Ich bin Perfektionist. Zufriedenheit stellt sich bei mir erst ein, wenn ich meine volle Leistung abgerufen habe." Er schaut nachdenklich in den Raum. "Ich glaube", sagt er dann aber, "wer ehrgeizig ist, kann nie richtig zufrieden sein." Ehrgeiz und Fleiß und Leistungsbereitschaft sind etwas sehr Deutsches. Noch heute werden bei uns viele Todesanzeigen mit diesem (positiv gemeinten) Sprüchlein versehen: Müh und Arbeit war ihr Leben, treu und fleißig ihre Hand. Möge Gott ihr Ruhe geben, Rasten hat sie nie gekannt. Deutschland ist eine Arbeitsgesellschaft, sagen Wissenschaftler, die sich die Deutschen genau anschauen. Was ein Mensch in Deutschland ist und darstellt, verbindet sich eng mit der beruflichen Stellung. Der Drang zum Karrieremachen, zum Besserwerden ist in einer solchen Gesellschaft die Regel. Trotzdem merken viele Menschen irgendwann, dass der berufliche Erfolg nur ein Teil des Lebens ist. Das Hamburger Magazin stern ging vor ziemlich genau einem Jahr mit einer Titelgeschichte zum Thema Arbeit an die Öffentlichkeit. Darin erzählen Menschen, wie irgendwann in ihrem Berufsleben der düstere Schatten des Zweifels über ihr Schaffen fällt. Sie sind Daimler-Mitarbeiter oder Computerunternehmer und kriegen plötzlich die Krise. Sie haben das Gefühl, zu Gunsten ihres Ansehens ihre Träume verraten zu haben und steigen aus und halten plötzlich Pferde oder eröffnen Weinläden. Solche Geschichten von Aussteigern sind einerseits anregend - viele möchten es ihnen gleich tun. Andererseits machen diese Geschichten Angst. Es scheint, als seien diese Menschen irgendwann auf ein falsches Gleis gesetzt worden. Vielleicht, weil sie ihrem Vater nach der Schule nicht einmal einen Kompromiss abgerungen haben. Vielleicht, weil sie ihr Berufsleben allein an den Maßstäben der Arbeitsgesellschaft orientiert haben. Vielleicht auch, weil sie nicht rechtzeitig nachgedacht haben. Franz Riedmiller von der Münchner Agentur für Arbeit ist der Mensch, der es an guten Tagen schafft, Studenten auf das richtige Gleis zu setzen. Er ist 56 Jahre alt und Berater für akademische Berufe. Wenn er formuliert, macht er das sehr vorsichtig. Er weiß, dass man nie alle Menschen über einen Kamm scheren kann. Doch es gibt da eine Tendenz zur Nachdenklichkeit, sagt er. In der Wirtschaftskrise seien die tollen Chancen dünner gesät und das habe die Gedanken seiner Studenten verändert: "Zurzeit muss man um das, was man will, kämpfen. Man muss sich genau mit der Frage auseinandersetzen: Was will ich?" Riedmüller glaubt, dass die Krise die Sinne für das eigene Leben schärft. Und das findet er toll. Er denkt über die Studenten nach, die sich vor ihm auf den Stuhl setzen (800 kommen jedes Jahr zu den vier Beratern in der Agentur für Arbeit). "Es ist ein Schatz, wenn ich gründlich für mich herausarbeite, was mich als Person ausmacht. Es ist eine mühselige Auseinandersetzung mit sich selbst. Aber wer das mit sich macht, hat einen Vorteil." Franz Riedmiller wünscht sich mutige Menschen, die sich nicht von Außen beeinflussen lassen. Malte Pennekamp glaubt, dass uns vor allem der Vergleich mit anderen antreibt. Er sagt: "Viele setzen sich nie konkret damit auseinander, wie sie sein wollen. Ich glaube, viele unserer Handlungen entstehen situativ. Wir orientieren uns am jeweils nächsten Gut - an der nächsten Prüfung oder vielleicht auch nur an dem Streit, der gerade zu lösen ist. Vor allem aber orientieren wir uns an anderen - und werden dabei unglücklich." Vielleicht ist es eine nette Übung, das eigene Leben einmal daraufhin abzuklopfen, wann wir fremden Maßstäben gefolgt sind und wann wir wirklich unsere Ideen durchgesetzt haben. Ein junger Kerl aus Amerika hat diese Übung schon sehr früh probiert. Pat Tillman versuchte immer, seinen inneren Motivationen zu folgen. Er versuchte, wie Malte, alles so gut zu machen, wie er nur konnte: Pat trainierte viel und wurde ein geachteter Footballspieler bei den Arizona Cardinals. 2002 meldete er sich bei der US Army, weil er das Gefühl hatte, seinem Land dienen zu müssen. Er schlug gut dotierte Footballverträge aus und handelte sich das Kopfschütteln seiner Familie ein. Mit 27 Jahren kam er in Afghanistan durch "Friendly Fire" ums Leben. Nach dem Tod interessiert sich der Autor Jon Krakauer für das Leben von Pat Tillman. (Krakauer hat auch Into the Wild geschrieben, das Buch über den lebenssüchtigen Ausreißer Christopher McCandless, der in der Einsamkeit Alaskas starb.) Krakauer bekommt Pats Tagebücher zu Gesicht und liest darin, wie Pat über Tage hinweg in einem Army-Lager in Saudi-Arabien den Essay "Selbstvertrauen" von Ralph Waldo Emerson studiert. "Selbstvertrauen hat meine Seele berührt", schreibt Pat in sein Tagebuch. "Brillant, wirklich brillant!" Krakauer verfasst schließlich ein Buch über Pats Leben ("Auf den Feldern der Ehre", Piper) und zitiert darin eine Passage aus Emersons Essay: Was ich tun muss, ist alles, was mich angeht, und nicht das, was die Leute denken. Diese Regel, die im tatsächlichen Leben wie im intellektuellen Leben gleich schwer zu befolgen ist, kann für die Unterscheidung zwischen Größe und Niedrigkeit dienen. Es wird dadurch umso schwerer, weil man immer Leute finden wird, die glauben, besser zu wissen, was deine Aufgabe ist, als du selbst. Leicht ist es, auf der Welt nach der Meinung der Welt zu leben; leicht lässt sich in der Abgeschiedenheit der eigenen gemäß leben; groß aber ist der, welcher inmitten der Menge mit vollkommener Klarheit die Unabhängigkeit der Abgeschiedenheit bewahrt. Im Buch und in Pats Leben steckt viel amerikanisches Pathos. Man muss es subtrahieren, um zu verstehen, wie Pat tickte. Er konnte mit dem Begriff "Zufriedenheit" wahrscheinlich nichts anfangen, sonst hätte er weiter Football gespielt. Er begriff sein Leben wohl als eine Aufgabe, in der es darum geht, mit sich selbst deckungsgleich zu werden. Vielleicht hat er mehr als Zufriedenheit gesucht; seinen persönlichen Frieden zum Beispiel. Nun geht es im Café in München auf Mittag zu und Malte Pennekamp nähert sich seiner Lösung zu der Frage, ob man immer besser oder einfach nur zufrieden werden soll. Er erinnert sich an das erste Prinzip des Existenzialismus von Jean-Paul Sartre und wird kurz zu dem, was er einmal sein wollte: zum Philosophen. "Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht" lautet das Prinzip. Malte interpretiert den Satz so: "Wenn der Mensch sein eigener Gesetzgeber ist, dann sollte er sich selbst Wege auferlegen, seine Zufriedenheit zu erlangen." Und wenn der Mensch der Meinung sei, das ginge nur, indem er immer besser würde - dann sei das auch in Ordnung. Zumindest für Malte und Sartre. Und wer diese Antwort nicht mag, muss sich selber eine suchen.

Text: peter-wagner - Foto: tilla eulenspiegel/photocase.com

  • teilen
  • schließen