Eine Landpartie zur Landparty

Zwei sommerliche Beobachtungen vom Rand der Stadt: Ausgehen im östlichen und westlichen Umland
meredith-haaf

Donnerstag in Ebersberg 18.30 Uhr, Marienplatz Untergeschoss. Mit mir warten Mengen von erschöpften Arbeitnehmern auf die richtige S-Bahn und den lang erwarteten Feierabend. Normalerweise müsste es genau umgekehrt sein: ich sollte hier ankommen, nach oben steigen und dann ein Plätzchen zum Ausflippen oder nur zum Trinken suchen. Heute will ich in die Provinz, wo man, so sagen es jedenfalls alle, die dort aufgewachsen sind, hervorragend feiern kann. Die Fahrzeit von der Innenstadt Münchens in die Innenstadt von Ebersberg dauert genau 45 Minuten. Normalerweise erreiche ich Clubs und Kneipen innerhalb von 15 Minuten mit dem Fahrrad – alles, was länger dauert, muss schon sehr außergewöhnlich sein. Weil ich im S-Bahnfahren nicht besonders geübt bin, bin ich viel zu früh. Aus dem Internet habe ich mir eine Adressen-Liste ausgedruckt mit allen gastronomischen Betrieben, die es in Ebersberg gibt. Das sind insgesamt 29, von der Bahnhofsgaststätte bis zum Konditorei-Betrieb. Wo es besonders cool zugeht, stand in der Liste nicht, das muss ich schon selbst herausfinden. Ich denke an all die Touristen und München-Besucher, die mich in den vergangenen Jahren gefragt haben, wo man denn „gut ausgehen“ könne in München. Vor lauter Ratlosigkeit habe ich sie immer in die Kultfabrik geschickt, weil ich nicht wusste, wonach sie suchen. Bestimmt werde ich im Ebersberger Pendant zur Kultfabrik landen. Die Menschen, die mit mir in die S-Bahn einsteigen, sehen ein bisschen welk und erschöpft aus. Die paar jungen Menschen dazwischen sind mit H&M-Tüten und Getränkebechern von McDonalds ausgestattet, sie haben ihre Mission in der Großstadt erfüllt.

Ab Grafing Bahnhof riecht es auch im Waggon nach Kuhstall. In Grafing Stadt steigt ein junges Punker-Pärchen aus, das mir gar nicht aufgefallen war. An der Baywa-Filiale entdecke ich Anti-Nazi-Graffitties. Als die S-Bahn an der Endhaltestelle Ebersberg hält, stürmen die jungen Menschen schnellstmöglich vom Bahnhof weg. Mir bleibt nur der Mann im Bahnhofskiosk, den ich fragen kann, wo denn die Jugend vom Lande sich so treffe und feiere. Der Mann verweist mich mürrisch auf ein Lokal namens „Oberwirt“ und wenn es mir da nicht gefalle, könne ich immer noch in den Biergarten im Klosterhof gehen. Ich mache mich auf den Weg zum „Oberwirt“ im Ortskern – das einzig Jugendliche an diesem Etablissement ist die Kellnerin und die etwas zu laute Reggae-artige Musik, die aus dem Lautsprecher tönt. Außer mir sitzt noch ein Pärchen beim Abendessen und ein älterer Herr, der so lange mit seinem Handy rumspielt, bis sein Essen kommt. Als ich die Kellnerin frage, wo die Dorfjugend denn nun sei, ist sie etwas ratlos. Sie sei selbst nicht vom Ort und könne deshalb nicht mit Bestimmtheit sagen, wer wo hin gehe und wie es da sei. Später mache ich mich auf den Weg zum „Gasthof am Tor“, in dem sich angeblich die Jugend von Ebersberg tummelt. Ein Restaurant mit Außenschankfläche, idyllisch in einem Klosterhof gelegen, aber auch die tollste Location hilft ja nichts gegen uninspirierte Mittelmäßigkeit. Die Zeit vergeht hier zäh und das Gefühl wird immer stärker, dass ich gerade genau am falschen Ort bin. Ganz bestimmt geht es gleich um die Ecke ordentlich ab, und ich erfahre nichts davon, weil auch hier wieder die Anwesenden nur sehr zögerlich auf meine Frage antworten können, wo denn die jungen Menschen feiern würden. Richtig gut, so der Tenor, seien die privat organisierten Partys in irgendwelchen Scheunen. Da gebe es von Rockabilly-Konzerten über Metal-Partys bis zu den größten Abstürzen nördlich der Alpen alles, was das Herz begehrt. Leider sei aber gerade heute keine solche Veranstaltung geplant. Ich beschließe, zurück nach Grafing Stadt zu fahren, denn da, wo Punks und Graffiti sind, kann es nicht schlecht sein. Allerdings muss ich mich wieder ein wenig gedulden: die nächste S-Bahn fährt erst in einer halben Stunde, in der Zwischenzeit studiere ich die Aushänge an einer Scheune, die von Schaumpartys künden und Feldenkrais-Abenden. Um kurz vor zehn bin ich in Grafing Stadt. Ich mache mich hoffnungsfroh auf in den Ortskern, aber schon auf dem Weg ist es so ruhig, dass mir Angst und Bange wird. Vielleicht ist ja eine Ausgangssperre verhängt worden, von der ich nichts erfahren habe. Nach einer Weile begegnet mir aber ein Mann mit neongrünen Turnschuhen, ich bin also doch nicht der einzige Mensch auf der Strasse. Dann bin ich am Ort und begutachte das Angebot. In einem Cafe-Bar-Restaurant-Spielothek-artigen Lokal bestelle ich ein Bier. Neben mir sitzen drei junge Menschen am Tisch. Sie trinken Latte Macchiato und vertreiben sich die Zeit mit dem Lösen von Kreuzworträtseln. Hinter mir diskutiert ein Weißbier-Stammtisch über die Chemie zwischen den Geschlechtern und aus dem Lautsprecher schreit Tina Turner „What’s Love Got To Do With It“. Das hier ist nicht das Ausgeh-Gefühl, das ich aus der Stadt kenne. So stelle ich mir meinen Lebensabend vor – in etwa 40 Jahren. Vor Langeweile, fange ich an, das Sudoku-Rätsel in einer Zeitschrift zu lösen. Es ist sehr kompliziert und nach einer Stunde komme ich zu dem Ergebnis, dass die Rätsel falsch gestellt sind. Dann muss ich zum Bahnhof, um 23.30 Uhr fährt die letzte S-Bahn in die Stadt. Wieder bin ich viel zu früh dran. Ein Mann fährt mit dem Fahrrad ganz dicht an mir vorbei, an seinem Lenker baumelt ein Radio, es spielt Schlager. Ich vermute, dass er nach dem Rechten schaut. Vielleicht ist ihm auch nur wahnsinnig langweilig. christina-kretschmer Samstag in Moorenweis Wir brechen kurz vor 22 Uhr auf, eine recht ordentliche Ausgehzeit. Nach Moorenweis kommt man an einem Samstagabend um diese Uhrzeit mit dem öffentlichen Nahverkehr überhaupt nicht mehr. In München wäre dieses Problem ganz einfach mit einem Fahrrad zu lösen. Doch die Party, die wir besuchen wollen, liegt knapp 50 Kilometer von der Stadt entfernt und zwar am Rande des schönen Landkreises Fürstenfeldbruck. Wir sind also mit dem Auto unterwegs auf der Landstraße Richtung Westen. Vor uns färben die Reste des Sonnenuntergangs den Himmel gelb-rot-lila-blau. Neben uns wiegen sich Getreidefelder sanft im Abendwind. Es riecht hin und wieder nach Gülle, vor allem dann, wenn wir die unzähligen Ortschaften mit Namen wie Schöngiesen, Kottgeisering und Grafrath verlassen. „Hurra, ein Marder!“, rufe ich einmal. Es ist jedenfalls ein sehr poetischer Sommerabend, der uns in die „Maschinenhalle auf der Straße nach Türkenfeld“ führt. Wir wollen dort zur Veranstaltung „Indoor-Beachclubbing“ – so ziemlich das einzige Partyangebot, das heute Abend im westlichen Umland zur Verfügung steht. Aus der Ferne sieht man schon die Partylichter in der Traktorenhalle flackern, „O-ho, we’re going to Ibiza“, schallt es dumpf. Aus allen Richtungen wandern Besucher in Partykluft die Landstraße entlang auf das Gebäude zu. Wir parken und stellen uns an das Ende einer Menschenreihe, die länger ist als alles, was ich in den letzten Jahren in München mitgemacht habe. Vor mir diskutiert eine Gruppe Jungs in Hemden und Herrenschuhen. Sie sprechen tiefes Bayerisch und ich verstehe nicht alles, aber zwischendurch fallen die Worte „mein Mähdrescher“ und „ich habe ein super Pestizid entdeckt“. Daneben glänzt ein Rapsfeld im Mondlicht.

Nach etwa einer halben Stunde Wartezeit können wir die vier Euro Eintritt entrichten. Vor dem Halleneingang sitzen Gast-Grüppchen auf Bierbänken und nippen an Plastikbechern, in denen Cocktails ausgeschenkt werden. Sehr junge Mädchen in engen Tops rennen über den staubigen Kies und stehen kichernd vor den Container-Toiletten herum. Wir gehen hinein in die Halle, auf der Suche nach einer Bar – und finden gleich drei: Es gibt die Bierbar, wo Helles und Limonenbier angeboten wird. Daneben drängt sich die Mehrheit der Partybesucher an der Schnapsbar. Dort kostet jeder Shot und jedes Mischgetränk genauso viel wie das Bier: Zwei Euro. Dagegen bleibt der Andrang an der Spezi-Apfelschorlenbar den ganzen Abend über eher mäßig. Mittlerweile hat DJ Straussi von Ibiza-Dancefloor-Sound die Kurve zu R’n’B vom Anfang des Jahrhunderts gekratzt. Doch kaum jemand bewegt sich. Nur ein paar Mädchen halten sich an den Händen und wiegen sich ein bisschen auf der Tanzfläche hin und her. Die Jungs stehen mit ihren Getränken in der Hand herum und starren auf die große Leinwand, die direkt über der Schnapsbar angebracht ist. Dort läuft eine Auswahl unanständiger Filmchen. Zu den besonders pornographischen Bildern wird kollektiv gejohlt – eine andere Form von Interaktion findet erst einmal nicht statt. Das ändert sich, als der DJ das WM-Lied der Sportfreunde Stiller auflegt. „Ihr wisst was 2010 ist!“ heizt er die Masse an – und die Masse reagiert. Auf einmal ist die gesamte Halle auf den Beinen, Mädchen und Jungs hüpfen gröhlend auf und ab – die Party hat begonnen. Scheinbar hat die Weltmeisterschaft nur in der Stadt ihr Euphoriepotential langsam eingebüßt – aber das ist den Menschen hier egal, sie haben gar keine Lust auf die Stadt. Das sagt zumindest Andreas. Der 20-jährige KFZ-Mechatroniker aus Oberlaibach geht in München grundsätzlich nicht aus: „Da gefällt es mir nicht. Da läuft mir einfach zu viel G’schwerl rum.“ Auf meine Frage, was das sei, antwortet er lapidar: „Na solche, die ihre Hosen irgendwo um die Knie tragen.“ Dann reißt er die Arme in die Luft und fängt an zu jubeln – aus den Boxen dröhnt jetzt der Liquido-Hit „Narcotic“ aus dem Jahr 1996. An der DJ-Kanzel tanzen zwei Mädchen lasziv miteinander. Als ein bestimmt zehn Jahre älterer Junge sie schließlich anspricht, zeigen sie ihm empört den Stinkefinger – und lassen die Hüften noch wilder kreisen. Kurz nach Mitternacht verlassen die beiden wilden Mädchen die sandige Tanzfläche – sie müssen wie alle, die noch nicht 18 Jahre alt sind, ihre Personalausweise am Eingang zur Halle abholen und nach Hause gehen. Wir tun es ihnen gleich und treffen vor der Halle sehr viele Menschen über vierzig – die Eltern, die ihren Nachwuchs einsammeln. An uns vorbei wirbelt ein offensichtlich vollkommen betrunkener Junge ein Mädchen auf seiner Schulter im Kreis herum, immer schneller, immer näher an die Holzwand der Halle. Ich sehe ihren Schädel schon gegen das Holz krachen, da bricht ein kollektives Kreischen aus und der Junge setzt sie gerade noch ab. Über dem Rapsfeld auf der anderen Seite des Gebäudes leuchten Mond und Sterne. Wir stapfen durch hohes Gras auf die Landstraße zu, sie ist jetzt gesäumt von leise knutschenden Paaren. Als ich schließlich ins Auto einsteige, hat sich noch eine Nacktschnecke an eine meiner Sandalen geheftet – ich freue mich wirklich auf die Rückkehr zum Asphalt. Hier kannst du lesen, wie sich Jungsein in der Provinz anfühlt.

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