Eingestiegen in Ruinen

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Ehe Anne und Andreas der Stadt unter die Haut kriechen, haben sie viele Wochen damit zugebracht, ihre Objekte in Polizistenmanier auszukundschaften. Anne und Andreas sind Urban Explorer, sie sind Jäger und manchmal auch Gejagte im Großstadtdschungel, weil sie in ihrer Freizeit verlassene Häuser, Industrie- oder Tunnelanlagen aufspüren und erkunden. Die beiden sind scheu und auch ziemlich schwer zu treffen. Urban Exploration ist nicht unbedingt legal und deshalb reagieren sie reserviert, als ich sie frage, ob ich sie auf einer ihrer Touren begleiten darf. Dem ersten gemeinsamen Trip geht ein monatelanges Katz-und-Mausspiel über E-Mail und Telefon voraus. Doch dann sind sie da, an einem verregneten Sommer-Sonntag. Treffpunkt ist eine Tram-Haltestelle im Ost-Berliner Nirgendwo, jenseits der In-Bezirke. Das Objekt, ein altes Krankenhaus, steht uns schräg gegenüber: Ein Gebäude mit Fenstern wie hohle Augen, das fast trotzig den tief hängenden Wolken entgegenragt. Es ist kein Zufall, dass wir heute hier sind: Die Schule nebenan ist am Sonntag verwaist, kein Lehrer wird also die Polizei rufen. Neugierige Nachbarn sind natürliche Feinde der Explorer. Auf der anderen Straßenseite schwingen sich Anne und Andreas über ein rostiges Eisentor, dann muss alles ganz schnell gehen. Sie wollen sehen, aber nicht gesehen werden. Anne und Andreas tragen dunkle Kleidung und einen Knopf im Ohr, damit sie sich über Funk verständigen können. Durch das Zeitfenster zwischen zwei Trambahnen schlüpfen wir ins Haus. Urban Exploration ist auch eine Sache des richtigen Timings. Immer ist der Einstieg in ein verlassenes Gebäude einer der spannendsten Momente. Das Risiko, vom Wachschutz oder der Polizei einkassiert zu werden, können die Entdecker durch routinemäßige Vorsichtsmaßnahmen minimieren, behauptet Andreas. Er observiert, tauscht sich mit anderen Explorern übers Internet aus, sichtet Lagepläne und zieht Google Maps zu Rate. Doch eine Gefahr kann er nicht bannen, egal wie genau er recherchiert: „Hier im Osten gibt es in fast jedem leeren Gebäude Nazis, die dir ohne Vorwarnung auf die Fresse hauen.“ Viele Gebäude sind nur scheinbar verlassen. Mal treffen die Abiturientin und der freie Fotograf auf Obdachlose, mal auf Sprayer oder Krawall-Kids, die ihrer Zerstörungswut freien Lauf lassen. Andreas ist deshalb als Erster durch die Fensterhöhle im Hochpaterre geklettert. Wenig später gibt er Entwarnung und mit einem Mal nimmt uns alle die Erhabenheit eines hohen Raumes gefangen. Wir spüren der Stille nach, der Dunkelheit. Eine Taschenlampe tastet über Wände voller Schimmel und abgeplatzten Putz, bleibt an einer Säule im klassischen Stil hängen, die einmal das Zentrum eines Speisesaals gebildet haben muss; ein Lichtstrahl, der die Dinge einen Augenblick aus dem Vergessen hebt.

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Illustration: Julia Schubert

Anne und Andreas klappen ihre Stative aus, um mit den Fotoapparaten die besondere Atmosphäre einzufangen, die eng mit der Geschichte des Gebäudes verwoben scheint. Bedrückende Bilder, die auch fast dokumentarisch die wechselvolle Geschichte der Klinik transportieren, die mal Lazarett, mal Nervenheilanstalt war. Vor allem aber werden ihre Fotos, die sie später im Internet mit anderen Explorern teilen, von der Faszination für die Vergänglichkeit und von der Schönheit im Verfall erzählen. Das Internet ist das ideale Medium für Urban Exploration. In Foren werden Informationen getauscht, finden sich schnell und anonym Gleichgesinnte für Touren. Auf ihren Websites (zum Beispiel urbanex.de) präsentieren Explorer ihre Bilder einer Teil-Öffentlichkeit, die ihnen die Anerkennung der Eingeweihten verschafft, ohne Angriffe wegen vermeintlich illegaler Praktiken fürchten zu müssen. Mit der Verbreitung über das Web erfährt die Subkultur einen Boom. Die unterschiedlichen Communities können sich weltweit vernetzen. Mittlerweile ist die Szene, die man vielleicht irgendwo zwischen Abenteuersport und Archäologie verorten kann, weit verzweigt.

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Illustration: Julia Schubert

Die größten und ältesten Explorer-Communities gibt es in Australien und den USA (opacity.us). 1985 gründeten die Freunde Doug, Sloth und Woody den Cave Clan (caveclan.org). Den drei Jungs hatte es die Erforschung der Melbourner Kanalisation angetan. Der wohl bekannteste Explorer, Jeff Chapman alias Ninjalicious, prägte in der ersten Ausgabe seines Fanzines „Infiltration“ (infiltration.org) den Begriff Urban Exploration. Sein Zitat „We’re designed to explore and to play“ fasst den naturgegebenen Spieltrieb gut zusammen: den kindlichen Drang, unbekanntes Terrain zu erforschen; den paradoxen Gedanken, dass die letzten weißen Flecken auf der Landkarte mitten in der Stadt liegen könnten; die subversive Lust der Explorer an der Grenzüberschreitung, auf ein Leben hinter dem Schild „Betreten auf eigene Gefahr“, das bewusst auch Gefahren in Kauf nimmt. Als Urahn der Explorer führt Ninjalicious den Kanadier Philibert Aspairt an, der sich 1793 bei einer Begehung der Pariser Katakomben verirrte und dort starb.


Unser Weg führt in den Keller der Klinik. Das Knarzen der Stufen hallt durchs Treppenhaus. „Besser, man ist hier nicht allein unterwegs“, sagt Anne. Man wisse nie, ob man nicht plötzlich Hilfe brauchen könne. Sorge macht ihr vor allem, dass morsche Holzböden und -Treppen einbrechen könnten. Und natürlich ruft der Keller einer verlassenen Klinik, in dem früher Leichen lagen, Bilder aus Horrorfilmen wach. Anne spricht vom Gänsehautgefühl, wenn man den OP zuerst rieche – das Desinfektionsmittel; wenn man dann die Kälte spüre – und doch nichts sehe. „Ganz schön gruselig“, sagt Anne. Explorer haben Bilder der früheren Pathologie eines anderen Berliner Krankenhauses ins Netz gestellt: Dunkle Flaschen sind da zu sehen, eine mit einem halben Gebiss und andere mit Gewebeteilen in Formalin. Viele Entdecker verabreden sich zu Nacht-Expeditionen zur ehemaligen Lungenheilanstalt von Beelitz bei Berlin, dem wegen seiner morbiden Anziehungskraft wahrscheinlich bekanntesten Explorer-Objekt Deutschlands. Aber eine Sub-Szene aus dem Ruhrgebiet treibt das Faible für den Spuk mittlerweile auf die Spitze: Auf ihrer Website versammeln Lao und Maz aus Essen vor allem Plätze, an denen Geister wirken sollen. In einem so genannten Ghostwatch-Video aus einem alten Zechenhaus etwa sollen Nebelerscheinungen und der Schatten eines Kindes auf der Treppe zu sehen sein. Aber mit solchen Spuk-Spinnereien, diesem undurchdringbaren Gewirr aus Gerüchten, Erzählungen und Tatsachen können Anne und Andreas nichts anfangen. Und doch eint sie einiges mit den Mystery-Explorern: die Suche nach dem Kick und die Faszination für spannende Geschichten. Ein dumpfes Poltern aus den oberen Stockwerken vesetzt uns in Schreckstarre. Da ist es wieder, dieses Gefühl zwischen Spannung und geschärfter Wahrnehmung. Im Flüsterton erzählt Anne vom Herzklopfen, „wenn du einen Stock tiefer den Köter vom Wachschutz atmen hörst“. Gestern erst waren sie auf der vielleicht bestbewachten Baustelle Berlins. In dem Hochhaus hatten sie das Zentrum im alten Westen der Stadt zu ihren Füßen. „Das sind Bilder, die hat nicht jeder“, sagt Anne. Bis fünf Uhr früh haben sie dort fotografiert.

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Illustration: Julia Schubert

Die Geräusche haben sich jetzt vor das Haus verlagert. Wir schleichen uns zu einem Fenster im zweiten Stock. Hier hat schon jemand Spuren hinterlassen, überall im Haus. Wir durchstreifen es Zimmer für Zimmer und lesen unzählige, mit Filzstift an die Wände gekritzelte Botschaften an eine Adriana, die dem Schreiber den Verstand zu rauben scheint. Wir lesen Aufforderungen zu Treffen, verzweifelte Sätze: „Welche Macht hindert dich?“ – „Warum antwortest du nicht?“, schließlich eine Skizze, ein Welt-Modell im „Naturkreislauf“. Anne und Andreas wissen von dem Mann, der in der Welt draußen verzweifelt ist und sich hier, in der ehemaligen Psychiatrie seine eigene Welt geschaffen hat. Zu jedem Gebäude gibt es eine besondere Geschichte. Urban Explorer wollen sie erfahren. Sie wollen Häuser zum Sprechen bringen. Schnell nehmen Anne und Andreas noch ein paar Fotos auf, bevor sie das Gebäude verlassen. Sie werden nicht zurückkehren. Dafür wird das alte Krankenhaus noch lange im Internet zu sehen sein. So, wie wir es an einem Sonntagnachmittag des Jahres 2009 gesehen haben.

Text: lukas-grasberger - Fotos: Autor

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