Einmal den Stachus, bitte!

Ein Münchner Unternehmen versteigert virtuelle Orte im Internet. 8400 Hektar sind schon verkauft
natalie-berner

Die Allianz Arena war sofort weg. Auch die Sommerresidenz des Papstes oder das Haus von Barack Obama haben neue Besitzer, genauso wie der Bundestag und nahezu die komplette Berliner Innenstadt: Nein, keine milliardenschweren Investoren teilen die Welt gerade neu unter sich auf, sondern die User der Website WhatsYourPlace.

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Illustration: Julia Schubert

Die Idee von Gründer und Geschäftsführer Tobias Lampe ist einfach. Ähnlich wie bei fiktiven Mondgrundstücken können User der Webseite virtuelle Gebiete erwerben. Als Grundlage dient die Weltkarte von Google Maps. Jeder Hektar, egal ob auf einer Insel in der Südsee, im bayerischen Voralpenland oder in Manhattan, kann für 9,95 Euro in den eigenen Besitz übergehen. „Dafür bekommt der Nutzer bei uns einen Grundbucheintrag und kann seinen persönlichen Lieblingsort auf unserer Seite präsentieren. Das heißt, er kann einen Blog anlegen, Freunde einladen und persönliche Erinnerungen und Fotos hinzufügen“, erklärt der 30-Jährige das Prinzip. „Wir verstehen uns als Community, anders als bei StudiVZ & Co steht aber nicht die eigene Person, etwa durch ein Profil im Vordergrund. Unsere User identifizieren sich eben durch Orte.“ Gärtnerplatz? Vergeben Diese Identifikation mit Orten kann verschiedene Formen annehmen. „Manche kaufen die Kirche, in der sie geheiratet haben oder ein Stück Strand vom letzten Thailandurlaub. Wieder andere kaufen Anwesen von berühmten Persönlichkeiten und richten dort Fanseiten ein, so geschehen etwa bei dem Haus von Madonna oder der Elvis-Pilgerstätte Graceland. Dadurch entstehen Schnittmengen zwischen Menschen mit gemeinsamen Interessen, wir schaffen eine Plattform zum gegenseitigen Austausch.“ Auch München wurde online schon eifrig aufgekauft. Ob Wiener-, Königs- oder Gärtnerplatz – alles vergeben. Selbst die Eisbachwelle zählt nicht länger zum Hoheitsgebiet der Stadt sondern wurde – wie kann es auch anders sein – von Surffans besetzt. Tobias Lampe ist von seiner Idee überzeugt. Er selbst ist virtueller Besitzer eines Stückchens Rheinufer, das ihn an seine Kindheit erinnert und auch die englische Universität, an der er seinen Bachelor gemacht hat, gehört ihm – rein virtuell. „Es soll einfach Spaß machen. Der eine hat eben eine Eisenbahn im Keller, der andere hat Freude daran, auf unserer Seite sämtliche Brauereien oder Freizeitparks aufzukaufen.“ Es gibt User, die besitzen tatsächlich 27 Brauereien. Wer kann das in der Realität schon von sich behaupten? Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis Tobias Lampe mit seinem Start-up Projekt online gehen konnte. Investoren mussten gefunden, die Seite entwickelt werden. Eigentlich hatte Tobias Lampe nicht vor, sich selbstständig zu machen. Nach dem Wirtschaftsstudium wollte er in München promovieren. „Die Idee kam mir während eines Urlaubs. An einem geselligen Abend habe ich einem Freund, meinem jetzigen Mitgründer, davon erzählt. Wir haben uns irgendwie total reingesteigert, aber am Tag danach war uns klar: Wir müssen das probieren!“ Das Ergebnis ist die Firma Value Maps. Sein Büro und den Firmensitz hat Tobias Lampe in einem Gebäudekomplex in Berg am Laim. Zwei Schreibtische, zwei Computer und ein Fenster in den Hof. „In diesem Haus haben unzählige, kleine Firmen ihr Büro – die Empfangsdame kennt uns nicht“, erklärt Tobias. „Das ändert sich aber hoffentlich bald.“ Auf einer Tafel an der Wand stehen Schlagwörter wie „einzigartig“ und „individuell“ – Brainstorming für den Firmenslogan. So real wie ein Kinofilm Finanziell rentieren soll sich das Projekt vor allem später, wenn die besten Plätze auf der Karte vergeben sind und der Handel beginnt. Die User haben die Möglichkeit, ihre Orte auch wieder zu verkaufen und somit eventuell durch besonders gefragte Grundstücke Gewinn zu machen. Die Betreiber der Seite treten bei dieser Transaktion als Treuhändler auf und verdienen durch eine vom Käufer zu leistende Provision mit. Momentan ist aber noch reichlich freier Platz: Von den 11,5 Milliarden Hektar der Erdoberfläche sind erst etwa 8400 verkauft. „Klar gibt es auch Kritiker“, erklärt Lampe schließlich. „Die Leute sehen anfangs nur das, man was zahlen muss und halten es für Abzocke, weil wir keine reelle Ware verkaufen. Es steckt aber mehr dahinter als nur ein Pixelhaufen. Viele Konsumgüter ziehen ihren Nutzwert nicht aus dinglichen Eigenschaften. Ein Kinofilm beispielsweise ist genauso real oder irreal wie ein virtuelles Grundstück – aber gerade deshalb so unterhaltend, weil er fiktiv ist.“ Kommerziellen Nutzen ziehe zum Beispiel auch Facebook schon lange aus „virtuellen Gütern“: Über zehn Prozent des Umsatzes, so Lampe, mache das Unternehmen durch sogenannte „Geschenke-Icons“, wie etwa Rosen, die man bezahlt und dann verschicken kann. Vielleicht passiert das auch bald mit dem Stachus – virtuell.

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