Eis, Eis, Baby

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Auswahl Fürst Pückler ist tot. Zumindest sind Vanille, Schokolade und Erdbeere zu Randgestalten in den Münchner Eisvitrinen verkommen. Veilchen, Rosen, Schwarzbrot und immer wieder Chili mischen sich aller Orten recht erfolgreich ins Sahneeis mit ein. Eigentlich gibt es im Münchner Eis nichts, was es nicht gibt. Ballabeni Giorgio Ballabeni sieht trotz randloser Brille ein bisschen aus wie Bud Spencer und ist Münchens bekanntester Eis-Designer. Neulich filmte sogar Kabel Eins die nicht enden wollende Schlange vor seiner eigentlich eher schmucklosen Eisdiele in der Theresienstraße 46 gegenüber dem Museum Brandhorst. Manche, die da eine halbe Stunde auf eine Kugel Zitrone-Basilikum-Sorbet oder Schokolade-Ingwer-Eis warten, sagen, er produziere das beste Eis der Stadt. Cashewnüsse Gemahlene Cashewnüsse sind wegen ihres Fettgehalts die Grundzutat für das vegane Eis, das es im „Eiscafé Eismeer“ (Pestalozzistraße 21) zu kaufen gibt. Ausgerechnet das „Eismeer“ ist Münchens einzige Eisdiele mit Alpenpanorama.

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Illustration: Julia Schubert

Das "Top it" in der Heiliggeiststraße 1 Dealer „Guck mal, Mama. Da ist der Eisdealer.“ Seitdem Tommy Bartu mit diesem Satz als Besitzer der „Gelateria Bartu“ (Wilhelmstraße 23) auf der Straße vor seinem Haus identifiziert worden ist, klebt auf der Türe zu seinem Eislaboratorium ein Plakat mit der Aufschrift: „Vorsicht, unser Eis kann süchtig machen.“ Tatsächlich schmeckt Bartus aus biologischen Zutaten hergestelltes „Karamelleis au sel de mer“ sensationell gut. Eiskultur Der Belgier ist der bessere Italiener. Das zumindest versuchen Gabi und Jürgen Zender in ihren Cafés „Eiskultur“ (Görresstraße 17, Sebastiansplatz 11) zu beweisen. Ihr Eis kommt aus dem belgischen Francorchamps und landet nicht in Eisbechern, sondern in Eistellern. „Mich hat diese Suppe aus allem am Bechergrund schon immer gestört“, sagt Jürgen Zender. Bei der Eiskultur bekommt man deswegen die verschiedenen Eis-Elemente in kleinen Porzellan-Untertassen geliefert. Farbstoff Das Schlumpfeis ist nicht mehr das, was es mal war. Es heißt jetzt „Azzurro“ und schmeckt nach einer Mischung aus Mandarine und Vanille. Zumindest im „Sarcletti“ am Rotkreuzplatz. Geheimtipp Aus der Softeismachine des „Top it“ (Heiliggeiststraße 1) fließt der beste „Frozen Jogurt“ der Stadt. Die Crema für ihre silbrig glänzende Zapfanlage erhalten Eisdielen-Gründer Norbert Michalke und Sandra Schwager jeden Morgen von Giorgio Ballabeni. Trotzdem sagen die beiden: „Jeder unserer Freunde hat uns für verrückt erklärt.“ Softeis klinge in deutschen Ohren nach Tod, Teufel und Salmonellenvergiftung. Dabei würden schon seit zwanzig Jahren keine Eier mehr für die Softeis-Herstellung verwendet. Norbert und Sandra nennen ihr Produkt jedenfalls lieber: „Frischeis“. Häagen Dazs Es war ein Amerikaner, der die gewöhnliche Eiskugel zum 2,50 Euro teuren Luxusgut werden ließ. Nach Qualität und Frische sollte der skandinavische Phantasiename klingen, den der in die USA eingewanderte Pole Reuben Mattus seiner Eiscreme 1959 gab. Inhaltsstoffe Nach echter Qualität und Frische klingen aber vor allem die Inhaltsstoffe, die Tommy Bartu auf buntes Tonpapier ausgedruckt und an der Eisdielenwand befestigt hat. Für seine Vanille braucht er: „Bio-Milch, Bio-Sahne, Bio-Rohrzucker, Bio-Zitronensaft, Bio-Dextrose, Bio-Magermilchpulver, Bio-“ etc.

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Illustration: Julia Schubert

Das "Jessas" in der Klenzestraße Jessas Café „Maria“, Bar „Josef“ und seit zwei Jahren die Eisdiele „Jessas“. Die himmlische Einkehr-Dreifaltigkeit an der Klenzestraße 97 wurde sogar vom Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler gesegnet. Kampfpreis Als „Kampfpreis“ bezeichnet Sarcletti-Geschäftsführer Jürgen Elsner seine 90 Cent pro Kugel Eis. Die Ballabeni-Kugel kostet 1,20 Euro. Das kann man frech finden. Oder genial. Über die Erhöhung des Preisniveaus lässt es sich nämlich erklären, warum in den letzten zwei Jahren so viele neue Eisdielen in München entstanden sind. Lizenz Eine Eisdiele darf jeder eröffnen, der einen kleinen Raum und genügend Geld (30000 Euro mindestens) für eine Eismaschine zur Verfügung hat. Existenzgründer-Kurse für angehende Gelatiere bietet die Eisfachschule Iserlohn an. Monaco Franze Das Franzl-Denkmal gegenüber verrät es: Im Café Münchner Freiheit hat schon der unsterbliche Monaco Franze seinen Gespielinnen ein Eis ausgegeben. Das CMF ist das einzige noch existierende legendäre Eiscafé auf der Leopoldstraße. „Rialto“ und „Venezia“ haben vor ein paar Jahren ihre Glastüren für immer geschlossen. Nostalgie Zu Zeiten als der Kühlschrank noch nicht erfunden war, aßen die Menschen „Granita“. Dazu wird Schnee aus einem Eisblock geschabt mit Sirup übergossen. Signor Rossi verkauft sein auf diese Weise hergestelltes „Schnee-Eis“. Optik Der gequält lächelnde Bastian Schweinsteiger mit „Lorenzo Corno“-Eis an der „Lorenzo Corno“-Vitrine (Hohenzollernstraße 44) macht ja noch durchaus Sinn. Aber was hat es mit der holzgeschnitzen Madonna an der Kasse des „Jessas“ und den schwimmenden Fischen auf dem Bildschirmen im Ballabeni auf sich? Die Eisverkäufer lächeln und sagen: „Nichts. Es gefällt uns einfach.“


„Passt scho!“ „Die Deutschen wollen wissen, was man fürs Geld bekommt.“ So begründet Uwe Häussler, Besitzer des Eiscafé Schiffmacher, seine Entscheidung, das italienisches Eis mit dem deutschen Kugelportionierer aus dem Kübel zu holen. Auch Giorgio Ballabeni attestiert den Deutschen „fehlende Lässigkeit“ im Umgang mit dem klassischen Spatel. Nur Tommy Bartu hofft auf die Münchner „passt scho“-Mentalität und streichelt das Eis mit original Italo-Spatel in die Becher. Quereinsteiger Unter den bisher erwähnten Münchner Gelatieri befinden sich neben einem ehemaligen Schuhladenbesitzer (Gelato Bartu), ein Altenpfleger (Jessas), ein Vertriebsmitarbeiter (Ballabeni), eine Rechtsanwältin (Eiskultur), ein Marketingfachmann (Eismeer) und zwei Models (Top it). Regen „Wenn’s regnet, bin ich glücklich“, sagt Giorgio Ballabeni. Dann muss er nämlich nicht schon um zwei Uhr morgens aufstehen, um seine Eismaschine anzuwerfen. Sarcletti Vor mehr als 130 Jahren verkaufte Peter Paul Sarcletti das erste Eis in München. Sein Urgroßenkel Michael Sarcletti betreibt heute in vierter Generation das Eiscafé am Rotkreuzplatz (Nymphenburger Straße 155). 55 Eissorten und 60 Eisbecher hat er täglich im Angebot. Für seine aktuelle Kreation kam die Inspiration aus der Nachbarschaft. Der „Coppa Baustelle“ präsentiert die Stracciatella-, Vanille-, Mandel-, Nuss- und Pistazieneis Kugeln im Kipplaster aus Plastik.

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Illustration: Julia Schubert

Das "Sarcletti" am Ratkreuzplatz Twister Vanilleeis umstrudelt von einer Erdbeer-Zitrone-Ananas-Mischung auf einem Stiel, in dem Kaugummi-Kügelchen lagern. Der „Twister“ ist das meist verkaufte Eis am Stiel in Münchens Freibädern. Das gute alte „BumBum“ würde sich im Grabe umdrehen, wenn es das wüsste. Unnützes Wissen Das Wort Eisdiele bezeichnet ein Brett, das früher vor dem Fenster eines Wohnhauses lag, aus dem heraus Eis verkauft wurde. Wer auf die Eisdiele trat, konnte das Eisangebot besser in Augenschein nehmen. Schön zu beobachten ist diese altertümliche Süßwarenübergabe übrigens beim „Jessas“ in der Klenzestraße. Venezia Von den angeblich einst 18 Eiscafés „Venezia“ in München, gibt es heute noch acht. Auch Eismacher Stefano Santini, dessen Urgroßvater am Fuße der Rialtobrücke in Venedig Eis verkaufte, nennt seine Gelateria nicht „Venezia“, sondern „Trampolin“ (Nordendstraße 62). Der Slogan dazu: „Geschmack, der dich anspringt.“ Weißbier-Eis Sorten wie Champagner, Campari-Orange und Aperol-Sprizz dürfen nicht an unter 18-Jährige verkauft werden. Das Weißbiereis von Alfons Schuhbeck (Platzl 2) gibt es für Volljährige leider nur zur Wiesn-Zeit.

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Illustration: Julia Schubert

XL Die Bildzeitung hat knallhart recherchiert und herausgefunden: Die größten Eiskugeln Münchens formt das „Conforti“ am Isartorplatz. Für einen Euro gibt es 121 Gramm Eis. Yilmaz Olmer Den vermutlich besten Eisverkäufer-Job Münchens hat eindeutig Yilmaz Olmer. Mit einem pinkfarbenen Eiswagen tourt er durch den Englischen Garten. Jede zweite Kundin in der Warteschlange trägt Bikini. „Zahlen, bitte!“ Wer als Stammkunde in Stefano Santinis „Trampolin“-Eisdiele gerade kein Kleingeld bei sich hat, hinterlässt einfach einen Schein auf dem Tresen und seinen Namen auf der Schiefertafel. Er darf dann so lange Eis essen, bis der Betrag zusammengeschmolzen ist.

Text: anna-kistner - Fotos: Juri Gottschall

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