Eltern, haut ab!

Das Prinzip Jugendzimmer. Eine Besichtigung im Möbelhaus
max-scharnigg

Mit Sechs bekommt man ins Kinderzimmer einen richtigen Schreibtisch, weil jetzt die Schule losgeht. Mit acht ist man so schnell und viel gewachsen, dass Papa eines Abends ein neues Bett mitbringen muss. Es ist aus heller Fichte und man klebt Aufkleber drauf, die nie wieder abgehen. Mit elf schmeißt man in einem altklugen Anfall alles, was einem noch kindisch vorkommt, in eine Kiste, die man zwanzig Jahre später mit nostalgischen Wallungen wieder öffnet. Mit zwölf bringt man aus dem Urlaub in Dänemark einen poppigen Sitzsack mit, mit 13 einen Boxsack, sofern man ein Junge ist. Mit 15 schleppt man dann vom Sperrmüll noch halbe Regale an und erbt Omas alten Kleiderschrank. Fertig, das war’s.

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Illustration: Julia Schubert

Auf die Idee, dem Kinderzimmer mit dem unverzichtbaren Hochbett (inkl Rutsche und Spielteppich) ein komplettes Jugendzimmer folgen zu lassen, kommen nur die Möbelhäuser. Bei ihnen, an den Autobahnausfahrten der Ballungsgebiete, ist meist ein halber Fußballplatz in der zweiten Etage für die fertig eingerichteten Jugendzimmern reserviert. Sie tragen Namen wie „str8.up“ (Sprich: Streit Ap) oder „Standardkombination Baltik“ und sehen nicht sehr gefährlich aus. Eigentlich genau so, wie die Wohnzimmer, die einen Stock tiefer auf die erwachsenen Pauschalwohnenden warten: Schubladenschrank, Glasvitrine, Fernsehkombination. Das Einzige, was so ein ausgestelltes Jugendzimmer vom Erwachsenenzimmer unterscheidet, ist der Umstand, dass eben auch noch Bett und Schreibtisch untergebracht sind. Mit der Volljährigkeit erwirbt man also vor allem das Recht, auf drei Zimmer auszudehnen, was man bis dahin in einem erledigen musste. Die Komplettmöblierung ist weder schalldämmend oder wenigstens besonders belastbar, nicht mal hirnrissig bunt oder aus Styropor, sondern eben nur, wie die meisten Möbel aus Pressholz, erstaunlich hässlich. „Noche- und Mocca-Töne sind derzeit sehr beliebt“, sagt Frau H., die Jugendzimmer-Beraterin, will aber keine optimale Altersspanne für die Mitbewohner der mocca-getönten Passepartout-Vitrinen angeben. Die gäbe es auch in Vanille und Lemon-grün. Wäre später dann problemlos als Gästezimmer verwendbar. Um die Zielgruppe kenntlich zu machen, dekorieren die Möbelhäuser ihre Jugendzimmer mit Accessoires, die im Brockhaus als jugendverwandt geführt werden: Attrappen von elektrischen Gitarren (Jungen) oder violett lackierte rechte Hände (Mädchen). An den Wänden hängen Poster, die immer mit der Bettwäsche harmonieren, zum Beispiel in den Geschmacksrichtungen Star Wars und Ed Hardy. Mehrfach hat auch jemand „Eltern haut ab!“ an die Wand getaggt. Sehr wichtig sind Kopfhörer und auf die Seite gelegte Skateboards. Die Preise für die Komplettumgebung sind erstaunlich. Die Standardkombination Baltik etwa kostet 756 Euro – Eckschrank und Kommode, reduziert. Und da ist das High-Gloss-Glas-Inlay noch nicht dabei. Auf die Frage, warum überhaupt so viele Glasvitrinen in den Jugendzimmern vorgesehen sind, wo die doch beim Toben kaputt gehen könnten, weiß Frau H. gleich die richtige Antwort. „Für die Fußballpokale oder die Ü-Ei-Sammlung.“ Ja! Jugendliche sind in dieser Abteilung naturgemäß überhaupt keine zu sehen, nur ältere Männer, die Schranktüren probeweise öffnen und schließen und dabei auf die Scharniere schielen. Dabei wäre es doch interessant gewesen, zu erfahren, wie sehr sich 13-jährige auf ihre neuen Möbelkombinationen freuen.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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