Endlich eine echte Challenge: Die Fantasy-Zwillinge

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Jyoti und Suresh Guptara passen immer sehr genau auf, ob sie „Wir“ oder „Ich“ sagen. Die Zwillinge sitzen nebeneinander, im Café, auf Lesungen oder beim Essen und übergeben sich die Sätze. Mit Blicken und kurzen Berührungen vergewissern sich die beiden 19-Jährigen der gegenseitigen Zustimmung, und scheinen doch ohnehin sehr genau zu wissen, was sie von sich und voneinander preisgeben. Es ist eine Geschichte, für die sie sich gemeinsam entschieden haben: von dem Kampf gegen die eigene Aufmerksamkeitsspanne, von zwei Jungs, die sich in der echten Welt so sehr langweilten, dass sie sich eine eigene erschufen und zum Beststeller machten. An einem Nachmittag im Frühjahr tragen Suresh und Jyoti altmodische schwarze Herrenhüte und bunte Schals zu ihren Turnschuhen. Sie sehen etwas erschöpft aus, eine ereignisreiche Zeit liegt hinter ihnen. Im Jahr 2007 schaffte es ihr Debütroman Calaspia - Die Verschwörung auf Platz zwei der indischen Beststeller-Liste. Seitdem sind sie fast ununterbrochen unterwegs gewesen, um ihr Buch zu präsentieren. In Indien und den USA, zuletzt in Deutschland, wo Calaspia im Frühjahr erschienen ist. Dafür absolvieren sie jeden Tag mehrere Termine: Interviews, Lesungen, Fernsehauftritte. Wenn die Jungs nicht gerade auftreten, müssen sie am Computer arbeiten: Der zweite Teil ihrer Fantasy-Trilogie ist fast fertig und das Manuskript zum letzten Teil müssen sie laut Vertrag im Sommer abgeben. Doch jegliche Vermutung, dass das Ganze auch etwas anstrengend sein könnte, winkt Suresh mit einer ausladenden Bewegung ab und Jyoti lächelt: „Uns macht das Spaß. Wir würden uns ja langweilen, wenn wir nicht so viel Arbeit hätten.“ Lesungen meistern die beiden mit der Leichtigkeit alter Profis: Eloquent und selbstironisch beplaudern sie das Publikum und wechseln sich beim Vorlesen ab. Jyoti tritt dabei als Lenker und Unterhaltungskünstler auf, Suresh hält sich auch in Interviews und privaten Situationen eher zurück. Die Zwillinge wuchsen als die jüngsten Kinder eines britisch-indischen Ehepaares erst in England und dann im Schweizer Kanton Thurgau auf. Mit elf schrieben sie gemeinsam ein Buch. Die zehnte Version des Manuskripts wurde 2006 in Indien veröffentlicht. In dem Fantasy-Roman geht es um den 16jährigen Bryn Bellyset vom Stamm der Barue, ein Volk, das sich von Menschen nur darin unterscheidet, dass seine Mitglieder in der Lage sind, die Emotionen anderer sinnlich wahrzunehmen. Er lebt in der Parallelwelt Calaspia, die von der dunklen Macht „Wahnsinn" bedroht wird. „Wir haben die böse Kraft deswegen Wahnsinn genannte, weil das Leben – anders als in den meisten Fantasy-Romanen – so oft unvorhersehbar ist, weil es eben nie schwarz und weiß, gut und böse gibt“, erklärt Suresh. „Wir sind nämlich total gegen Fantasy als Eskapismus“, ergänzt Jyoti, der gerade den aktuellen Roman von Martin Walser liest. „Sehr interessant, Walser kannten wir noch nicht.“ Texte spielten schon früh eine Rolle im Leben der Zwei. „Als wir drei waren, konnten wir lesen und schreiben“, so beginnt Suresh stets die Vorstellung bei öffentlichen Gelegenheiten und Jyoti erzählt, wie die beiden schon in der Grundschule bereits Anfang des Schuljahres alle Mathearbeitshefte voll rechneten und dann nichts mehr zu tun hatten. Scheinbar die einzige äußere Herausforderung ihrer Kindheit stellte sich ihnen, als der Vater die Familie aus London in die Schweiz umsiedelte, um dort eine leitende Position in einer Bank anzutreten. „Wir wollten da überhaupt nicht hin, wir konnten ja kein Deutsch und hatten dort keine Freunde“, sagt Suresh. Doch mittlerweile fühlen sich die beiden in der Kleinstadt Weihenfelden zu Hause.

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Illustration: Julia Schubert

Suresh und Jyoti Guptara, Bild: privat Sie vertrieben sich gegenseitig die Zeit mit Abenteuerspielen, dachten sich fantastische Rahmenhandlungen und Rollen füreinander aus. Insbesondere Jyoti zeichnete schon früh Landkarten und begann, die Fantasiegeschichten auch aufzuschreiben. Er macht ständig Notizen in einem winzigen Block und kann den kompletten Kanon der Fantasy-Literatur herunter rattern. Er war es, der im Alter von elf Jahren das Mittel fand, mit dem die Brüder Herren ihrer Langweile werden sollten: „Ich saß am Computer, als Suresh hereinkam. Ich sagte ihm, dass ich jetzt einen Roman schreibe und dass er mitmachen darf. Wir hatten endlich eine richtige Challenge.“ Die nächsten sechs Monate verbrachten die beiden Elfjährigen fast täglich damit, die Challenge zu bewältigen. Von ihren Eltern ermuntert schickten sie das erste Manuskript, das damals hundert Seiten lang war, an verschiedene Verlage. „Wir bekamen keine Antwort. Aber nach ein paar Monaten stellten wir fest, dass uns das Buch nicht mehr gefiel. Also fingen wir noch mal von vorne an“, sagt Jyoti. Schon damals, meint er, sei ihnen klar gewesen, dass sie wirklich gut würden sein müssen, um sich gegen die Konkurrenz auf dem Fantasy-Markt durchzusetzen. Jedes Jahr verschickten sie neue Fassungen, und nach und nach kamen auch begründete Absagen. Mit 14 wechselte Suresh auf ein englisches Internat, „ich bin mit dem System in der Schweiz nicht zurecht gekommen“, sagt er. Ein Jahr später stieg Jyoti ganz aus der Schule aus – „ich habe nicht den Eindruck, dass diese Einrichtung sinnvoll ist und wollte lieber selbst entscheiden, in welchem Tempo ich lerne“ – machte seine Fachhochschulreife per Fernunterricht, verkaufte seinen ersten Artikel an das Wall Street Journal und nannte sich seitdem „vollamtlicher Autor“. Zwei Jahre später kaufte ein indischer Verlag „Calaspia“ und ließ es vom Gouverneur von Goa und der Bürgermeisterin von Delhi präsentieren. Jyoti ist ein bisschen unzufrieden mit seiner Generation: „Teenager heute lesen und schreiben kaum, sie konsumieren nur. Dabei macht nichts so glücklich, wie kreativ zu sein“, sagt er und klingt dabei etwa 30 Jahre älter als er ist. „Wir spielen aber auch gerne Computer“, beeilt er sich anzufügen und abends trinken sie auch mal ein Bier. „Am liebsten mit Freunden zu Hause. Da spart man auch Geld.“ Die meisten ihrer Freunde fangen gerade ein Studium an. „Vor allem deren Eltern finden es komisch, wenn ich ihnen sage, dass ich nicht studiere sondern Schriftsteller bin.“ Nicht, dass die Brüder darunter leiden würden: „Eigentlich wollten wir immer anders sein als die anderen“, sagt Suresh, „wenn jemand über uns sagte, die sind doch nicht normal, dann waren wir eigentlich immer froh darüber.“ Alles andere wäre ja auch langweilig.

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