„Er ist samt Buch beim Surfen untergegangen“

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Die Bayerische Staatsbibliothek, kurz BSB oder „Stabi“, wie sie häufig genannt wird, ist nach der Staatsbibliothek in Berlin die zweitgrößte Bibliothek Deutschlands und feiert dieses Jahr ihren 450. Geburtstag. Beliebt sind vor allem die 550 Arbeitsplätze im Allgemeinen Lesesaal – so viele Nutzer wie nie zuvor lesen und arbeiten dort, sagt Wilhelm Hilpert, Leiter der Abteilung Benutzungsdienste. jetzt.muenchen: Herr Hilpert, die Stabi hält mehr als neun Millionen Bücher vor – welches ist Ihr liebstes? „Herr der Ringe“. Das hab’ ich meinen Kindern vorgelesen, als sie zehn Jahre alt waren. Kennen Sie die Hitliste der beliebtesten Bücher, die aus der Stabi entliehen werden? Das ist schwierig zu sagen, weil wir die Bücher für vier Wochen verleihen – selbst ein „Hit“ kann nur zwölfmal im Jahr ausgeliehen werden.

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Illustration: Julia Schubert

Kommen eigentlich viele Leihbücher mit Anstreichungen zurück? Einige. Manche sehen dann wie Kunstwerke aus. Alles ist bunt und ich frage mich: Wenn sie alles anstreichen – was hilft das? Selbstverständlich müssen solche Bücher ersetzt werden. Die beliebteste Farbe? Rot. Aber die meisten, die anstreichen, arbeiten mit Bleistift und zeigen so ansatzweise ein schlechtes Gewissen. Einmal hat ein Benutzer sein Buch mit Bleistiftanstreichungen zurück gebracht und wir haben ihn gefragt, warum er die nicht wenigstens ausradiert hat? Er sagte, er sei Ethnologe und habe im Urwald geforscht. Der Radiergummi, den er dabei gehabt habe, um die Anstreichungen rauszuradieren, den habe sich der Häuptling eines Stammes unter den Nagel gerissen und in einer Halskette um den Hals gehängt. Deswegen habe er nicht anders gekonnt, als die Anstreichungen drin zu lassen. Welche Flecken kommen am häufigsten vor? Rotwein, Kaffee, Tee – was man eben zum Wachbleiben trinkt. Es kommen aber auch Bücher zurück, die völlig durchnässt sind. Einer hatte sein Buch beim Surfen dabei und meinte zur Entschuldigung: ,Normalerweise falle ich nicht ins Wasser.‘ Da ist es dann aber doch passiert und er ist samt Buch untergegangen. Nicht jeder, der in die Stabi kommt, will nur ein Buch leihen. Viele schreiben mittlerweile dort ihre Studienarbeiten, oder? Richtig. Der Allgemeine Lesesaal wird schon bald zu klein, weil die Nutzerzahlen explodiert sind. Dort haben wir jetzt mehr als eine Million Besucher pro Jahr. Mehr geht nicht mehr, der ist sozusagen jetzt voll. (Hilpert steht auf und holt den BSB-Jahresbericht 2003). Woran liegt das? Ich denke, die Studenten, wie soll ich sagen . . . (blättert im Bericht) . . . wollen nicht mehr zuhause arbeiten? Viele sagen: ‚Die Atmosphäre, die entsteht, wenn so viele Leute konzentriert arbeiten, die reißt mich mit. Zuhause sind nur mein Kühlschrank und mein Fernseher.‘ (Pause) Moment, hier hab ich's: 2003 waren es nur 700 000 Nutzer des Lesesaals. In den 90ern waren es sogar nur 200 000. Diese Zunahme ist aber nicht alleine mit der Atmosphäre zu erklären, oder? Die BSB hat sich bis in die 90er ausschließlich als elitäre Einrichtung und Forschungsbibliothek verstanden. Studenten waren damals nicht so gerne gesehen. Das hat sich geändert. Unser Generaldirektor ist der Jugend gegenüber sehr aufgeschlossen und wir haben heute ein anderes Verständnis von Serviceorientierung. Uns besuchen Studierende aller Fakultäten und viele kommen natürlich auch, weil sie hier ihre Freunde treffen. Über den Flirtplatz Stabi ist schon viel geschrieben worden. Über den „Laufsteg“ zwischen den Tischen im Allgemeinen Lesesaal, ich weiß. Unsere Mitarbeiter haben schon ein Schild aufgestellt: „Bitte leise gehen, Sie sind in einer Bibliothek“. Aber der Boden ist doch mit Teppich ausgelegt. Manche Damen schaffen es selbst mit Teppich, die Aufmerksamkeit des gesamten Lesesaals zu bekommen. Aber wir sind ja froh, dass die jungen Leute da sind. Wir wollen nur die Lernatmosphäre erhalten. Seit bald zwei Jahren öffnet die Staatsbibliothek schon morgens um 8 Uhr und schließt erst nachts um 24 Uhr. Das dürfte den Lesesaal auch nochmal attraktiver gemacht haben. Das hat einen großen Schub gebracht. Ist die Stabi zu einer öffentlichen Arbeitsherberge geworden? Ja. Weil sie etwas Heimeliges hat? Für manche ist sie ein sehr vertrauter Ort. Aber ob man bei der Größe von „heimelig“ sprechen kann? Eher sind es die vertrauten Rituale beim Bibliotheksbesuch, die helfen, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Gibt es im Saal eigentlich Gerangel um vermeintliche Stammplätze? Meistens ist es friedlich. Nur einmal saß ein Student an einem Platz und steckte am Nachbartisch seinen Laptop ein, weil er Strom brauchte. Dann setzte sich ein Nachbar hin und zog den Stecker – das war ein Linux-Rechner und aus irgendeinem Grund war nun der ganze Inhalt seiner Arbeit weg. Die sind aufeinander losgegangen und wir mussten die Polizei holen. Sagen Sie, müssen Sie für ihren Job ordnungsversessen sein? Ordnung ist wichtig. Wenn wir ein Buch an die falsche Stelle stellen, ist das fast so, als würden wir es aus dem Fenster werfen. Es gibt Leiter von Supermärkten, die durch den Markt streifen und die Produkte gerade rücken. Machen sie das auch mit Büchern? Ich arbeite seit 1986 in Bibliotheken und habe es eine zeitlang gemacht. Aber ich habe es aufgegeben. Bei neun Millionen Büchern – zwecklos.

Text: peter-wagner - Foto: pw

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