Erzbischof Reinhard Marx: „Rebellion ist ein Privileg der Jugend“

In der Woche vor Ostern spricht der Erzbischof von München und Freising über negative Schlagzeilen und die frohe Botschaft.
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Sie sind jetzt seit gut einem Jahr in München. Sind die Menschen hier anders als in Trier, wo Sie vorher als Bischof tätig waren? Marx: Das Erzbistum ist ja größer als die Stadt München, es reicht bis nach Berchtesgaden. Aber München hat sicher eine ganz eigene Prägung. Mit großen Unterschieden, es gibt ja nicht nur die echten Münchner, die hier geboren sind und auch bairisch sprechen . . . . . . sprechen Sie auch schon bairisch? Marx: Ein paar Worte kenne ich schon. Doch es wäre affig, wenn ich damit jetzt anfangen würde. Aber ich verstehe das Bairische, denn ich habe es schon immer sehr gerne gehabt. Und die Mentalität im Erzbistum kommt meiner westfälischen Heimat sicher entgegen: Etwas bodenständig, es wird nicht zu viel geredet, aber doch in einer offenen, herzlichen Weise.

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Illustration: Julia Schubert

Gibt es eine Eigenschaft, die Sie typisch für München empfinden? Marx: (überlegt) Vielleicht das Grantln? Marx: Nein, das scheint mir eher eine typisch großstädtische Eigenschaft zu sein, dass die Menschen grantln. Und da ist mir in München eher eine gewisse Freundlichkeit aufgefallen, ich werde jedenfalls immer sehr freundlich angesprochen, wenn ich beispielsweise mit der U-Bahn fahre. Die Leute sorgen sich eher. Wie müssen wir uns das vorstellen: Sie steigen dann an der Münchner Freiheit aus und gehen an den Saufkneipen in der Feilitzstraße entlang zu ihrem Wohnsitz in Schwabing. Nicht gerade die Gegend, wo man einen Erzbischof erwartet . . . Marx: Ach, das ist doch harmlos hier. Und natürlich erkennt einen auch nicht jeder. Da habe ich kein Problem. Wenn man ein wenig in Ihrer Biografie liest, erfährt man, dass in Ihrem Jugendzimmer Bilder von Mutter Theresa an der Wand hingen. War Ihnen tatsächlich schon in der Jugend klar, dass Sie mal einen geistlichen Beruf ergreifen möchten? Marx: Ich wusste das schon sehr früh. Im Alter von drei oder vier Jahren habe ich gebetet und eine Beziehung zu Gott entdeckt. Spätestens als Kommunionkind wusste ich: Was der Pfarrer tut, das will ich auch machen. Natürlich ist das noch mehrmals hinterfragt worden, aber ich habe es nie grundsätzlich in Frage gestellt. Auf der nächsten Seite verrät Erzbischof Marx, ob er seinen Entschluß gegen Widerstände verteidigen musste und wie er zur Finanzkrise steht.


Mussten Sie das gegen Widerstände durchsetzen? Marx: Mein Vater war nicht so begeistert, auch weil ich der Erste war, der Abitur machte in unserer Familie. Meine Eltern stammten aus einfachen Verhältnissen, da gab es keine akademischen Karrieren. Deswegen war er anfangs vielleicht ein wenig skeptisch. Aber letztlich hat er sich doch sehr gefreut. Wenn Sie sich so früh sicher waren: Haben Sie die materielle Welt des Konsums dann manchmal als Verlockung empfunden? Marx: Mein älterer Bruder war immer der Entdecker dieser Welt. Er hatte immer die neuesten Platten, ging in die Disko und so weiter. Das habe ich aber nicht so sehr als Konsum empfunden, eher als eine neue Entwicklung. Was mir in Erinnerung ist aus dieser Zeit: Als wir Kinder waren, ging es beständig aufwärts. Ich kann mich noch gut erinnern, als der erste Kühlschrank angeschafft wurde. Das war einfach neu, im Sommer eine kalte Cola trinken zu können. Dann das erste Auto, als ich elf oder zwölf war. Die Generation, die in den 1950ern geboren wurde, hat diese ständige Verbesserung der Lebensverhältnisse erlebt. Wie sehen Sie das heute? Marx: Ich will eigentlich nicht kulturpessimistisch sein und das alte Lied singen: Früher war alles besser. Aber natürlich stimmt es, dass Jugendliche heute mehr Möglichkeiten haben als je zuvor. Oder etwa: Dreimal oder viermal heiraten, eine Weltreise machen, die moralischen Werte einfach selbst wählen, das ist sicher neu. Und es ist damit sicherlich schwerer, Orientierung zu finden. In einer pluralen Gesellschaft wird auf eine gültige Wahrheit verzichtet, es geht nur noch um Meinungen, und da ist jeder frei. Jeder muss für sich entscheiden, was richtig ist, und das ist anstrengend. Finden Sie das positiv oder negativ? Marx: Grundsätzlich ist das positiv. Das christliche Menschenbild braucht einen freien Menschen. Aber Freiheit kann auch Menschen überfordern, wenn sie ihr Lebenshaus ganz alleine aufbauen müssen. Ein Mensch kann sich nicht vollkommen von Traditionen und kulturellen Zusammenhängen lösen. Uns fehlen heute Konventionen und feste Orientierungen, wie man auch bei der Finanzkrise sieht. Der Bundespräsident sagte in seiner Berliner Rede, uns sei dieses „Das tut man nicht!“ verloren gegangen. Genau dieses „Das tut man nicht“ haben Generationen bekämpft. Ein Vater sagt diesen Satz zu seinem Kind. Das Kind fragt: Warum? Er antwortet: Weil man es eben nicht tut. Reicht das als Begründung? Marx: Das reicht natürlich nicht. Wir müssen unsere eigenen Entscheidungen treffen, aber das geht mit Verantwortung einher. Der einzelne muss einsehen können, dass eine Regel gut ist. Kontraproduktiv ist es, wenn in einer Gesellschaft das Gefühl entsteht: Der Ehrliche ist der Dumme. Dann läuft etwas falsch. Die aktuelle Wirtschaftskrise zeigt: Die Anreizsysteme haben sich nicht bewährt und moralische Grenzen gab es auch nicht. Da hat sich eine Einstellung breit gemacht, dass Profit das einzige ist. Um Gier aus dem System zu entfernen, gibt es nur die Möglichkeit, dass der Staat ordnungspolitisch eingreift. Das bedeutet aber letztlich eine Einschränkung wirtschaftlicher Freiheit. Wie eng hängen wirtschaftliche und persönliche Freiheit zusammen? Marx: Die Regeln reichen nicht alleine und die Tugendethik reicht auch nicht. Man kann kein Wirtschaftssystem allein auf der moralischen Qualität der Menschen gründen. Die Menschen sind, wie sie sind. Man braucht Institutionen, die ein realistisches Menschenbild haben und auch mit dem Schlechten rechnen. Und man braucht auch die Tugend der Akteure im Sinne von „das tut man nicht“, also Ethik. Kondome sind das kleiner Übel - sagt Erzbischof Marx auf der nächsten Seite.
Und diese Ethik soll eine christliche sein? Marx: Nicht unbedingt. Der christliche Glaube ist in seiner Ethik ja nicht exklusiv, sondern universal einsichtig und vernünftig. Nicht nur ein Christ kann ethisch handeln. Jeder Mensch soll der Norm folgen, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben. Aber das auch zu tun, dafür braucht es die Kraft der Religion. Können Nicht-Christen denn moralischere Menschen sein als Christen? Marx: Es kommt immer auf jeden einzelnen Menschen an. Jeder ist anders und hat schließlich ein Gewissen, kann also gut und böse eigentlich unterscheiden. Das Christentum aber ist nicht nur eine neue Moral. Es ist die Entdeckung einer Person, eines Ereignisses, nämlich, dass Gott existiert und seine Liebe in Jesus Christus uns grenzenlos geschenkt wird. Und daraus ergibt sich ein neues Handeln. Viele junge Menschen empfinden besonders den katholischen Glauben als starr und voller antiquierter Regeln. Besonders die Sexualmoral. Marx: Aber im Wesentlichen ist diese doch lebensdienlich! Es ist unumstritten, dass Sexualität in eine Beziehung der Treue und Verlässlichkeit hineingehört. Immer? Marx: Ja. Warum? Marx: Weil Sexualität Ausdruck einer sehr tiefen Verbindung zweier Menschen ist. Das kann man doch nicht auf einen Akt der Lustbefriedigung reduzieren. Es geht doch um zwei Personen! Die Mehrheit sieht das doch auch so. Kaum jemand sagt: Eigentlich möchte ich mit wechselnden Partnern leben. Was ist schlimm daran, wenn sich zwei Menschen „nur“ zur persönlichen Lustbefriedigung treffen? Marx: Dann wird die Sexualität benutzt und auch der andere Mensch. Damit bleibt man unter dem Niveau dessen, was man als Mensch sein kann. Können Sie nachvollziehen, wenn ein junger Mensch zunächst im Katholizismus nur einschränkende Regeln sieht? Marx: Ja, kann ich. Rebellion gegen Konventionen ist ein Privileg der Jugend. Aber viele der Regeln, gegen die man als junger Mensch ankämpft, erweisen sich ja später als richtig. Ich sage meinem Bruder zum Beispiel heute oft: Du sprichst wie früher unser Vater. Ich würde bestimmte Grundüberzeugungen nicht einfach über Bord werfen. Was für Auseinandersetzung sorgt, sind die Kondome. Der Papst sagt: Die Benutzung von Kondomen verschlimmere das Aids-Problem. Marx: Er sagt: kann es verschlimmern, wenn Kondome als Lösung propagiert werden. Der Papst hat völlig Recht, wenn er sagt: Kondome sind nicht die Lösung. Sollen wir jetzt eine Million Kondome über Kamerun abwerfen? Wenn man so die Verbreitung der Krankheit stoppen kann. Marx: Kondome sind ein kleineres Übel und deswegen soll man es bitte auch so nennen. Wichtiger ist die partnerschaftliche Treue. Wenn jemand aber mit wechselnden Partnern Sex haben will, erst recht wenn er weiß, dass er Aids hat, dann würde ich sagen: Es gibt kein Recht auf die Ausübung der Sexualität. Wenn er es dann doch tut, dann muss er den anderen schützen. Das ist eine moralische Verpflichtung. Ganz klar. Aber deswegen wird die Handlung doch nicht gut. Da kann ich doch als Bischof nicht sagen: Unter gewissen Bedingungen ist die Sünde erlaubt. Es ist dann zwar das weniger Schlimme, ein Kondom zu benutzen, aber es ist deshalb nicht einfach ok. Letzte Frage: Wie stellen Sie sich Gott vor? Marx: Gott ist für uns Menschen nicht konkret vorstellbar. Er ist der Schöpfer des ganzen Alls, das absolute Geheimnis. Das übersteigt jede Vorstellungskraft. Aber ich glaube: Er hat sich uns gezeigt in Jesus von Nazareth. Jetzt haben wir einen Weg zu ihm, dem eigentlich Unbegreiflichen. Der menschgewordene Gott ist für uns die Brücke. Mehr zum Thema Glauben auf jetzt.de >>> KJG-Bundesleiterin Alexandra Schmitz kritisiert im Interview den erzkonservativen Kurs des Vatikan >>> In der Kirche bleiben oder austreten? Ein Fall für Zwei >>> Philipp Möller von der Buskampagne („Gottlos glücklich – ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben“) erläutert im Interview seine Beweggründe

Text: philipp-mattheis - dirk-vongehlen; Foto: ddp

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