"Es geht immer um den, für den du schreibst"

Zum Start der Leipziger Buchmesse in dieser Woche haben wir Autorinnen und Autoren gebeten, über ihre ersten literarischen Texte zu schreiben. Fünf Erinnerungen
erik-brandt-hoege
Default Bild

Illustration: Julia Schubert




Lisa Kreißler, 27 (Gewinnerin des Nachwuchsautorenwettbewerbs von KulturSPIEGEL und Thalia)

Default Bild

Illustration: Julia Schubert




  „Es hatte mit dem Licht zu tun, dass ich anfing zu schreiben, oder besser mit einem Mangel an Licht. Ich war 22 Jahre alt und für ein Auslandssemester im schwedischen Uppsala. Der Winter breitete sich schneestark und klirrend kalt vor meinem Fenster aus. Die Sonne ging spät am Morgen auf und früh am Nachmittag wieder unter. Eine ausdauernde Dunkelheit lag über dem Land und machte mich schlaflos. Nächtelang saß ich an meinem Schreibtisch, ohne irgendetwas zu tun, und dann, in der dritten oder vierten Nacht, begann ich zu schreiben. Einen schlichten Prosatext über einen jungen Mann, der sich inmitten der hungrigen Betriebsamkeit um ihn herum in eine Einsamkeit flüchtet, die immer bedrohlicher für ihn wird. Ich schickte den Text an einen Freund nach Hamburg, was ungewöhnlich war; zwar schrieb ich schon eine Weile, hatte bis dahin jedoch nie daran gedacht, meine Geschichten jemandem zu lesen zu geben. Der Freund antwortete eine Woche später: „Das ist gut, Lisa, bildhaft und klar“, schrieb er. Seinem Brief lag eine CD bei, auf die er den Text gesprochen hatte. Ich setzte mich an den Schreibtisch, hörte die CD und hörte sie gern.
  Niemand sonst hat den Text je zu lesen bekommen. Er liegt im Schatzkästchen der ersten Gehversuche, und wenn ich ihn heute daraus hervor hole, stolpere ich zwar über manch Unbeholfenheit, finde aber dennoch alles, was mir in meinen Geschichten auch jetzt noch am wichtigsten ist: einen naiven Blick, Ehrlichkeit und ausreichend Licht.“
 
Markus Flohr, 29 (aktuell: „Wo samstags immer Sonntag ist – ein deutscher Student in Israel“)

Default Bild

Illustration: Julia Schubert




  „Bei meinem ersten Text brauchte ich für jedes Wort eine Zigarette. Er ist zehn Jahre alt und es ging damals, wie das so ist, um eine Frau, und eigentlich war der Text nur für sie, wie alles nur für sie war. Es stimmt schon, wenn die Leute sagen: du brauchst eine Leserin oder meinetwegen einen Leser; also nicht bloß jemanden, der diese Wörter liest, wie sie da hintereinander stehen, sondern jemanden, für den du schreibst. Jemanden, der es versteht.
  Kurz war der Text, eine Skizze, beinahe nur eine Szene, am Ende starb jemand, er ertrank, aber erst nach dem ersten Kuss, so muss das sein. Er ist sogar gedruckt worden, eher versteckt, in einem kleinen Fanzine und ich glaube, sie hat ihn nie gelesen. Hin und wieder treffe ich sie, diese Frau, und obwohl ich aufgehört habe, rauchen wir jedes Mal, wenn wir uns sehen ein paar Zigaretten. Ich denke dann: Es geht ja nie darum, bloß etwas zu schreiben, sondern es geht immer um den, für den du schreibst. Du weißt, um was es geht – und dieser Text war für dich.“
 
Constanze Petery, 19 (aktuell: „Eure Kraft und meine Herrlichkeit“)

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



  „Ich habe schon immer gerne geschrieben, es gibt da ganze Kisten mit Kurzgeschichten wie ,Die kleine Prinzessin macht einen Ausflug’. Oft habe ich dabei die d’s und die b’s verwechselt. Das ging dann im Gymnasium schon besser und deshalb habe ich viel für die Schülerzeitung geschrieben. Die ,Agora’ war immer offen für literarische Selbstversuche und da ich gut mit dem Lektor befreundet war, haben wir uns zusammen zweimal im Jahr ein verrücktes Thema ausgesucht, zu dem wir etwas schreiben wollten. Einmal schrieb ich einen Artikel über Jugend- und Ausgehkultur. Der wuchs und wuchs und war schließlich viel zu lang, um in der Schülerzeitung erscheinen zu können.
  In der 11. Klasse kam Ko Bylansky an unsere Schule und hielt eine Stunde über Poetry Slamming. Ich fand das unglaublich befreiend. Gleichzeitig lag mir der unverwendete Artikel aber immer noch im Kopf. Ich dachte mir: Warum machst du daran nicht weiter? Ich habe sporadisch daran geschrieben, bis mein Vater mir erzählte, es gäbe da in München einen Literaturwettbewerb. Ich habe nicht lange nachgedacht und habe zwei Kapitel eingeschickt.
Der daraus entstandene Roman ,Eure Kraft und meine Herrlichkeit’ gehörte 2009 tatsächlich zu den Gewinnern. Er erzählt die Geschichte der 15-jährigen Anita, deren Vater sie und ihre Mutter gerade sitzen gelassen hat. Anita versucht in Jungs und Parties einen Ersatz zu finden, wird letztendlich sogar schwanger und denkt, jetzt endlich wieder jemanden zu haben, der sie lieben muss. Anita hat mich durch die 13. Klasse begleitet, tagsüber habe ich Abi geschrieben, nachts Kapitel. Jetzt ist mein Buch gerade erschienen. Und mit Leipzig, meiner Lesetour und der Planung an einem zweiten Buch bleibt es bei mir weiterhin spannend.“
 
Stephan Serin, 32 (aktuell: „Föhn mich nicht zu“)

Default Bild

Illustration: Julia Schubert




„Wenn man wie ich bereits ein biblisches Alter erreicht hat, ich werde dieses Jahr 33, dann muss man schon ganz schön weit in die Vergangenheit hinabsteigen, um auf seine frühen literarischen Gehversuche zu stoßen. Die älteste Geschichte, die ich meiner Erinnerung nach mit Ernst und Ambition verfasst habe, war ein Text, es muss etwa in der vierten Klasse gewesen sein, für einen Schreibwettbewerb an unserer Schule zum Thema „Unsere Heimat“. Meine Heimat war die DDR und ich beschrieb eine Fahrt meiner Familie von Berlin nach Oberwiesenthal in den Winterurlaub. Was sich aus heutiger Sicht als Thema wenig kontrovers anhört, war in den 80ern zwischen Oder und Elbe ein hochexplosives Sujet. Unser Trabant 601 hatte ob seiner gerade mal 26 PS größte Mühe, sich das Erzgebirge hochzuarbeiten. Rechts und links wurden die sächsischen Serpentinen von nadellosen Nadelbäumen gesäumt, Beleg für die völlig verfehlte Umwelt- und Energiepolitik des friedliebenden Teils Deutschlands. Und oben gab es natürlich keinen Schnee, wie in jedem zweiten Jahr, weil die DDR Berge über 1215 Metern nicht zu bieten hatte. Natürlich war ich mir der Brisanz meiner Geschichte nicht bewusst. So verstand ich auch nicht, weshalb es mein Text nicht in die Schulgalerie schaffte, in die außer meinem das Werk auch noch das jedes letzten Legasthenikers aufgenommen wurde. Ich war einfach zu oppositionell. Hätte ich das nur damals auch schon gewusst. Dann wäre ich nicht so enttäuscht gewesen. “
 
Melda Akbas, 19 (aktuell: „So wie ich will – Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“)

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



  „Ich sitze bei uns in der Küche. Es ist nach null Uhr. Der Rest der Welt schläft jetzt, oder geht jetzt aus. Zumindest bezweifle ich, dass irgendjemand wie ich vor diesem rechteckigen weißen Bildschirm hockt und hofft, dass von irgendwoher die Erleuchtung kommt. Ein guter Freund, der mir öfter Tipps gibt, hat mir gesagt, dass er in solchen Fällen immer eine Runde um den Block dreht. Ich hab nicht nur schon eine, sondern gleich 20 solcher Runden hinter mir. Mein erster literarischer Schreibversuch ... ganz ehrlich? Er wiederholt sich immer öfter bei mir. Ich sitze vor einer weißen Seite und weiß nicht weiter. So war bei mir das erste Mal. Ohne Scheiß. Ganz oft will ich in solchen Momenten alles hinschmeißen und einfach aufhören. Doch dann fällt mir etwas ein: Meine kleine Mappe in der Schublade vom Schreibtisch. Ich tapse im Dunklen durch mein Zimmer, um meinen Bruder nicht zu wecken. Behutsam hole ich die Mappe heraus, bin dabei natürlich trotzdem viel zu laut und sitze schon wieder vor meinem Laptop. Diese Mappe ist meine kleine Schatztruhe: Voller naiver kleiner kurzer Schriftstücke, geschrieben nur für mich selbst, aus der Lust des Schreibens heraus und nicht im Auftrag von jemandem. Nach fünf Minuten schon sitze ich wieder motiviert vor dem Laptop und fange munter an drauf los zu tippen. Mein erster literarischer Schreibversuch . . . ganz ehrlich? Ich bin froh ihn immer wieder erleben zu dürfen.

Text: erik-brandt-hoege - Fotos: misterQM/photocase.com, privat

  • teilen
  • schließen