jetzt.de: Florian, auf welcher Demo warst du zuletzt?
Florian Kessler: Ich war vorletzten Mittwoch demonstrieren, gegen die grauenhafte Mietpolitik vieler Kommunen. In Kreuzberg haben wir eine Sitzblockade gemacht, weil dort eine Wohnung von Gerichtsvollziehern geräumt werden sollte.
 
Das hat aber nicht geklappt, soweit ich weiß.
Nein, leider wurde die Wohnung geräumt. Aber bei Demos geht es ja nicht nur darum, am Tag selbst konkrete Ziele zu erreichen. Es wurde sehr viel über unsere Blockade berichtet. Bei Bewegungen wie den jetzigen Mietprotesten muss die Politik einfach irgendwann reagieren, weil immer mehr Aufmerksamkeit auf das Thema fällt. Darum finde ich, dass wir durchaus erfolgreich waren.
 

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Woher kommt deine Faszination für das Thema Protest?
Ich bin früher selten auf Demos gegangen, was ich heute doof finde. Dann kam 2011, das Jahr des Arabischen Frühlings und von Occupy. Da bin ich stutzig geworden. Wie eigentlich alle in meiner Generation hatte ich auch Zukunftsangst, und plötzlich waren bei diesen Protesten da draußen Gleichaltrige, die einfach etwas machten und ausprobierten. Ich habe gedacht: An wen wird man sich später mal erinnern, wenn man über diese Generation spricht? Ganz klar: eher an die Leute, die sich was trauen, als an all die anderen, wie auch mich. Darum bin ich losgezogen und wollte mir das genauer anschauen.
 
Mit der Idee, ein Buch zu schreiben?
Die ersten Monate stand noch nicht fest, dass das ein Buch werden muss. Aber bald habe ich gefragt: Was gibt es noch alles? Das war ein bisschen, wie in einen Zauberwald zu kommen.
 
Der Untertitel deines Buches lautet „Die Kunst des neuen Demonstrierens“. Was ist das Neue am heutigen Protest?
Das Demonstrieren hat sich weiterentwickelt, weil man sich besser vernetzen kann, die Menschen heute gebildeter sind und mehr Zeit haben. Gleichzeitig merken sie, dass die Politik immer unpolitischer und von den Märkten getrieben wird, dass es eine Krise der repräsentativen Demokratie gibt. Wenn man selber protestiert, dann fordert man, stärker in politische Prozesse einbezogen zu werden. Demonstrieren ist jetzt also ein Kampf um mehr Demokratie. Das hat es früher in dem Ausmaß nicht gegeben. Protest war simpler, man verfolgte lediglich bestimmte Anliegen.
 
Und was ist die Kunst am Demonstrieren?
Mein Buch funktioniert ein bisschen wie ein Rezeptbuch. Es erklärt an vielen Aspekten, wie man überhaupt demonstriert. Obwohl Demos total einfach sind, gibt es unzählige Techniken und Kunstgriffe, die man befolgen kann. Das wollte ich aufschlüsseln und mir diese Kunst in möglichst vielen Aspekten erklären lassen.
 
Auf wie vielen Demos warst du während deiner Recherche für das Buch?
In der Hochphase bin ich jedes Wochenende hier in Berlin demonstrieren gegangen und ab und an zu Aktionen gefahren, die weiter weg waren. Ich war auch bei den Blockupy-Protesten in Frankfurt. Insgesamt gibt es aber sehr viele Leute, die von ganz alleine, ohne ein Buch zu schreiben, viel mehr machen, die das Demonstrieren in ihrer Lebenspraxis viel stärker drin haben.
 
Welche Demotechniken hältst du für besonders effektiv?
Protest wird oft von Menschen eingesetzt, die wenig andere Lobbymöglichkeiten haben und Öffentlichkeit erreichen wollen. Er wird besser, je stärker er auf sich aufmerksam machen kann. Gerade wird viel darüber diskutiert, wie viel ziviler Ungehorsam bringt, dass man also absichtlich Gesetze bricht und sich eventuell dafür verhaften lässt. Ich kann mir vorstellen, dass es davon mehr geben wird und ich finde das ganz gut. Ein einfacher Zug, der durch die Straße zieht, ist oft nicht sehr effektiv.
 
Für Aufmerksamkeit braucht eine Demo auch die Medien. Wie wichtig sind sie für den Protest?
Das Schlimmste für eine Demo war früher immer, wenn kein Journalist vorbeikam. Das hat sich jetzt dadurch verändert, dass jeder einzelne Demoteilnehmer seine eigene Öffentlichkeit herstellen kann. Wenn man sich anguckt, was während Demos über Twitter, auf Flickr und in Blogs abläuft, weiß man, dass da professionelle Medienarbeit gefahren wird. Es gibt heute so viele Informationsmöglichkeiten, dass eine Demo gar nicht mehr richtig unerkannt bleiben kann.
 
Jedes deiner Kapitel hat einen Teil, der auf bestimmte Gegen-Demo-Argumente antwortet, zum Beispiel „Das ist doch nur was für Gutmenschen“. Sind dir all diese Argumente begegnet?
Meine Hauptinspiration dafür waren Internetforen, da begegnen einem alle engstirnigen Argumente dieser Welt. Klar, immer, wenn Leute auf die Straße gehen, hat das auch was Lächerliches. Es ist recht uncool und immer die anstrengendere Haltung als wenn man lässig über allen Dingen schwebt. Gegen das Demonstrieren kann man unglaublich leicht schießen. Dagegen wollte ich mich mal wehren.
 
Heißt das, dass Demonstranten einen schlechten Ruf haben?
Mein Buch trägt ja den Titel „Mutbürger“, der natürlich auf das Schlagwort des Wutbürgers anspielt. Das ist ein unglaublich interessantes Wort, weil da ja drin steckt, dass irgendwas falsch daran sein soll, wenn Menschen demonstrieren. Angeblich sind die eben alle bloß wütend und verbohrt. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.
 
Es geht in deinem Buch auch um den Spaß am Demonstrieren. Darf Protest Spaß machen?
Ja, auf jeden Fall, und er macht auch Spaß! Ich habe mich beim Protestieren ein bisschen bescheuert angestellt, weil ich für das Buch teilweise alleine auf Demos gegangen bin. Da stellen sich dann so Effekte ein, wie wenn man abends alleine ausgeht und irgendwann denkt „Was mache ich hier eigentlich gerade?“ Dabei gibt es gerade für Demos die wunderschöne Idee der „Bezugsgruppen“, dass man mit anderen Leuten auf Demos geht, die man kennt und denen man vertrauen kann. Da werden Freundschaften, das Leben und Politik fließend eins.
 
Hast du auch andere Demonstranten kennengelernt?
Ja, ganz viele! In Stuttgart zum Beispiel hat es furchtbar geregnet und eine sehr viel ältere Dame, knapp unter 80, kam unter meinen Regenschirm. Es war fantastisch, dass man einen ganzen langen Nachmittag zusammen läuft, sich unterhält und sich kennenlernt. Man trifft auf Demos so viele verschiedene Menschen, die irgendetwas dahin gebracht hat. Das ist wie eine Waschmaschine für verschiedene Anlässe.
 
Gibt es den perfekten Demonstranten?
Es gibt keinen „Ottonormaldemonstranten“ mehr, also das Klischee vom linken Müsliesser, der immer demonstrieren geht. Hier in Berlin haben Rentner ihre Freizeitstätte besetzt und gleichzeitig gibt es Schüler, die zivilen Ungehorsam ausprobieren. Der Protest hat sich unglaublich verbreitert. 

Florian Kessler: „Mut Bürger – Die Kunst des neuen Demonstrierens“, Hanser Verlag. Februar 2013

Text: nadja-schlueter - Foto: Juliane Heinrich