„Es ist nicht schwierig, unseren Erfolg zu kopieren“ - FM4 im Gespräch

Er ist einer der dienstältesten Discjockeys Österreichs. Dass der 42-jährige Marcus „Makossa“ Wagner-Lapierre auch in Deutschland bekannt ist, liegt daran, dass er als Musikchef des österreichischen Jugendradios FM4 arbeitet. Nicht wenige Hörer halten FM4 für das beste Radio der Stadt. Unter 104,6 (Kabel: 93,6) weht es nach Bayern hinüber. Wer weiter weg wohnt, kann den FM4-Stream hören.
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jetzt.muenchen: FM 4 ist Österreichs wichtigstes junges Radioprogramm. Stimmt es, dass ihr tatsächlich keinen Quotendruck habt? Marcus: Ja, einer unserer Hauptaufträge ist, dass wir einen kulturellen Anspruch erfüllen sollen und überwiegend fremdsprachig sind. Wenn wir neue Musik ins Programm nehmen, zählen wir nur auf unsere Meinung und Erfahrung. jetzt.muenchen: Diese Tatsache und die Sache mit der Zweisprachigkeit mutet aus bayerischer Sicht fast als Anachronismus an. Englische Moderation und alternative Musik, die keinem Rotationszwang unterworfen ist – wie kann das überhaupt funktionieren? Das muss man trennen: englische Moderation und Musikrotation. Unser Vorläufer Blue Danube Radio war als Service für die Diplomaten der UNO-City Wien gestartet worden. Wir haben von denen die komplette News-Redaktion übernommen und sind dadurch wahrscheinlich der Jugendsender mit dem höchsten Durchschnittsalter aller Mitarbeiter. Am Anfangs war es schwierig, junge Freaks mit den seriösen Redakteuren zu verbinden, aber es ist gelungen.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: Eine Wienerin hat mir erzählt, dass sie ab dem Teenager-Alter von FM4 sozusagen sozialisiert wurde – das Radio als Freund. Vor allem habe sie sich immer absolut ernst genommen gefühlt, ihre Themen und Probleme wurden stets von FM4 aufgegriffen und behandelt . . . Naja, im Gegensatz zu sämtlichen Formatradios, die den Hörer nicht individuell ansprechen, sondern auf die Masse setzen, war es für uns sehr wichtig, unsere Kernzielgruppe zwischen 14 und 29 Jahren von Anfang an authentisch ernst zu nehmen. Wir machen auch FM4-Feste und uns war der Kontakt zur Zielgruppe immer extrem wichtig. jetzt.muenchen: Gut, das sagen alle Radiosender. Aber wie habt ihr es geschafft, dass ihr von Anfang an akzeptiert wurdet? Weil wir uns eben ganz gewaltig unterscheiden von Formatradios, die unsagbar nervende Rotationen haben und ihre Hits acht mal am Tag spielen. Uns war von Anfang an das wichtigste, dass wir die Musik extrem bunt und breit gestalten; dass wir unseren Hörer auch nichts vorenthalten wollten. Unser musikalisches Motto ist einfach FM4 Musik. jetzt.muenchen: Kannst du das erklären? Dazu zählen sowohl Elektronik, Independent, Hiphop, Reggae und somit sämtliche Bereiche der urbanen Clubkultur. Die wollen wir unseren Hörern näher bringen und nicht in irgendwelchen Nischen verstecken. jetzt.muenchen: Für alle, die euch nicht kennen, wie hört sich das im Tagesverlauf an? Wir haben tagsüber ein Programm, das natürlich aus Rotation besteht, aber nicht so hoch wie bei Formatradios. Wir haben in der aktuellen Rotation zweimal 27 Tracks, wobei die aktuellen Nummern maximal zweimal am Tag gespielt werden. Der Pool an neuen Sachen umfasst dazu 150 bis 200 Titel, die kommen ein- bis fünfmal pro Woche. Dadurch ist es nicht möglich, Titel zu Tode zu spielen. Natürlich nehmen wir Titel oft lange vor offiziellem Release ins Programm. jetzt.muenchen: Die Mediennutzung in der Zielgruppe hat sich stark verändert in den vergangenen zehn Jahren, es gibt mittlerweile mobile MP3-Player und Handys zum Musikhören. Wie wird das die Radionutzung beeinflussen? Natürlich wird das einen Einfluss haben, ich glaube aber nicht, dass das Radio als Medium an Hörern verliert oder weniger Wichtigkeit hat als in der Vergangenheit. Vor zehn Jahren haben wir alle geglaubt, das Radio sei lange nicht mehr so wichtig, wie es früher war. Das stimmt auch, aber trotzdem glaube ich, dass das Radio nicht aussterben wird. Es gibt Millionen von Internet-Radios, du brauchst aber immer jemanden, der die Musik selektiert. Weil der normalsterbliche Konsument einfach jemanden braucht, der eine Auswahl trifft. jetzt.muenchen: FM4 gilt vielen – nicht nur in München – als Vorbild für glaubwürdiges und erfolgreiches Radio. Wie viele deutsche Jugendsender waren schon bei euch zu Besuch? Das passiert regelmäßig. Mich wundert es, dass es in Deutschland nicht so einen Sender wie FM4 gibt! Es ist nicht wirklich schwierig, den Erfolg von FM4 zu kopieren – wenn man nicht diesen Quotendruck hat. Wenn ich in Deutschland wäre, würde es für mich kein schöneres Ziel geben, als einen Sender wie FM4 zu machen. jetzt.muenchen: Ist der Bayerische Rundfunk eigentlich sauer, dass FM4 in seinem Sendegebiet zeigt, wie man ein gutes Jugendradio macht? Nein, es gab in der Vergangenheit immer wieder Kooperationen mit dem Zündfunk. Da gab’s immer ein gewisses Nahverhältnis. Unsere Hörer in Süddeutschland sind sowas von dankbar. Wenn ich irgendwo in Deutschland auflege, kommt jedes mal jemand und schüttelt mir die Hände und bedankt sich, dass es FM4 gibt und wie toll wir sind. Diese Dankbarkeit haben wir nicht mal in Österreich! Es gibt Analysen über unsere Stream-User im Internet: Ein Drittel kommt aus Österreich, ein Drittel aus Deutschland und das dritte Drittel verteilt sich auf den Rest der Welt. jetzt.muenchen: Wie wird es in zehn Jahren sein? Für dich persönlich und für FM4? Gute Frage! Als ich mit 30 angefangen habe, hat mich meine Mutter gefragt, was ich in zehn Jahren mache. Ob ich dann immer noch im Jugendradio arbeiten kann. Und ich habe geantwortet: Es geht darum, im Kopf jung zu sein. Ich muss ja nicht vor einer Kamera stehen. Für mich ist es so, dass mich Musik jung hält. Vor drei Jahren habe ich es sogar geschafft, selber mal ins Studio zu gehen, um elektronische Musik zu produzieren. Das machen andere mit 20 oder 25. Das gibt mir neue Ziel und Perspektiven. jetzt.muenchen: Und FM4? FM4 wird es noch länger geben als zehn Jahre. Wir haben den Vorteil, mit dem ORF im Rücken und vielen professionellen Redakteuren – dass man gar nicht so einfach gegen uns ankommen kann. Die Professionalität hört man auf dem Sender.

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