Fräulein Fies

Im Internet mutieren viele Frauen zu Lästermäulern - und festigen damit alte Rollenbilder
christina-waechter

Bis vor einem Jahr, bevor die Serverkosten angesichts des großen Zuspruchs zu hoch wurden, führte die Bloggerin Nikol Lohr auf ihrer Website "Disgruntled Housewife" die "Dicklist". Eine Liste von Tausenden von Männern, die sich in den Augen ihrer Exfreundinnen als "Dicks", als "Arschlöcher" qualifiziert hatten. Die Liste war ein Pranger: Die vermeintlichen "Vergehen" der Männer waren säuberlich aufgereiht und unter anderem mit Wohnort und Name versehen. Wer die "Dicklist" zur Hand hatte, konnte problemlos nach üblen männlichen Exemplaren in seiner Umgebung forschen und wurde meist auch fündig - so ausführlich war die Liste. In das Vakuum, das nach dem Ende der "Dicklist" im Internet offenbar herrschte, ist vor einigen Wochen eine neue Website gestoßen, die in der Blogosphäre für große Heiterkeit sorgt. Von Mailbox zu Mailbox wird der Link geschickt, meist mit der Betreffzeile "wirklich lustig!!!". Die neue "Dicklist" heißt "I Bang The Worst Dudes (Sorry Mom)" und funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip: Junge Frauen schicken Fotos ihrer angeblich schlimmsten Bettgenossen ein, die dann, mit einem schwarzen Verbrecherbalken versehen, veröffentlicht werden. Hinzu kommen Kurzbeschreibungen und es ist durchaus lustig zu lesen, wenn da von selbstverliebten Gockeln berichtet wird, die sich im Bett daneben benommen haben. Mal hat sich einer aufgrund seiner Körperbehaarung disqualifiziert, mal hat er es gewagt, nach einer gemeinsam verbrachten Nacht um ein zweites Treffen zu bitten. Das Verhalten der ausgestellten Männer ist also in den seltensten Fällen tatsächlich verachtenswert. Klar, sichert die Erfinderin von "I Bang ..." zu, die übrigens anonym bleiben möchte: Wenn sich einer der "Worst Dudes" beschwere, dann werde sein Bild aus dem Netz genommen. Aber das komme fast nie vor. Bisher habe sie auch nur eine verärgerte Mail von einem der Opfer bekommen. Und all ihre Freundinnen fänden die Seite so unfassbar lustig, dass sie gleich dutzendfach ihre eigenen peinlichen One-Night-Stands eingeschickt hätten. Ein schlechtes Gewissen gegenüber ihren Opfern hat die Macherin der Homepage nicht, ebenso wenig wie die Frauen, die ihre Exfreunde der Lächerlichkeit preisgeben. Der enorme Erfolg der Website sagt vor allem eines: Frauen benehmen sich im Internet häufig ziemlich provozierend und finden das kein bisschen problematisch, sondern verkaufen ihre Rüpel-Attitüde mitunter gar als neuartige feministische Haltung.

Klar ist auch unser Verhalten im Netz geschlechterspezifisch geprägt. Untersuchungen des unterschiedlichen Webnutzungsverhaltens von Frauen und Männern haben erwiesen, dass sich die stereotypen Unterschiede im Netz erstaunlicherweise eher manifestieren, denn verwischen. So surfen Männer eher fokussiert auf Ergebnisse hin, während Frauen die Kommunikation und die Festigung emotionaler Bindungen sehr viel wichtiger sind. Auch eine Studie von Medienwissenschaftlern der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg zur "Selbstrepräsentation in Web-basierten sozialen Netzwerken", die im Januar dieses Jahres veröffentlicht wurde, kam zu diesem Ergebnis. Auch dort zeigt sich, dass Frauen Websites wie StudiVZ oder Facebook in erster Linie zur Kommunikation mit dem schon vor der Anmeldung existierenden Bekanntenkreis nutzen.


Websites, die explizit für Frauen konzipiert sind, tragen diesen Geschlechterunterschieden Rechnung. Eine der erfolgreichsten Seiten-Neugründungen der vergangenen beiden Jahre ist jezebel.com, das aus dem New Yorker Medienunternehmen "Gawker" hervorgegangen ist. Junge berufstätige Frauen sollen auf "jezebel.com" auf sie zugeschnittene Themen finden: Politische Meldungen, die mit ihrem Leben zu tun haben, Hintergrundberichte aus der Modebranche und, ja, auch Klatsch. All das aber mit Niveau und einer feministischen Grundhaltung. Das klingt gut und funktionierte in den ersten Monaten. Mittlerweile aber produzieren die Redakteurinnen kaum mehr eigene Inhalte. Sie beschränken sich darauf, Klatschgeschichten und andere Meldungen zusammenzufassen und hin und wieder Bilder von Promis oder niedlichen Tieren zu posten. Auch das ist noch mit einer gewissen ironischen Grundhaltung versehen, ändert aber nichts daran, dass diese Seite, die als eine große Hoffnung der weiblichen Netzcommunity gehandelt wurde, mittlerweile den Websites frappierend ähnelt, gegen die sie damals angetreten war. In Deutschland sieht es nicht anders aus. Frauen bewegen sich auch hierzulande in abgesteckten Claims und verbringen ihre Zeit im Netz vor allem damit, sich auszutauschen. Und dieser Austausch kann auch auf Deutsch sehr schnell sehr schroffe Formen annehmen. Style-Blogs, die zu den beliebtesten und erfolgreichsten Blogs im Netz gehören, haben zum Großteil weibliche Fans und Leser. Und die holen sich nicht unbedingt Modetipps von den dort abgebildeten Leuten, sondern arbeiten sich besonders gerne in den Kommentaren an den gezeigten Menschen ab. Die Basher sind in der Mehrzahl weiblich. So kommentieren die User in einem willkürlich gewählten deutschen Styleblog das Foto eines farbenfroh gewandeten Pärchens: "Sieht scheiße aus. Wer hat diese Farbkombi gewählt?!" - "Hackfresse?! Von mir aus Mut zur Farbe, aber bitte geschmackvoll." - "Ich finde dass er mit seinen Beinen bzw. Fußballerwaden definitiv KEINE Röhrenjeans tragen sollte." - "Also wenn man sich so anzieht muss man sich Kritik anhören müssen. Schrecklich!" - "Haha, zwei neue Kandidaten für die Schublade ,Wir versuchen krampfhaft individuell zu sein‘". Dieser raue Ton, der im Netz herrscht, wird von einigen jungen Frauen als positive feministische Entwicklung verkauft. Als würde sich etwas im Geschlechterverhältnis ändern, wenn sie verbal nur genauso vom Leder ziehen, wie das bisher eher Männern zugeschrieben wurde. Diese kindische Attitüde als feministische Errungenschaft zu preisen, ist nicht nur ärgerlich, sondern vor allem auch falsch. Denn junge Frauen scheinen im Internet gerne mal all die Smartheit und Intelligenz zu verlieren, die sie im wirklichen Leben ausmacht. Ausgerechnet im Netz kehren sie verstärkt zu einer vergangen geglaubten Schulhofmentalität zurück und versichern sich ihrer eigenen Identität, indem sie sich von anderen durch Lästereien und verbale Hiebe abgrenzen. Offensichtlich verstärkt das Internet ausgerechnet die stereotypen Eigenschaften, die besonders unangenehm sind. Aus zivilisierten Frauen werden mitunter unangenehm zickige Avatare, die sich über die sexuellen Präferenzen ihrer Exfreunde in aller Öffentlichkeit lustig machen und sich dabei des Beifalls der ganzen Community sicher sein können. Die Rache der Männer an ihren ehemaligen Liebhaberinnen hat übrigens momentan nur ein Ventil: Auf Schmuddelseiten wie Ex Girlfriend Revenge Pics stellen Männer Nacktfotos ihrer Exfreundinnen aus. Das ist noch ein bisschen schlimmer als "Worst Dude", wird aber immerhin nicht als witzigste Seite seit Erfindung des Internets gefeiert, sondern als das gesehen, was es ist: eine armselige Aktion enttäuschter Liebhaber, die ihre Armseligkeit durch solche Aktionen zementieren.

Text: christina-waechter - Illustration: Katharina Bitzl

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