Frag niemanden nach deinem Weg

Wie es ist, wenn man einem Vorbild begegnet - unsere Autorin hat Marie Pohl getroffen.
mercedes-lauenstein

Marie Pohl hat ein Buch geschrieben. Maries Reise erschien 2002. Mein Vater schenkte es mir im selben Jahr zu Weihnachten. Es beginnt mit den Worten von Rabbi Nachman: „Frage nie jemanden nach deinem Weg, denn es könnte sein, dass du dich sonst nicht verirrst.“ Marie war 20, als sie es verfasste. Sie wollte erfahren, was andere 20-Jährige in ihrem Alter machen. Deshalb machte sie sich auf eine Reise um die Welt. Ich habe das Buch jahrelang benutzt wie andere Leute eine Bibel. Ich habe Zitate daraus entnommen und Freundinnen auf Geburtstagskärtchen geschrieben, ganze Abschnitte laut vorgelesen, auf Kassette aufgenommen und verschenkt. In Maries Geschichten vom Jungsein, vom Leben und vom Suchen und vom Finden gab es auf jede meiner lebenshungrigen Fragen eine weise Antwort. Marie war mein Vorbild, und so wie andere Leute eine Band gründen, weil sie die Beatles bewundern, so wollte ich wegen Marie eines Tages mit dem Schreiben mein Geld verdienen. Ich bin jetzt 22 und etwa so alt wie Marie damals und will wissen, wie es weitergegangen ist mit ihr, nach Seite 345, auf der ihr Buch endet. Bei Google ist bis auf alte Interviews und ein Foto nichts zu finden. Aber ich finde ihre E-Mail-Adresse heraus, schreibe sie an und wir verabreden uns für einen Abend im September in einem Café in Berlin. Eine zierliche Frau im blauen Trenchcoat marschiert auf Blümchenschuhen mit Absatz auf das Café zu. Ich kenne nur die wenigen Aufnahmen, die es von Marie in ihrem Buch gibt. Obwohl sie auf diesen Bildern ganz anders aussieht als hier auf dem Gehweg, erkenne ich sie. Ihr spitzes Gesicht, ihr Blick. Schaut sie mich an? Sie lächelt, aber ich habe das Gefühl, ihre Augen sehen woanders hin. Dann merke ich: Marie schielt ein wenig. Ich stehe auf und strecke ihr meine Hand entgegen. Ich fühle mich doppelt so groß und doppelt so breit wie sie und trotzdem nur halb so selbstsicher. Meine Größe ist mir unangenehm. Trotz ihrer Zierlichkeit wirkt sie so energisch. Sie hat eine Zahnlücke. Noch bevor sie das Buch geschrieben hat, hat sie sich bei der Ernst-Busch Schauspielschule beworben hat. Sie wollten sie nicht, weil, so die Begründung, das mit dem Schielen und die Zahnlücke gar nicht gingen. Da hat sie „Fuck you!“ gesagt und ist gegangen. In der Mitte des Tisches im Café brennt eine Kerze, um uns herum ist es laut. Meine Wangen glühen. Was will ich eigentlich von ihr, frage ich mich. Erhoffe ich mir von ihr so etwas wie den ultimativen Rat, jetzt wo ich am Anfang meines Lebens stehe und mich im Strudel so vieler Grübeleien über mein Leben und die Suche nach dem ,richtigen‘ Weg befinde? Marie erzählt einfach. Mit Wucht. Ihren wilden Gesten aufmerksam zu folgen, ist beinahe so anstrengend wie Sport. Die Antwort darauf, wieso im Internet kaum etwas über sie zu finden ist, ist harmlos. Sie ist einfach noch nicht dazu gekommen, sich eine Webseite oder ein Blog anzulegen und ärgert sich selbst darüber. Wir reden darüber, was passiert ist, seit dem Buch. Kein Studium, keine Ausbildung, die Sachen seien einfach auf sie zugekommen. Zwei Jahre lang hat sie sich nach der Reise in ihrer Berliner Wohnung eingeschlossen, um am Buch zu arbeiten. Sie wollte niemanden sehen, saß nächtelang an den Texten und war selten zufrieden. Als das Buch endlich fertig war, folgten Lesetouren, dann kamen Schreibaufträge von Zeitungen. Später zog sie wieder von Berlin nach New York, die Stadt, für die ihre Eltern ihren Geburtsort Hamburg verließen, als sie zwölf Jahre alt war. In New York widmet sie sich nun wieder ihrer zweiten großen Leidenschaft: der Schauspielerei. In „New York Memories“ wurden sie und ihre Schwester gerade von Rosa von Praunheim portraitiert, außerdem war sie in „David wants to fly“, einem Film ihres Exfreundes David Sieveking zu sehen. Ein zweites Buch erscheint im nächsten Jahr. Marie ist dafür wieder um die Welt gereist, diesmal auf der Suche nach Geistergeschichten. Das Leben als Autodidakt ist hart, weil es einer Menge Disziplin verlangt, sagt Marie. Aber es ist auch ein großer Luxus. „Wenn du frei sein willst, musst du auf dich selbst hören können. Inspiration ist ein unberechenbarer Geist. Kommt er, um dich zu reiten, musst du es zulassen. Auch wenn das heißt, dass du nachts um vier aufstehst um etwas zu schreiben!“ Während Marie das sagt, wölbt sich ihr zierlicher Körper auf und ihre Augen beginnen zu leuchten. „Bei allem, was du tust, muss Leidenschaft dabei sein. Sonst musst du es bleiben lassen, ganz einfach.“ Es geht nicht darum, immer nur zu machen, was Spaß macht, betont Marie. „Es geht darum, das, was du tust, verdammt noch einmal ordentlich zu machen! Bist du Kellner, gib’ keine dreckigen Gabeln heraus. Bist du Arzt, verschreib’ keine Medizin, von der du weißt, dass sie Menschen krank macht. Verstehst du?“ Ihre Augen lodern. Dann lehnt sie sich zurück. „Ich bin eben so. Weißt du, ich glaube an Ideale und ich glaube an die romantische Liebe!“ Sie blättert in der Karte, wir entscheiden uns für Käsekuchen. Bevor wir bestellen, fragt Marie die Kellnerin, wie der Kuchen sei. „Gut“, beteuert die Kellnerin. „Na, komm, jetzt mal ehrlich, wenn er scheiße ist, kannste ruhig sagen!“, fordert Marie so forsch, wie das sonst nur ältere Hamburger Damen können. Da er gut sein soll, bestellen wir ein Stück mit zwei Gabeln. Ohne innezuhalten spricht Marie weiter. „Kennst du nicht dieses Gedicht, von Antonio Machado?“, fragt sie. „Caminante no hay camino sino estelas en la mar“ murmelt sie in perfekt fließendem Spanisch. „Es heißt so etwas wie Wanderer, es gibt keinen Weg, nur Kielwasser, weißt du, das vorbeiziehende Wasser auf dem Segelschiff! Ich habe das mal übersetzt, ich schicke dir das!“

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Illustration: Julia Schubert

Marie, links, und Mercedes Ich frage, wie sie aus heutiger Sicht mit 20 war? „Ich war nie theoretisch. Ich hatte keinen Lebensplan, nur immer spontane Ideen.“ Und natürlich, erzählt sie, hatte sie auch Zweifel. Doch selbst wenn ihre Idee zu „Maries Reise“ damals abgelehnt worden wäre, hätte sie es trotzdem verwirklicht, behauptet sie. „Das Geheimnis zum Erfolg ist nicht die Idee. Mit Ideen sind die Straßen gepflastert. Hier, ich kann dir sofort eine geben, suche ich mir eben eine neue“, sagt sie. Das Wichtige sei es, die Disziplin zu besitzen, eine Idee zu realisieren. „To stick with something“, sagt sie und sieht mich eindringlich an. „Durchhalten und kämpfen, auch in Momenten, die scheiße sind. Wie in jeder Beziehung!“ Bevor Marie los muss, will sie noch eine rauchen. Wir setzen uns draußen an einen Tisch. Plötzlich fragt sie, ob wir noch etwas zusammen essen wollen und hält sich dabei schon das Handy ans Ohr. „Ketuta, wo bist du?“ fragt sie auf Englisch. „Hast du schon gegessen? Ich sitze hier mit einem jungen Mädchen, das du mögen würdest.“ Ketuta ist eine Freundin von Marie. Ich kenne sie, denn sie spielt in ,Maries Reise‘ eine kleine Rolle. Je länger dieser Abend dauert, desto unwirklicher kommt er mir vor. Als sei er ein weiteres Kapitel in Maries Buch, in das ich bloß durch einen merkwürdigen Traum hineingerutscht bin. Ketuta jedenfalls ist schon zu müde, denn es ist bereits kurz vor Mitternacht. Marie führt mich in den „Diener“, eine kleine berlinerische Kneipe gleich um die Ecke. Inmitten von grünen Jägertapeten, schiefen Fotorahmen an den Wänden und groben Männern in staubigen Anzügen bestellen wir Nürnberger Rostbratwürstchen. Marie erzählt mir aus ihrem Alltag, von Männern und Frauen und türkischen Kioskbesitzern, Freunden und der Liebe, sie erzählt von ihren eigenen Vorbildern, von Schriftstellern, Regisseuren, Schauspielern. Als ihr der Name eines Schauspielers, von dem sie erzählen will, nicht einfällt, ruft sie kurzerhand ihren Vater an, der gerade in Wien am Burgtheater spielt, holt sich die Antwort ab und legt wieder auf. Alles in einem Atemzug. Ihre Mutter, das hat Marie früher am Abend erzählt, sei eine aus Rumänien geflohene Zigeunerin. Und das ergibt jetzt irgendwie Sinn, denn es kommt mir so vor, als ob Marie diese heimatlose Rastlosigkeit von ihr vererbt bekommen habe. Die Exzentrik, mit der Marie sich präsentiert, fasziniert mich zwar auf eine Art. Aber ich werde auch das Gefühl nicht los, dass es auf die Dauer furchtbar anstrengend sein muss, so zu leben. Mir wird vom Zuhören schon schwindelig. Als wir gemeinsam zur U-Bahn gehen, ist es beinahe ein Uhr in der Nacht. Die Luft ist kalt, aber ich glühe. Zum Abschied umarmt Marie mich und sagt freundlich: „Komm’ mich doch mal in New York besuchen, ich möchte dir so viel zeigen!“ Dann verschwinden wir in entgegengesetzte Richtungen. Mein Kopf ist so voll, dass ich den Eindruck habe, kaum noch Luft zu bekommen. In der Wohnung eines Freundes angekommen, falle ich ins Bett. Ich schlafe lang und tief und wache am nächsten Morgen so ruhig und zufrieden auf, wie seit Monaten nicht mehr. Als ich am Frühstückstisch in ein Marmeladenbrot beiße, fragt mich mein Gegenüber: „Und? Ist sie jetzt immer noch dein Vorbild? Willst du so werden wie sie?“ Merkwürdig, denke ich kauend. Ich habe das Gefühl, darum geht es jetzt gar nicht mehr. Es war toll, soviel über Marie zu erfahren. Die Leidenschaft, mit der sie ihr Leben lebt, hat mich beeindruckt. Dennoch kommt mir das Treffen vor wie der Teil eines Abnabelungsprozesses. Ich habe festgestellt, dass die Person Marie Pohl mit mir nichts zu tun hat. Mein Weg ist ein ganz anderer als ihrer. Mir ist dieser Spruch von Rabbi Nachman jetzt wieder ganz nah. Man soll nicht nur nicht, man kann auch niemanden nach seinem Weg fragen. Man muss sich selbst verirren. Und darauf habe ich plötzlich große Lust.

Text: mercedes-lauenstein - Foto: Johannes Mengel

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