Franziska Ferdinand

Gut, dass sie damals bei "Pop Idol" rausgeflogen ist: Denn heute ist "Little Boots" die amtlich beglaubigte Pop-Hoffnung Großbritanniens.
jochen-overbeck

Irgendjemand fotografierte sie neulich am Bahnhof, einfach so. Darüber ist Victoria Hesketh, die dieser Tage Little Boots genannt wird, immer noch erstaunt. „Ich wurde richtig böse. Ich verstehe ja, dass man es spannend findet, wenn ich ein Konzert gebe; dass man da dann so etwas wie eine Erinnerung haben möchte. Aber wen interessiert es, wenn ich auf meinen Zug warte?“Offenbar eine ganze Menge Menschen. Und das ist der Teil der Geschichte, der Victoria Angst macht.

Man kann sie da schlecht beruhigen, denn ihre Popularität dürfte in den nächsten Monaten noch einmal zunehmen. Little Boots ist sozusagen die amtlich beglaubigte Hoffnung Pop-Großbritanniens für das laufende Jahr, gewählt von einer BBC-Fachjury, die in den vergangenen Jahren sehr zielsicher agierte und unter anderem die Erfolge von Mika, MGMT und Duffy voraussah.

Wer „Hands“, das in Kürze erscheinende Debütalbum der Britin hört, erkennt rasch, dass diese Jury Recht behalten dürfte. Little Boots schafft es, zwei Dinge zu vermischen. Einmal ist da Elektro-Indiepop mit Synthie-Kante am Start, der natürlich auch von seinen Produzenten lebt. Greg Kurstin (The Bird And The Bee) arbeitete an den Songs, aber auch Joey Goddard von Hot Chip und Jas Shaw von Simian Mobile Disco, zudem findet sich ein Duett mit Philip Oakey von Human League auf dem Album. 

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Illustration: Julia Schubert
Little Boots. 

Aber, viel wichtiger: Jenseits aller Querverweise schreibt Little Boots Songs, die ohne weiteres im Katalog einer Lykke Li, einer Kylie Minogue oder auch von Madonna auftauchen könnten, dabei jedoch deutlich authentischer wirken.

 

Da ist etwa die wunderbare Single „New In Town“. Aus sehr dominanten Synthiehooks schält sich irgendwann eine Hookline, die zu einer wirklich mächtigen Melodie traditionelle Motive des britischen Pop transportiert. Feierei, Ausgehen, Hedonismus maximus. Quasi Franz Ferdinands „Take Me Out“ aus einer weiblichen Perspektive.

Oder „Tune Into My Heart“ mit seinem fast schon einfältigen Pop-Refrain. Ein Song, der irgendwann ein Riesenhit werden könnte und den die Künstlerin so selber erklärt: „Ich hatte bei solchen Songs früher echt oft ein doofes Gefühl. Ich schrieb die, und sie waren mir viel zu cheesy. Ich brauchte eine Weile, um mich da von diesem Indie-Gedanken freizumachen und zu akzeptieren, dass eine Melodie nicht cool, sondern catchy sein muss.“

 

Großartig verbiegen musste sie sich für diese Erkenntnis nicht. „Es ist klar, dass ich zum Beispiel Hot Chip mag. Aber ich finde auch Britney Spears cool. Man muss eben dann bei der Produktion aufpassen, dass man die Balance hält. Poppiger als ich in Songs wie etwa „Remedy“ bin, darf ich nie werden. Auch wenn das die Plattenfirma sicher ganz gerne hätte. Aber dann wäre ich plötzlich auf der falschen Seite.“

Natürlich könnte man das all diese Sätze auch hinter dem üblichen Werbegeschwurbel Popschaffender abheften. Im Falle von Little Boots passt es aber ins Gesamtbild. Denn das, was ihr vor der Unterschrift unter den Plattenvertrag Spaß machte, tut sie noch immer. Sie lädt Videos auf YouTube hoch, die sie an eigenartigen japanischen Elektronikinstrumenten wie dem Tenorium und in ihrem Schlafzimmer zeigen. In Zeiten, in denen YouTube und Co. in erster Linie in ein Gesamtkonzept eingebundene Marketingtools für Videopremieren sein sollen, bereitet das bei ihrem Label vermutlich so manchem Bauchschmerzen.

 

„So richtig steil finden die das nicht, glaube ich. Mittlerweile ist das auch komplizierter geworden. Ich schicke denen die Clips und sie laden sie hoch. Sie wollen’s halt vorher sehen. Wenn es ihnen ein besseres Gefühl gibt, ist es ja in Ordnung. Aber es macht mich manchmal verrückt, weil es im Internet doch um Spontanität geht. Die großartige Sache ist, dass man Dinge schnell hochladen kann. – Ich habe gestern abend etwas im Hotel aufgenommen und hätte das gerne sofort online gestellt. Dass daraus plötzlich ein geschäftlicher Prozess wird, ist einigermaßen grausam.“

 

Um so regelmäßiger nutzt Little Boots ihren Twitter-Account. Wer da ein bisschen nachforscht, erhält nicht nur einen amüsant formulierten Überblick über ihre Aktivitäten, sondern erfährt auch: Sie ist eine der sechs Personen, denen die Pet Shop Boys folgen. Und ja, das hat auch ein bisschen was damit zu tun, dass es vielleicht bald eine Zusammenarbeit geben wird.

 

Die YouTube-Videos waren es übrigens, die Little Boots die ersten Türen öffneten. Sie waren es, die die Redaktion der britischen Talkshow Later . . . With Jools Holland auf Little Boots, damals noch Mitglied der Elektroband Dead Disco, aufmerksam machten. Aber eben auch die amerikanische Blogszene. Was folgte, war so eine Art Indie-Durchbruch. Auftritte bei der CMJ Music Week in New York, ein paar Titel in amerikanischen Magazinen, Zusammenarbeit mit Hot Chip und Metronomy, schließlich die BBC-Umfrage und, damit verbunden, weitere Titelbilder und vor allem jede Menge Anrufe.

 

„Es gab eine Zeit, in der Telefon stündlich klingelte. Jede verdammte Plattenfirma der Welt rief bei mir an“, stöhnt Victoria noch heute. „Und alle wollten sie mit mir ,eine Kleinigkeit essen gehen‘ oder so.“ Dass sie zu der Zeit schon längst einen Vertrag hatte, betrachtet sie im Nachhinein als Glücksfall: „Es muss einen wahnsinnig ablenken, wenn man die ganze Zeit auch noch diesen geschäftlichen Kram stemmen muss“, glaubt sie.

 

Als Little Boots 16 war und noch Victoria Hesketh genannt wurde, nahm sie schon einmal einen Anlauf, bekannt zu werden. Aber auf die andere Art: Sie nahm bei „Pop Idol“ Teil. In der dritten oder vierten Runde flog sie allerdings raus, weshalb sie noch heute, im Nachhinein, drei Kreuze macht. „Gut, dass ich nicht weitergekommen bin. Das wäre der blanke Horror gewesen. Aber damals war ich 16, gefangen in einer öden Kleinstadt in Nordengland. Es schien eine Möglichkeit zu sein. Und ich habe Möglichkeiten immer wahrgenommen.“

 

Im Juni erscheint Little Boots’ erstes Album in Großbritannien, doch zu lesen und zu sehen ist sie jetzt schon im Internet, so etwa auf twitter.com/iamlittleboots. Auf YouTube ist sie hier zu sehen.

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