Frauenmagazine ohne Mode, Kosmetik und Diäten

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Petra Fröhlich,33, ist Chefredakteurin von "Play Vanilla", dem ersten Gaming Magazin für Mädchen. Die 25-jährige Anke Eberhardt ist Chefredakteurin des "Spare Magazins", einer Snowboard-Zeitschrift für Mädchen. jetzt.de sprach mit ihnen über Rollenbilder. Super Idee, Mädchenmagazine zu Jungshobbys zu machen. Wer hatte die Idee? Petra: 2005 wurde die Computec Media AG, wo ich seit 15 Jahren arbeite, von der Marquard-Gruppe übernommen. Der neue Geschäftsführer kam gleich mit der Idee durch die Tür: Ein Spielemagazin mit dem Look und der Ansprache einer Joy. Ich bin seit 2000 Chefredakteurin von PC Games und mir kam der Gedanke zunächst vollkommen wahnsinnig vor. Aber bald stellten wir fest, dass die Hersteller versuchen, im Frauensegment Fuß zu fassen. Anke: Bei uns war das ähnlich. Nicht wir haben gesagt, wir müssen jetzt was für Mädchen machen, sondern der Snowboardmarkt. Die merkten: Hey, Mädchen kaufen sich schneller mal eine neue Jacke. Die Idee für unser Magazin kam von meinen männlichen Chefs und ich dachte zuerst auch, damit will ich nichts zu tun haben! Wieso das? Wovor hattet ihr Angst? Anke: Das Thema Mädchen wurde in der Snowboardszene oft unmöglich behandelt. Sobald es in den Magazinen um Frauen ging, hatte es den Charme einer Behindertenquote und auch der Stil war überhaupt nicht meiner. Bretter und Klamotten waren für Mädchen, wenn sie pink waren oder mit Blümchen verziert. Das entsprach der Vorstellung, die Einkäufer von Frauengeschmack hatten. Ich wollte kein pinkes Magazin machen. Aber irgendwann kam Cornelia, der anderen Hälfte von Spare, und mir der Gedanke: Lass es uns anders machen und eben nicht auf der Girlyschiene fahren. Petra: In der Spieleindustrie ist es genauso. Wenn die Männer was für Frauen machen, endet das bei einer pinkfarbenen Playstation.

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Illustration: Julia Schubert

Petra (li) und Anke Und wie ticken eure Leserinnen wirklich? Wisst ihr das? Petra: Wir haben eine konkrete Vorstellung von unseren Leserinnen, durch Marktforschungsergebnisse. Sie sind nicht wie ich, ich bin bei den klassischen Spielemagazinen zu Hause. Wir wollen die Frauen als Leserinnen, die zum Beispiel an Weihnachten mal angefangen haben zu spielen und jetzt wissen wollen, was es eigentlich noch so gibt für ihre Konsole. Mein Idealbild ist Eva Briegel, die Sängerin von Juli. Die spielt mit großer Begeisterung Playstation Portable auf Tour und mag Geschicklichkeitsspiele. Aber sie sagte uns, sie stehe im Kaufhaus vor den riesigen Spieleregalen und hat keine Ahnung, was für sie okay wäre. Sie ist genau die Leserin, die wir wollen. Anke: Wir kennen unsere Leserinnen nicht aus Analysen. Wir sind aber automatisch bei unserer Zielgruppe, weil wir nicht alleine am Kiosk stehen. Wir erscheinen zwei Mal im Jahr zusammen mit dem Pleasure-Magazin. Wir haben aber schon recht konkrete Vorstellungen, für wen wir schreiben: sowohl für Mädchen, die schon seit zehn Jahren fahren, als auch für die, die nur zweimal im Jahr fahren können. Das Heft soll 13-Jährige genauso ansprechen wie 29-Jährige. Auf jeden Fall aber abseits des vorhandenen Klischees des Kichermädchens. Wir kriegen viele Zuschriften von Mädchen, die dankbar sind, dass wir zeigen, dass „für Frauen“ nicht gleichbedeutend mit minderer Qualität ist. Was, glaubt ihr, könnt ihr in euren Szenen verändern? Anke: Wir geben den Fahrerinnen die Möglichkeit, ihr Können zu zeigen. In normalen Magazinen kann man froh sein, wenn einmal im Jahr ein Bild oder Interview mit einem Mädchen abgedruckt wird. Wenn wir viele tolle Snowboarderinnen abdrucken, ist das auch eine Motivation für junge Mädchen. Sie sehen, dass sie das auch erreichten können. Petra: Wir maßen uns nicht an, die Leute verdrehen zu wollen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass in Zukunft mehr Frauen Counterstrike spielen werden, vielleicht ist das genetisch bedingt. Es gibt eben klassische Genres, die Männer und Frauen unterschiedlich ansprechen. Die wirklich erfolgreichen Spiele erreichen beide. Anke: Es wird immer Hobbys geben, die typisch männlich oder weiblich besetzt sind. Aber heute steht es jedem frei, womit er sich beschäftigt. Es ist auch für Mädchen okay, vor dem Computer zu sitzen und zu spielen oder sich eine etwas weitere Hose anzuziehen und auf den Berg zu steigen. Würdet ihr euch als Feministinnen bezeichnen? Anke: Nein. Petra: Überhaupt nicht. Warum nicht? Alles, was ihr erzählt, klingt sehr ambitioniert. Petra: Wir versuchen nur, Klischees so weit wie möglich zu umgehen. Aber damit sind keine höheren Ziele oder eine Revolution verbunden, sondern nur der Weg in die Normalität. Es muss in Frauenzeitschriften nicht immer nur um Mode, Kosmetik und Diäten gehen, wie es seit 50 Jahren der Fall ist. Anke: Man muss sich das nicht auf die Fahne schreiben, sondern einfach loslegen. Natürlich bauen wir alle auf den Errungenschaften der Emanzipation auf, aber so lange es nicht um das Lohnniveau geht, ist Feminismus für mich kein Thema. Uns ist wichtig, die Frauenmagazinschiene zu vermeiden. Ich habe mir noch nie eine Frauenzeitschrift gekauft, weil ich das Bild von uns als gehirnamputierte Style-Idioten furchtbar finde. Petra: Natürlich haben klassische Frauenmagazine großen Erfolg. Die meisten haben eine doppelt so hohe Auflage wie wir. Da wird man schon neidisch. Hattet ihr schon mal Probleme bei eurem Job in diesen männerdominierten Szenen? Anke: Als wir von den Fotografen Bilder wollten, haben wir anfangs nur Schrottfotos von schlechten Tricks bekommen. Die dachten, das Argument Frau reicht und Trick und Können sind zweitrangig. Die Fotos sind bei uns alle in der Tonne gelandet. Da müssen wir hart bleiben, weil sonst ein falsches Bild entsteht. Im Nachhinein ist die Resonanz aber durchweg positiv. Auch bei den interviewten Künstlern. Die haben gesehen, dass wir ein hochwertiges Heft machen. Jetzt stellt niemand mehr komische Fragen. Viel schwieriger ist es, den Lifestyle- oder Modekunden zu erklären, was wir eigentlich machen. Sie finden es zwar gut, aber es ist nie sicher, ob sie dafür auch ihr Werbebudget ausgeben. Petra: Ein Marketingleiter sagte neulich zu mir: Dass ich das Produkt interessant finde, heißt noch lange nicht, dass ich darin Anzeigen schalte. Wir sind innerhalb unseres Verlages ein Exot inmitten der Fachmagazine. Das bedeutet aber nicht, dass ich in der Redaktionskonferenz schiefe Blicke ernte. Welche Überlebenschance haben denn dann eure Magazine überhaupt? Petra: Für jede Façon gibt es ein eigenes Produkt, so wie Play Vanilla. Endgültig werden wir über die Zukunft des Hefts im Herbst entscheiden. Anke: Es gibt zwar viele Frauen, die tatsächlich nur was über den neuesten Sommerschuhtrend lesen wollen. Aber genauso wird es auch immer Frauen geben, die unser Magazin lesen. Für jede Sparte gibt es das entsprechende Produkt. Ich empfinde das als sehr wertvoll. Deswegen bin ich optimistisch.

Text: susanne-klingner - und michael-moorstedt

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