Freiwilliges soziales Paar

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Tobias, 19, ist Zivildienstleistender an der Bayerischen Landesschule für Körperbehinderte in München. Jeden Tag macht er Julian, 17, bettfertig. Julian hat Muskeldystrophie Typ Duchenne. Tobias: Ich kümmere mich im Internat zum Beispiel um den Haushalt und ums Essen – und um Julian. Ihm muss ich ein bißchen beim Löffeln helfen. Julian: Geschnittenes geht gut, Suppe geht schlecht. Da spielt Tobias meine Muskeln. Tobias: Ich muss sagen, ich hab’ mir die Arbeit mit Behinderten schon etwa so vorgestellt. Auch wenn der Eingriff in die Intimsphäre extrem ist – beim Waschen fragst du dich zu Beginn schon, ob das jetzt nicht unangenehm ist. Julian: Mittlerweile unterhalten wir uns aber ganz locker beim Waschen. Über Zimmergenossen, über Frauen . . . Tobias: So fast zwei Stunden dauert es schon jeden Tag – Essen, Bettbringen. Julian: Ich glaube, mittlerweile waren es schon an die 30 Zivis, die mich in den verschiedenen Einrichtungen betreut haben. Eine echte Freundschaft baust du aber nur zu manchen auf. Mit einem Zivi gehe ich heute noch auf Konzerte. Tobias: Wir gehen aber auch! Bullet for my Valentine zum Beispiel. Julian: Bei den Ärzten in der Olympiahalle waren wir. Und bei Dreamtheater – meine absolute Lieblingsband. Tobias: Ich kannte die ja vorher nicht. Aber jetzt . . . Julian: Man baut schon so ’ne Art Freundschaft auf. Ich empfind’s zumindest so. Tobias: Auf jeden Fall. Wie es aussieht, werde ich den Zivildienst wohl auch verlängern. Bis Ende des Jahres. Julian: grinst Tobias: Weil’s mir echt gefällt.


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Illustration: Julia Schubert

Veronika, 20, macht ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im „Lichtblick Hasenbergl“. Dort werden Kinder und Jugendliche betreut, die unter schwierigen Bedingungen in Notunterkünften oder angrenzenden Sozialwohnungen aufwachsen. Khoumba, 12, (im Bild rechts) und Aliyah, 10, (Mitte) möchten Veronika gerne verkuppeln. Khoumba: Veronika spielt mit uns, macht mit uns Hausaufgaben und tobt mit uns auf der Matte rum. Veronika: Toben auf der Matte ist ja eigentlich verboten. Aliyah: Sie ist der Power-Ranger! Veronika: Der Einzelkämpfer, der gegen alle antreten muss. Khoumba: Sie ist cool. Veronika: Die beiden wollen uns FSJler verkuppeln – seit wir Fasching eine „Scheinhochzeit“ gefeiert haben. Khoumba und Aliyah: kichern Veronika: Die beiden sind schon sehr lustig. – Habt ihr eigentlich eure Hausaufgaben schon gemacht? Khoumba und Aliyah: kichern nicht mehr


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Illustration: Julia Schubert

Johann, 19, ist FSJler beim Münchenstift im Haus Rümannstraße. Mit Hubert Endl, 89, spielt er Schach. Hubert: Er holt mich, er betreut mich, Johann ist das Mädchen für alles. Johann: Der Junge für alles, bitte. Hubert: Wir spielen fast jeden Tag Schach – wenn’s denn klappt. Johann: Zwischendurch muss ich immer für so Kleinigkeiten weg. Herr Endl ist übrigens der Bessere von uns beiden! Hubert: 52 Spiele, bisher. Johann: Ein Mal habe ich gewonnen– weil Herr Endl freiwillig aufgegeben hat. Hubert: Wenn er immer unterbrochen wird, leidet auch sein Spiel darunter. Johann: Aber ein Mal haben wir richtig lang gespielt. Zwei Stunden! Hubert: Das war toll!


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Illustration: Julia Schubert

Julia, 19, macht ein Freiwilliges Soziales Jahr an der Landesschule für Körperbehinderte in München. Jeden Morgen hilft sie Vroni, 18, die eine Tetraspastik hat. Vroni: Julia holt mich aus dem Bett. Julia: So gegen 6.45 Uhr. Um die Zeit quatscht sie mir schon ein Ohr ab . . . Vroni: lacht Julia: Anfangs dachte ich ja, Vroni sei eine Schüchterne. Aber von wegen! Einmal meinte sie: „Na, probier’ das doch noch mal mit dem Anziehen“. Vom dritten Tag an habe ich die Vroni alleine gemacht und sie seitdem ganz gut kennen gelernt. Sie hat eine Eigenschaft, die mir manchmal abgeht: Sie strahlt so eine Fröhlichkeit aus. Wirklich, sie ist so ein Sonnenschein. Und sensibel. Wenn ich mich, noch ganz träge, am Morgen zu ihr auf den Bettrand setze, dann . . . Vroni: . . . streichle ich ihren Rücken. Julia: Ohne viel zu sagen. Vroni: lächelt


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Illustration: Julia Schubert

Ira Redchyts, 21, macht ein FSJ beim Münchenstift im Haus Rümannstraße. Anna Endner, 90, hat Irina ins Herz geschlossen. Irina: Meine Oma! In meiner Kindheit hatte ich immer meine Oma in der Nähe. Vielleicht kümmere ich mich deshalb so gern um alte Leute. Anna: Irina war so lieb von Anfang an. Irina: Von zehn bis halb eins ist Beschäftigung. Gymnastik, Kegeln im Flur, Ballspielen mit Luftballons. Anna: Und neulich haben wir hübsche Pantöffelchen gemacht! Irina: Frau Endner ist so etwas wie – der Ersatz für Oma. Anna: Die Irina soll mir bitte nicht von hier weg gehen! Sie hat auch so ein warmes Gesicht. Irina: Jetzt werde ich rot, Frau Endner! Anna: Sie ersetzt mir gar den Friseur. Irina: Aber nur zum Volumen machen! Schneiden tu ich nur die Nägel. Anna: Ich hab’ sie lieb gewonnen. Als ob sie meine Tochter wäre.

Text: peter-wagner - Fotos: Jürgen Stein

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