Freunde fürs Leben

Er hat zwei Menschen getötet – jetzt soll er selbst sterben: Obie Weathers sitzt in Texas im Todestrakt. Marie ist seine Brieffreundin
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Es sind Semesterferien. Während meine Freunde für die Zwischenprüfung lernen oder am Strand liegen, sitze ich hinter meterhohen Stacheldrahtzäunen. Ich verbringe meinen Urlaub im Knast – und wenn Leute mich fragen, was ich dort suche, kann ich nur eine Antwort geben: Ich besuche einen Freund.

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Illustration: Julia Schubert

Hinter Stacheldraht und von Wachtürmen wie diesem beobachtet verbringt Marie ihre Ferien. Obie Weathers ist ein Freund, der auch ein Mörder ist. Ein Freund, den ich über eine Brieffreundschafts-Annonce kennenlernte und dessen Schicksal mich nicht mehr loslässt, seit ich im Januar 2006 den ersten Brief an ihn schrieb. Ich hatte mich schon lange mit der Todesstrafe beschäftigt und angefangen, mich für amnesty international zu engagieren. Ich glaubte, das Thema durch den Kontakt zu einem Betroffenen besser verstehen zu können und fand in Obie Weathers eine Person, die mir vermutlich ähnlicher ist als die meisten Freunde in meiner Welt zuhause. Schon sein erster Brief berührte mich: „Schreiben bewahrt mich davor, verrückt zu werden. Es lässt mich atmen, also auch leben. An diesem Ort, wo die einzige Verbindung zur freien Welt da draußen meine Worte sind, habe ich gelernt, sie als entscheidende Antriebskraft meines Lebens zu verstehen.“ Manche Briefe waren zehn, einige 20 Seiten lang. Ich schrieb vom Uni-Alltag und Liebeskummer oder der Fußball-WM, schickte Fotos aus dem Urlaub und zitierte aus Lieblingssongs. Obie schrieb vom Leben auf sechs Quadratmetern, vom Genuss, einmal täglich für eine Stunde aus der Zelle zu dürfen – und von Freunden, die bereits hingerichtet worden waren. Wir diskutierten über Politik, Philosophie, Literatur, rissen Witze oder zogen uns aus seelischen Dreckslöchern heraus. Was man mit Freunden eben so macht. Und wir sprachen über seine Vergangenheit. Er erzählte mir von einem Leben, das ich bis dahin nur aus amerikanischen Ghetto-Filmen kannte: Drogenhandel, Teenager-Schwangerschaften und Drive-by-Shootings vor der Haustür. Irgendwo dazwischen der junge Obie, ein kleinkrimineller Kiffer aus der Eastside von San Antonio, der sagt, dass er weiße Menschen hasst. Weil die einzigen Weißen, die er kennt, Lehrer, Polizisten und Politiker sind, die versuchen, ihn klein zu halten. Ein normaler Jugendlicher, der sein Geld mit Jobs im Fast Food-Restaurant und Callcenter verdient. Der mit 15 anfängt, sich auch anderweitig Geld zu beschaffen, um sich damit den Respekt seiner älteren Freunde zu verdienen.

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Illustration: Julia Schubert

Obie Weathers Zwei Morde in 24 Stunden Bei einem Einbruch findet er eine Pistole und steckt sie ein. Beim nächsten Einbruch schießt er, weil er im Dunkeln eine Stimme hört. Er trifft eine alte Frau in den Arm, sie wird später sterben. Geld hat sie kaum. Also geht er am nächsten Tag noch einmal los, läuft mit gezogener Waffe in eine Bar, raubt die Kasse aus, will gehen – und wird aufgehalten. Im Handgemenge droht ihm die Kontrolle zu entgleiten, in Panik schießt er. Auch dieser Mann wird später sterben. Innerhalb von 24 Stunden ist Obie zum Doppelmörder geworden. Da ist er gerade 18. Er schreibt: „Die Gründe für meine Taten? Ich war verloren, dumm und ignorant. Es gibt keine Erklärung für das, was ich getan habe, es war einfach sinnlos. Ich möchte nicht, dass das ‚kalt' klingt, aber ich weiß, dass es leider die Wahrheit ist: Ich dachte damals, ich könnte tun und lassen, was ich will – aber das Leben hat mir gezeigt, dass ich im Unrecht war.“ Ein Jahr nach diesem Brief biege ich mit einem geliehenen Auto in die Einfahrt zum Gefängnis ein. Es war bald klar gewesen, dass ich ihn besuchen würde. Weil ich den Gedanken nicht aushielt, eines Tages zu lesen: „Mörder hingerichtet“ – wissend, dass sich hinter diesem Mörder ein Freund versteckt, den ich niemals lebend habe sehen können. Als ich nun das graue Gefängnis sehe, das sich gegen den blauen Himmel abhebt, frage ich mich dennoch, was mich hierher verschlagen hat. „Noch nie in einer deutschen JVA gewesen, aber Ferien im texanischen Todestrakt machen“, denke ich mir. Ein Wachmann kontrolliert mein Auto, ich muss durch einen Metalldetektor treten, meinen Pass abgeben. Alles, was ich bei mir habe, steckt in einer durchsichtigen Plastiktüte: mein Rückflugticket, der Autoschlüssel, 20 Dollar in Münzen. Mehr ist nicht erlaubt. Eine Wärterin nimmt meine Daten auf. Ein kurzes Nicken, ich stehe auf Obies Besucherliste. Die Frau reicht mir ein Schild: „DR“ steht da drauf, für Death Row – Todestrakt. Und „Visitor No. 6“. Dann drückt sie einen Knopf und die erste der sechs Türen, die ich passieren muss, öffnet sich mit einem leisen Summen. Im Besucherraum ist es kalt, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Vor einer Scheibe nehme ich Platz, links und rechts abgeschirmt von anderen Besuchern, die durch Telefonhörer mit Häftlingen sprechen. Ich blicke in einen leeren kleinen Raum, einen Käfig vielmehr, kaum mannshoch, gerademal genug Platz für einen Stuhl. Obie ist noch nicht da. Eine Stunde vergeht, dann bringen sie ihn. Zwei Wärterinnen führen Obie durch einen Gang zur Besuchskabine. Er ist groß und breitschultrig, der ärmellose Häftlings-Overall gibt den Blick frei auf muskulöse Oberarme. Ich stehe auf, lege eine Hand zum Gruß auf die Scheibe, lächle unsicher. Obie guckt mich aus großen Augen an, verzieht keine Miene. Sein Blick weicht keine Sekunde von mir, während die Wärterinnen den Raum aufschließen, er leicht geduckt eintritt und wieder eingeschlossen wird. Ich greife nach dem Hörer, vergesse, dass ihm noch Handschellen angelegt sind. Ich setze mich wieder hin und fühle mich wie in einer Blind Date-Show. Obie geht in die Knie und lässt sich durch einen Schlitz in der Tür die Fesseln abnehmen. Noch immer schaut er mir in die Augen, seine Blicke bohren sich in meine Pupillen. Er wischt den Hörer an seinem Overall ab. Dann spricht er – eine tiefe, warme Stimme. „Hi, what’s up!“ Endlich lächelt er. Ich merke, wie die Anspannung von mir abfällt.

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Illustration: Julia Schubert

Das Gefängnis hat auch einen eigenen Friedhof Die ersten Sätze plätschern dahin, vorsichtiges Abtasten mit Worten. Es ist merkwürdig ihn zu sehen – einen Menschen, den man im Laufe eines Jahres so gut kennengelernt hat und dessen Gegenwart einem dennoch fremd ist. Wir müssen uns erst aneinander gewöhnen, aber Obie stellt schnell Vertrautheit her. Er spricht, wie er schreibt: in durchdachten, selbstreflektierten, wohlformulierten Sätzen. Man merkt ihm an, dass er Zeit hat, über sich und andere Menschen nachzudenken. Mein Besuch ist Entspannung für Obie, weil er für einen Moment der Isolation entfliehen kann, die seit sieben Jahren sein Leben bestimmt. Kommunizieren kann er normalerweise nur schreiend, von Zelle zu Zelle, gemeinsamen Hofgang mit anderen Häftlingen gibt es nicht. Auch keinen Gemeinschaftsraum, keine Arbeit, keinen Fernseher. Menschliche Berührung spürt Obie nur, wenn eine Hand ihm Essen durch einen Schlitz in der Tür schiebt, ihm Handschellen anlegt oder die Pobacken zum „Strip Search“ spreizt. Selbst seine Mutter wird ihn erst wieder berühren können, wenn sie seinen Leichnam in Empfang nimmt. Wie sehr ihm der physische Kontakt fehlt, merke ich, als er sich einmal blitzschnell umdreht und die Finger an die vergitterte Tür presst, um einen Freund zu berühren, der in die Zelle neben ihm geführt wird. Während wir sprechen, gestikuliert er viel, berührt sein Gesicht, faltet die Hände, als wolle er sich seiner Lebendigkeit vergewissern. Der erste Besuch vergeht wie im Flug. Als ich aus dem klimatisierten Gefängnis trete, empfängt mich die heiße texanische Luft mit schwüler Wucht. Überwältigt von den vielen Eindrücken rase ich in durch eine emotionale Achterbahn und weiß nicht, ob es mich nicht bald schon aus der Kurve schmeißen wird. Seit ich Obie kenne, stehe ich in einem ständigen Konflikt mit mir. Traurig und entsetzt über das, was er getan hat, kann ich doch nicht umhin, seine anderen Seiten zu sehen. Der Obie, den ich kenne, ist kein schlechter Mensch. Doch der Schatten seiner Taten fällt auf die gemeinsame Gegenwart und zwingt mich zur ständigen Rechtfertigung. „Wie kannst du dich auf die Seite eines Täters stellen?“, werde ich oft gefragt – als würde ich durch meine Freundschaft zu ihm auch seine Fehler gutheißen. Als würden wir nicht ständig über seine gewalttätige Vergangenheit sprechen und uns die Situation seiner Opfer ins Bewusstsein rufen. Aber je mehr ich über ihn weiß, desto ratloser werde ich. Würde ich genauso mit ihm befreundet sein können, wenn er ein Kindsmörder wäre? Wäre ich noch in Kontakt mit ihm, hätte ich ihn vor seinen Taten gekannt? Ohne auszublenden, dass er eine gerechte Strafe verdient hat, bleibt mir der Sinn verschlossen, den sein Tod erfüllen soll. Ein Gedanke ist unumgänglich: Was würde ich sagen, wenn er mich fragt, ob ich seiner Hinrichtung beiwohne? Könnte ich es verkraften, einen Freund sterben zu sehen? Doch Obie lebt noch. Und bei meinen nächsten Besuchen merke ich, wie sehr er am Leben hängt. Unsere Gesprächsthemen lassen einen manchmal fast die äußeren Umstände vergessen; dann ist Obie nur ein 26-Jähriger. Er erzählt, dass er seinen High-School-Abschluss nachholen und danach studieren möchte. Er habe angefangen, Swahili zu lernen und schreibe an einer Autobiografie, um sich selbst besser kennenzulernen und um der Welt zu zeigen, dass er mehr ist als das Monster, für das man ihn hält. Kürzlich ist ein Gedichtband erschienen, mit dem er sich Geld für seine letzte Berufungsmöglichkeit zu verdienen erhofft. Er schmiedet Pläne für die Zukunft – ohne zu wissen, ob er sie jemals erreichen wird. Vor kurzem habe er Dostojewskis „Schuld und Sühne“ gelesen, sagt er. Es sei anstrengend gewesen, weil sich in der komplexen Schreibweise die Anstrengungen des Protagonisten offenbaren, sich seiner Schuld bewusst zu werden. Eine Anstrengung, die er nur zu gut kennt. Er sagt, er habe in letzter Zeit häufig darüber nachgedacht, die Angehörigen seiner Opfer zu kontaktieren. Doch solange sie sich nicht selbst an ihn wenden, sei ihm das gesetzlich verboten. „Mein eigener Blickwinkel auf das, was ich getan habe, richtet sich nicht so sehr auf das, was passiert ist und nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Ich überlege lieber, was ich tun kann, um weiteres Leid zu verhindern. Die Angehörigen meiner Opfer leben noch, darauf liegt mein Fokus. Meine Familie und Freunde, die ganze Welt um mich ist lebendig, darauf richten sich meine Bemühungen. Ja, ich habe zwei Menschen getötet. Das tut mir wahnsinnig leid. Aber ich muss nach vorne schauen – was bleibt mir anderes übrig?“ Nach vorne schauen – wissend, dass es die letzten Jahre seines Lebens sind: Ich bewundere Obie für seine Kraft. Und doch gibt es Momente, in denen die Angst vor dem, was kommt, ihn lähmt. Ich sehe sie in seinen Augen, die, selbst wenn er lacht, einsam und traurig sind. Und er spricht davon in seinen Gedichten: „Der kalte Atem des Todes spannt die Haut meines Nackens an und lässt mich frösteln – jeden Tag.“ Es quält ihn, zu wissen, welche Belastung seine Situation für seine Familie ist. Wissend, dass auch mich der Gedanke an seinen Tod ängstigt, vermeidet er es, während meiner Besuche darauf zu sprechen zu kommen. Wir umschiffen das Thema, obwohl es ständig präsent ist. Machen uns Hoffnung, dass seine letzte Berufungsmöglichkeit Erfolg haben wird. Und selbst wenn das Wort Tod fällt, so nur in Verbindung mit seinem Gegenstück: Leben.

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Illustration: Julia Schubert

„Auf Wiedersehen“ Dann geht plötzlich alles ganz schnell. „Noch fünf Minuten“, sagt die Wärterin. Wir schauen uns hilflos an, mitten aus dem Satz gerissen. Wie sagt man jemandem „Auf Wiedersehen“, wenn man nicht weiß, ob man ihn nochmals lebend sehen wird? Ich habe einen Kloß im Hals, versuche eine fröhliche Fassade aufrecht zu halten. Erfolglos. „Kopf hoch!“, sagt Obie. Wir legen die Hände auf die Scheibe, schauen uns lange an. Dann drehe ich mich um und gehe. Ich möchte nicht, dass Obie mich weinen sieht und weiß doch, dass er die Tränen in meinen Augen längst gesehen hat. Kaum habe ich das Gefängnis verlassen, fahre ich fluchtartig davon. Ich drücke auf’s Gas, öffne die Fenster. Der Fahrtwind trocknet die letzten Tränen. Die Musik ist aufgedreht, ich singe mit und bleibe an dieser einen Liedzeile hängen, schreie sie heraus: „I’ll be here for you! I’ll be here for you!“ Denn wir sind Freunde für’s Leben – was immer das auch heißen mag. marie-sophie-piltz.jetzt.de Marie Sophie hat diesen Text zuerst hier im Kosmos veröffentlicht.

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