Früher Fußball, jetzt Kalaschnikow

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Ich wusste nichts davon, bis vor einer Woche. Ich lag Sonntagmorgen noch müde mit dem Laptop auf dem Schoß im Bett, als ich eine Email von einem guten Freund empfing. Er fragte mich, ob „dieser Yassin“, mit dem ich früher zusammen Fußball gespielt und in eine Klasse auf dem Gymnasium gegangen bin, mit Nachnamen Chouka hieße. Wenn ja, so mein Freund, dann wäre dieser Yassin jetzt ein „krasser Terrorist“.
  Klar erinnere ich mich an Yassin und ja, er hieß mit Nachnamen Chouka: charmanter Klassenkasper, schon früh hochgewachsen, Stoffwechselüberfunktion, Rückennummer Acht, wir waren die Flügelzange, er rechts, ich links – Robben und Ribery der D-Jugend vom SC Fortuna Bonn, nur in schöner. Auf Spiegel Online, mehr als zehn Jahre später, fand ich dann einen anderen Yassin Chouka. Er nennt sich jetzt Abu Ibrahim, lebt im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan und gehört der militanten „Islamischen Bewegung Usbekistans“ (IBU) an. Im Internet meldet er sich regelmäßig mit Videobotschaften auf Deutsch zu Wort, zuletzt vor zwei Wochen. In dem Video ruft Yassin unter anderem dazu auf, die Mitglieder von Pro NRW „alle zu töten.“ Seitdem ermittelt der Generalbundesanwalt gegen ihn, wegen Anstiftung einer Straftat. Ein internationaler Haftbefehl liegt schon länger gegen ihn vor. Er wird unter anderem für die Entführung eines Schweizer Touristenpaares mitverantwortlich gemacht. 

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



  Ich würde gerne schreiben, dass ich im ersten Moment fassungslos war, dass ich an seine lieben Eltern denken musste und wie schrecklich das alles ist. Aber mich packte zunächst eine boulevardeske Lust. Ich las über Abu Ibrahim, was ich finden konnte, so wie andere Berichte über königliche Hochzeiten konsumieren. Ich wollte unbedingt diese erwähnte Videobotschaft sehen, suchte lange und fand nichts außer Zitaten. Ich war skandalgeil, begleitet von der Frage, die bis jetzt viel Platz einnimmt: Wie zur Hölle konnte das passieren? Ich postete den jüngsten Spiegel Online-Artikel über Yassin auf Facebook und überschrieb ihn mit „Was so aus alten Klassen- und Mannschaftskameraden wird.“ In den Kommentaren fragte man mich, „echt jetzt?“ oder schrieb „krass“. Meine Eltern meldeten sich bei mir. Sie benutzten Formulierungen wie „Ich bin tief getroffen“ und „Wie schrecklich das für seine Eltern sein muss.“ Ein Freund schrieb mir, dass Yassins älterer Bruder Mounir in Mathe neben ihm gesessen habe und sein „Gras-Mann“ in Bonn gewesen sei – es ist der Mounir, der mit Yassin bei der IBU aktiv ist und laut Medienberichten im vergangenen Herbst bei einem Drohnenangriff schwer verletzt wurde.
  Erst später hielt ich inne und dachte an Yassin und an mich, an gemeinsame Erinnerungen. Vor mir lief ein Film ab, in dem viele Ascheplätze in der rheinischen Provinz vorkamen, Samstagnachmittage in Witterschlick und Heimerzheim, Schweißgeruch aus Fußballschuhen von pubertierenden Jungs, Kotelett als Mahlzeit zwischen Turnierspielen im Sommer. Ich sah uns wieder als Dreizehnjährige in der Badewanne meiner Eltern sitzen, wir hatten Badehosen an und meine Mutter lachte uns zu Recht dafür aus. Ich sah uns später, nach meiner Fußballzeit, kiffend auf Klassenfahrt am Ijsellmeer sitzen und den ganzen Tag bei bedecktem Himmel Sonnenbrillen tragen, um unsere roten Augen zu verbergen. 

  Es stimmt, was man im Internet über ihn liest. Er war beliebt, so sehr sogar, dass er in der achten Klasse Visitenkarten von sich auf dem Schulhof verteilte. Als halbwegs cooler Junge wollte man ihm gefallen. Er kam wie ich aus dem kleinbürgerlichen Bonn-Kessenich, er nannte es „K-Town“. Er wurde nicht religiös erzogen, das Fasten während des Ramadan nutze er bloß, um sich interessanter zu machen. Schalk in den Augen und Unmengen Unfug im Kopf, das war der Yassin Chouka, den ich kannte. Nach der zehnten Klasse zog ich weg, wir verloren uns aus den Augen. Bis zu diesem Sonntag, bis mir Yassin als Abu Ibrahim aus Fotos entgegenblickte, mit Kriegeraugen. 

  Ich frage mich, ob er manchmal noch daran denkt, an die Ascheplätze und das Ijsellmeer. Vielleicht wenn die Drohnen kommen? Und ich finde keine Antwort auf die Frage, wie das geht, wie ein Junge wie Yassin so werden kann. Ich habe keine Angst vor Anschlägen in Deutschland, ich habe keine Angst vor Abu Ibrahim und doch lässt mich diese Geschichte angsterfüllt zurück. Es macht mir Angst, dass anscheinend jeder Mensch ein Fanatiker werden kann. Egal, wo er herkommt. 

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