Für Zocker und Zombies: Ein neuer Verein in München kämpft gegen das schlechte Image der „Daddler“

Sie sollen Auslöser für brutale Schlägereien und Amokläufe sein, junge Menschen verblöden und in die soziale Isolation führen – Spiele für Computer und Konsolen. Der Münchner Verein „Videospielkultur“ hat sich aufgemacht, das Bild der Computerspieler zu verbessern. Am kommenden Donnerstag startet der Verein eine Vortragsreihe mit dem Thema „kultureller Wert von Videospielen“ in der MediaDesign Hochschule. Tobias Wildner, Projektmanager von „Videospielkultur“ erklärt, was damit gemeint ist.
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Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: Euer Verein bezeichnet Computerspiele als wertvolles Kulturgut. Warum? Tobias: Computerspiele bedeuten inzwischen für sehr viele Menschen ein Stück Alltag. Die Spieler sind längst nicht mehr nur 16-jährige, die im Keller sitzen und zocken, sondern durchaus auch Leute, die 50 oder älter sind und im Beruf stehen. Eine ganze Generation ist mit Videospielen groß geworden. Somit sind diese Spiele ganz sicher ein Teil unserer Kultur. jetzt.muenchen: Aber welchen kulturellen Wert haben diese Videospiele? Tobias: Viele Titel sind mehr Kunst als Spiel. Wenn man sich heute die aktuellen Spiele ansieht, fällt auf, wieviel sich dabei um Graphik und Sound dreht – ich würde schon sagen, dass man das als Kunst bezeichnen kann. Und bei den Herstellern und Programmierern solcher Spiele ist sehr viel kreative Eigenleistung und künstlerische Begabung gefragt. Programmierer sind auf ihre Art Künstler. jetzt.muenchen: In den aktuellen Spielecharts finden sich Titel wie „Dead rising“ oder „Dead or Alive“ ganz oben. Haben diese Spiele den künstlerischen Wert, von dem du sprichst? Tobias: Das ist eine Geschmacksfrage. „Dead rising“ ist ein Ego-Shooter mit Zombies. Es gibt aber auch Leute, die Zombiefilme als künstlerisch sinnvoll ansehen. Zum Großteil geht es bei diesen Spielen natürlich um Unterhaltung. Die Leute sollen Spaß haben und sich dabei mit einem Thema genauer auseinandersetzen, das sie eben gerade interessiert. jetzt.muenchen: Naja, bei „Dead or Alive“ wird zum Beispiel geprügelt. Mit welchem Thema setze ich mich denn in diesem Spiel auseinander? Tobias: Vor allem mit dem Gewinnen. In einem Boxspiel sieht es meistens so aus, dass sich zwei Leute, die nebeneinander vor dem Monitor sitzen, auf die Fresse hauen und derjenige sich freut, der am Ende als Sieger dasteht. Das ist dann natürlich mehr Sport als Kunst. Wirkliche Kunst sind in so einem Fall vielleicht eher die Bilder, die man auf dem Fernseher zu sehen bekommt. Da wird versucht, eine ganze Welt virtuell darzustellen. Von außen betrachtet mögen solche Kampfspiele hohl wirken, wie dumpfe Brutalität. Aber das Thema „Gewalt“ findet man auch in klassischen Künsten. jetzt.muenchen: Euer Verein sagt, dass über Computerspieler viel Unsinn verbreitet wird. Was meint ihr genau damit? Tobias: Die Leute sitzen heute einfach nicht mehr den ganzen Tag vor ihren Konsolen und zocken Spiele. Vielmehr schiebt man ganz oft nur zwischendurch einmal ein Spiel ein, um abzuschalten. Wer zum Beispiel gerade keine Lust hat, sich mit großen Algebraformeln zu beschäftigen, entspannt zwischendurch beim Computerspielen. jetzt.muenchen: Aber Spielehersteller werben doch mit besonders langer Spieldauer – 100 Stunden und mehr. Das ist doch nichts für zwischendurch. Tobias: Es ist eben ein Anspruch vieler Leute, dass sie für die 60 Euro, die ein Spiel heute kostet, für eine gewisse Zeit etwas geboten bekommen. Da muss man als Hersteller einfach genügend Levels liefern. Du wirst nicht dazu gezwungen, ein Spiel komplett durchzuspielen. Aber wer genug Zeit hat, für den ist das doch toll: Ich habe 60 Euro für 100 Stunden Unterhaltung bezahlt. Das ist doch ein fairer Deal. jetzt.muenchen: Siehst du Videospiele als Alternative zu einem guten Buch? Tobias: Ja klar. Ich denke, dass viele von uns, so im Alter von zwanzig Jahren, häufiger PC spielen oder an der Konsole sitzen, als dass sie mit Büchern in der Gegend herumlaufen. jetzt.muenchen: Und das ist gut so? Tobias: Es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich mit Computerspielen auseinanderzusetzen. Bücher und Videospiele ersetzen sich natürlich nicht. Es ist die freie Entscheidung jedes Menschen, ob er lieber ein Buch lesen will oder ein Spiel spielen möchte. Beides wird es in den nächsten hundert Jahren noch geben. jetzt.muenchen: Können Videospiele auch bilden? Tobias: Ja, das ist bislang nur wenigen Leuten bekannt. Es gibt einen Ableger unter den Videospielen unter dem Namen „serious games“. Da geht es darum, mit der Software zu schulen. Das ist nicht zu verwechseln mit Lernsoftware, weil es nicht darum geht, dass du Mathematik am PC beigebracht bekommst. Das Spiel steht immer noch im Vordergrund. Es gibt zum Beispiel „serious games“ für Mediziner, die dann spielerisch lernen können, wie man operiert. jetzt.muenchen: Ihr werdet durch die IDG Entertainment Media GmbH finanziert, die auch die Zockerzeitschriften „GameStar“ und „GamePro“ herausgeben. Wie objektiv könnt ihr als Lobbyisten überhaupt sein? Tobias: Wir betreiben keine Lobbyarbeit. IDG zahlt auch nicht so viel Geld an uns, dass wir uns bei denen einschleimen müssten. Wir haben weitere Veranstaltungen geplant und wollen uns nicht nur über Werbeschaltungen finanzieren. Das würde dann nämlich schon darauf hinauslaufen, dass wir Lobbyarbeit betreiben müssten.

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