Fußball und Coolness schließen sich aus

„Ich liebe den Fußball am Samstag“ – in den Songs von Superpunk aus Hamburg geht es immer wieder um 22 Spieler, zwei Tore und einen Ball. Grund genug, im WM-Jahr 2006 mal mit ihnen darüber zu sprechen. Vor ihrem Konzert im Kölner Blue Shell geben Tim Jürgens (Bass) und Carsten Friedrichs (Gitarre, Gesang) Auskunft über den HSV, Klinsi und WM-Wirbel.
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Illustration: Julia Schubert

Man wundert sich, wenn man hört, ihr seid HSV-Fans. Bei der Kombination Hamburg und Rockmusik tippt man rein Klischee-mäßig auf St. Pauli. Carsten: St. Pauli war früher nicht so der Bringer. Der HSV war aber Anfang der 80er die beste Mannschaft Europas. Da hat Kevin Keegan gespielt. Das war geil, da ist man immer hin. Aber ist St. Pauli nicht viel cooler? Carsten: Wer so denkt, ist borniert bis zum Geht-nicht-mehr. Was soll denn bitte cool daran sein, einen braunen Kapuzenpulli mit Totenkopf zu tragen? Tim: Diese Wahrnehmung Gut gegen Böse kommt ja von außerhalb. Ist in München ja auch nicht anders. Carsten: Außerdem – Fußball und Coolness schließen sich ja per se aus. Wenn Pauli im Pokal-Halbfinale gegen Bayern spielt, für wen seid ihr dann? Carsten: Ich bin für Bayern, die finde ich gar nicht mehr so unsympathisch. Mit der Zeit lässt der Hass nach. Außerdem, dieses Aufgeblasene, das find ich geil. In jedem zweiten Eurer Texte kommt Fußball vor. Ist er für euch so wichtig? Carsten: Wir haben das als Masche angefangen, wollten bodenständig rüberkommen. Fußball ist erdig, Arbeiterklasse, damit kommen wir gut an, dachten wir. Tim: Für mich war Fußball der erste Impuls von Öffentlichkeit, den ich in meinem Leben wahrgenommen habe. Bis ich neun Jahre alt war, wollte ich Fußballer werden. Mein entscheidendes Fußballerlebnis war das Spiel Deutschland-Frankreich 1982. So ein Herzklopfen hatte ich bis dahin noch nie erlebt. 3:1 hinten in der Verlängerung, und die packen das noch. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen einer Fußballmannschaft und einer Band? Tim: Toni Schumacher hat gesagt: Nicht elf Freunde, sondern elf Profis müsst ihr sein. Das gilt für eine Band, die über lange Zeit zusammenspielt, sicher nicht. Ich mag nicht das Wort Kameradschaft verwenden, aber der Mannschaftsgedanke ist für eine Band schon wichtig. Dürfen denn Leute, die wir ihr singen: „Ich bin ein Punk, ich bin ein Proll, ich bin ein Fußballfan“ überhaupt noch in die schicken modernen Arenen? Carsten: Ich hatte noch keine Probleme. Tim: Die Frage hat ja einen Unterton. Viele können sich das ja gar nicht mehr leisten. 1998 hat die Dauerkarte für den HSV so im Schnitt 80 Mark gekostet. Jetzt kostet sie 240 Euro. Fußball war ja immer eine gute Gelegenheit, sich ein bisschen daneben zu benehmen, die Gegner zu beschimpfen . . . Carsten: Das finde ich unsachlich. Die Gegner sind doch Sportsfreunde. Außerdem sind das die Schweine nicht wert.

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Illustration: Julia Schubert

"In der Kneipe ist immer so Stimmung (Fotos: Stefan Malzkorn) Thema WM: Die Tickets wurden übers Internet verkauft, man muss viele Informationen über sich geben, und kann die Karten nicht übertragen. Ein gutes Mittel gegen Schwarzhändler und Hooligans? Tim: Das ist ein Witz. Da musst du dich um Tickets bewerben, die du sowieso nicht kriegst. Wenn du Glück hast, gehst du dann zu Saudi-Arabien gegen Costa Rica, und musst ein Schweinegeld dafür bezahlen. Zu wem soll ich denn da halten? Klar, ich kann sagen ich habe internationalen Fußball gesehen und ein schönes Spiel. Das ist doch alles Quatsch. Wie findet ihr die Stimmung im Vorfeld der WM? Es gibt ständig neue Magazine wie „Player“ und „rund“, auch in den Feuilletons ist Fußball angekommen. Carsten: Ich weiß, das klingt altmodisch, aber: Wenn etwas alle interessiert, interessiert es mich schon gar nicht mehr. Wenn jetzt Schriftsteller anfangen, zwischen Fußball und Politik Parallelen zu ziehen, das geht doch an der Sache vorbei. Das langweilt. So, als ob es jeden Tag Schnitzel gäbe und irgendwann kann man es nicht mehr sehen? Tim: Es gibt noch nicht mal Schnitzel. Es riecht nur danach. Bücher riechen nach Schnitzel, die Zeitungen riechen nach Schnitzel, Musik auch. Alles riecht nach Schnitzel. Carsten: Mir kommt es vor, als wäre verordnet, alle müssen wegen der WM ausflippen, und jetzt ziehen das alle knallhart durch. Und hinterher sagt man: „Ach, war auch Scheiße.“ Tim: Ist auch eine Altersfrage. Wenn man 30 ist, hat man auch mal mit Arbeit zu tun, oder sogar mit Frauen. Da ist Fußball nicht mehr so wichtig wie mit 29. Sportfreunde Stiller machen ein WM-Album. So etwas wäre also nichts für euch? Tim: Wir hatten eine Anfrage, auf einem Sampler mitzumachen, auf dem nur geile Fußballsongs drauf sein sollten. Das hab ich den Jungs von der Band gar nicht mitgeteilt. Wer bestimmt denn, was ein geiler Fußballsong ist? Beckenbauer und Egidius Braun aus der Gruft? Und MV und der Hockeytrainer müssen auch mitmachen. Die Song-Findungs-Kommission also. Da wären wir schon beim nächsten Thema. Ist Klinsmann ein Bäckersohn, der in Amerika Powerpoint gelernt hat, oder der dringend benötigte Reformator des deutschen Fußballs? Carsten: Ich vertraue dem kein bisschen. Wenn ich was zu sagen hätte, müsste der Trainer ein alter Kettenraucher mit rotem Gesicht sein. Was nur in die gefahren ist, einen ohne Erfahrung zu holen, der Klinsmann hat nicht mal einen Zweitliga-Klub trainiert. Tim: Hat sich nie bewährt, einen ohne Erfahrung zum Teamchef zu machen, was? Carsten: Ach ja, Beckenbauer 1990. Aber Jörg Berger wär trotzdem besser. Wie weit kommt die deutsche Elf? Carsten: Ich würde mich freuen, wenn die in der Vorrunde rausfliegen. Tim: Ich würde mich nicht freuen. Aber ich glaube, im Achtelfinale droht schon England. Und ich schätze, da ist dann Schluss, jetzt sind die mal dran. Es sagen zwar alle: „Mit Deutschland musst du immer rechnen“, aber ich glaube, mit denen musst du gerade gar nicht rechnen. Früher haben die sich richtig gewehrt, das ist schon lange nicht mehr so. Was macht ihr während der WM? Tim: Auf Tour sind wir jedenfalls nicht, bei dem Ausnahmezustand kann man ja nirgends spielen. Also in der Kneipe wahrscheinlich. Carsten: Ich guck zu Hause, wie immer. In der Kneipe ist immer so Stimmung. Welchen Spieler würdet ihr gerne mal mit auf Tour nehmen? Carsten: Toni Schumacher als Fahrer wäre ganz unterhaltsam. Tim: Oder Walter Frosch. Der raucht viel, der würde sich ganz gut einfügen. Auf Tour wird nämlich viel geraucht. Der dürfte dann die Platten verkaufen. Oder Charly Dörfel. Der kann so gut Schweine nachmachen. Wenn ihr wählen könntet: Nummer Eins-Hit oder HSV-Meistertitel? Carsten: Nummer-Eins-Hit, ganz klar. In dem Fall: Scheiß auf den HSV. Dieser Text stammt von der POP-Spezialseite, die am Dienstag 14.2.2006 in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Hier kannst du die komplette Seite als PDF ansehen.

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