Nur zweimal sagt D-Bo „ficken“. Das Wort „Hure“ fällt einmal. „Schwanz“ kommt gar nicht vor. „Meine Mutter würde mir eine schmieren, wenn ich so dreckig rappen würde wie die anderen“, sagt er und nimmt einen Schluck Kakao.

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Foto: © Robert Schultze Sanft sympathisch ist er, dieser Danny Bokelmann alias D-Bo aus Northeim, Niedersachsen. 29 ist er, gut sieht er aus und Gedanken macht er sich: Darüber, dass es langsam an der Zeit wäre, eine Familie zu gründen. Ist ja schließlich bald 30. Aber zur Zeit läuft alles bestens: Album fertig, tolle Freundin und eine anständige Wohnung. Coole Freunde hat er auch. Bushido zum Beispiel. In dieser Woche erscheint D-Bos viertes Album „Sans Souci“. Die gleichnamige Single schaffte es auf Anhieb auf Platz eins der TRL Urban Charts bei MTV. „Ohne die Unterstützung von Bushido wäre das alles nicht möglich gewesen“, sagt er. Beten statt Saufen Die zwei trafen sich 1999, da war Bushido noch nicht in der Bravo oder bei The Dome. Zusammen gründeten sie das Label „I luv Money Records“. 2002 ging Bushido dann zu Aggro Berlin, um es zwei Jahre später im Streit (=„Beef“) wieder zu verlassen. Beef haben Bushido und Aggro Berlin bis heute. 2004 gründete Bushido sein eigenes Sub-Label namens „Ersguterjunge“ und holte D-Bo nach Berlin. Dort arbeitet er seitdem für das Label und hat auch wieder begonnen, selber zu rappen. Nur eben nicht über Schwänze, Nutten und Drogen. Um Politik geht es auch nicht. Tja, um was dann? D-Bos Texte sind so etwas wie die Befindlichkeitsaufnahmen eines jungen Menschen mit sporadisch auftretenden depressiven Verstimmungen. Es geht ums Leben und seine Träume, ums Ganze also. In „Sans Souci“ rappt er über seine Kindheit, und darüber, wie einfach damals alles war: „Kennst du noch das Gefühl wo du klein warst, Alle und deine Mama dir zu jeder Frage ,nein’ sagt, Bo dir wars noch nich mal peinlich wenn du einfach so geweint hast.“ D-Bos Texte sind introvertiert und sehr persönlich. Das ist ein Novum nach einer halben Dekade, in der deutscher Rap aus Berlin ausschließlich um den Dreiklang Nutten, Koks und Gangbang kreiste. Das verdient Aufmerksamkeit. Denn irgendwie lässt einen der Verdacht nicht los, dass dieser melancholische Rap-Paolo-Coelho sein Inneres stellvertretend für alle Berliner Rapper offenbart. Dass all die Orgasmus-Könige, Sultan-Hengste und Bushidos gar nicht so wild sind, wie sie tun. Dass sie eigentlich ganz nette Jungs sind, die nur ein bisschen Geld verdienen wollen. Harte Schale, weicher Kern, auch Gangster machen manchmal Gedöns. D-Bo wuchs in einer niedersächsischen Kleinstadt auf. Früher einmal war er Basketball-Trainer für Jugendliche. Er hatte Verantwortung. Verantwortung, die man Bushido und Konsorten, angesichts der Tatsache, dass das Gros ihrer Fans im Bravo-Lesealter ist, eigentlich auch nicht ganz absprechen kann. „Künstlerische Freiheit“, sagt D-Bo. „Da rede ich Bushido nicht rein. Die Texte spiegeln letztlich doch auch nur die Gesellschaft wider. Nur mein Ding ist das halt nicht.“ Drogen nimmt D-Bo auch nicht. Zigarette? Da könne man sich ja gleich ein Messer in die Kehle rammen. Alkohol? Noch nie probiert. Kaffee? Auch nicht, so halt. Jesus!? „Von Kirche und Papst halte ich zwar nicht so viel, aber ich bin sehr gläubig und bete täglich.“ Kommt jetzt etwa die große, lang und sehnsüchtig erwartende Wende im deutschen Hip-Hop? Hat es sich etwa ausgearschfickt? Und ist D-Bo so etwas wie ein Prophet? Weichei-Prophet „Manchmal werde ich schon als Weichei beschimpft“, sagt er und lächelt ein Schwiegersohnlächeln. „Aber ich mache Musik für die Menschen, die mit der ewig immer noch härter werdenden Szene unzufrieden sind und wenn mich Leute kennen lernen und sehen, dass ich wirklich so bin, respektieren sie mich auch dafür.“ Nun liegt einem noch ein böser Satz in den Fingern. Aber den verkneift man sich. Weil D-Bo wirklich nett ist, weil er gut ist für die ganz Jungen und die vielleicht endlich mal checken, dass es in Deutschland gar kein Ghetto gibt. Und weil man über seine Musik noch gar nichts geschrieben hat. Muss man auch nicht.