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Foto: boing / photocase.de

Hinweis der Redaktion: Um die Protagonisten zu schützen, haben wir Namen, Alter, Herkunft sowie die Gründe für die Verfolgung im Herkunftsland verfremdet.

"Wo hatten Sie das erste Mal Geschlechtsverkehr?“ Als der Beamte der Ausländerbehörde Toms Zögern auf die Frage bemerkt, hakt er nach: „Wie haben Sie verhütet?“ Tom tut so, als würde er versuchen, sich zu erinnern. Tatsächlich überlegt er, was Sina, die in einem anderen Raum gerade das gleiche gefragt wird, wohl antwortet. Je länger die Stille, desto misstrauischer wird sein Gegenüber werden. „Bei mir“, sagt Tom. „Wir haben ein Kondom benutzt.“Es war die richtige Antwort. Jedenfalls war es die gleiche, die auch Sina gegeben hat. Das war großes Glück, denn Sina und Tom haben noch nie miteinander geschlafen. Und trotzdem haben sie geheiratet.

„Nicht aus Liebe“, sagt Sina und Tom ergänzt: „Aber ich finde, unser Motiv war genauso wichtig und ehrenwert.“ In ihrer Heimat wird Sina gesellschaftlich geächtet und hätte sich prostituieren müssen, um zu überleben. Um in Deutschland Asyl zu erhalten, muss man allerdings nachweisen, dass man politisch verfolgt wird - ohne die Hochzeit wäre Sina also abgeschoben worden. Die beiden etwa 30-Jährigen sitzen jetzt am Küchentisch in der gemeinsamen Wohnung. Zumindest ist es die Wohnung, in der sie zusammen gemeldet sind. Eigentlich wohnt Tom hier alleine und Sinas Zahnbürste im Bad, Sinas Bettwäsche im Schlafzimmer und Sinas Schuhe im Hausflur sind nur eine Inszenierung.

Drei Buchstaben machen einen großen Unterschied

So wie überhaupt ihre ganze Ehe inszeniert ist. Spricht man mit Standesbeamten oder Ausländerbehörden darüber, hört man die Bezeichnung „Scheinehe“. Tom macht das wütend: „Viele vermeintlich echte Ehen sind mehr Schein als unsere. In Deutschland wird aus vielen Gründen geheiratet und Liebe ist nur einer davon.“ Tom nennt seinen Bund mit Sina lieber „Schutzehe“. Drei Buchstaben, die für ihn einen großen Unterschied machen: „Unser Ja-Wort hat Sina vor der Abschiebung und einem ungewissen Schicksal in ihrem Heimatland gerettet.“

Bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe drohen Deutschen, die Geflüchtete nur heiraten, um ihnen ein Bleiberecht zu verschaffen, und damit den Straftatbestand „Einschleusen von Ausländern“ erfüllen. Tatsächlich bleibt es meist bei einer Geldbuße. Viel schwerwiegender sind die Folgen für die ausländischen Partner: Wenn ein Richter urteilt, dass keine „eheliche Lebensgemeinschaft“ besteht, erlischt der Schutz, den das deutsche Grundgesetz dafür vorsieht. Die Aufenthaltserlaubnis verliert ihre Gültigkeit und die Abschiebung ins Heimatland wird eingeleitet.

"Generalverdacht" gegenüber binationalen Ehen

„Letztendlich war es gar kein so großes Risiko“, sagt Sina, während sie drei Tassen auf den Tisch stellt. „Selbst wenn wir aufgeflogen wären – mit einem guten Anwalt wäre Tom wohl ohne Vorstrafe davongekommen. Und ich hatte eh nichts zu verlieren. Meine Familie hat mich verstoßen, alleine hätte ich keine Chance gehabt.“ Obwohl Sina nicht bei Tom wohnt, bewegt sie sich, als wäre sie hier zu Hause. Sie weiß, wie die Kaffeemaschine funktioniert und wo die Zuckerdose steht. „Nach unserer Hochzeit haben wir in der ständigen Angst gelebt, dass Mitarbeiter von der Ausländerbehörde vorbeikommen und uns kontrollieren“, sagt sie. „Wenn ich dann erst mal Tom hätte fragen müssen, wie man mit diesem Ding da einen Espresso macht, hätten wir uns ja gleich selbst anzeigen können.“

Ihre Sorge ist begründet. Bei binationalen Ehen sind Ausländerbehörden häufig misstrauisch. „Ich würde das durchaus als Generalverdacht bezeichnen“, sagt Hiltrud Stöcker-Zafari, die Bundesgeschäftsführerin des Verbands binationaler Partnerschaften. Standesbeamte dürfen keinen Trauschein ausstellen, wenn es Anzeichen auf eine sogenannte Scheinehe gibt. „Innerhalb der Behörden gibt es Kriterien, wann man besonders genau hinschauen sollte. Wenn etwa ein großer Altersunterschied besteht oder das Paar auf eine schnelle Eheschließung drängt, sind Sachbearbeiter angehalten, eine Schutzehe auszuschließen.“ Dafür können die Standesbeamten selbst getrennte Befragungen der beiden Ehepartner durchführen oder die Ausländerbehörde einschalten.

Wie viele sogenannte Scheinehen in Deutschland geschlossen werden, lässt sich nicht exakt sagen. Die Bundespolizei und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erklären sich für nicht zuständig, die lokalen Ausländerbehörden kennen keine bundesweiten Zahlen. Der Polizeilichen Kriminalstatistik zufolge haben im Jahr 2013 322 Personen durch Scheinehen ein Visum bekommen, 329 eine Aufenthaltserlaubnis oder Niederlassungsbefugnis. Zu diesen etwa 650 polizeibekannten Fällen kommt aber noch eine schwer zu schätzende Dunkelziffer.

Das Ja-Wort war ein komisches Gefühl

Manche binationale Paare bekommen schon auf dem Standesamt Probleme. „Das war bei uns ganz anders“, sagt Sina. „Die Standesbeamtin war total herzlich, von Misstrauen keine Spur. Ich glaube, sie hatte selbst einen Migrationshintergrund und offensichtlich keine Lust, in unserem Privatleben herumzuwühlen.“ Vielleicht hatten sich Sina und Tom aber auch nur besonders gut vorbereitet und mit ihrem Auftreten mögliche Zweifel im Keim erstickt.   Auch bei der Hochzeit selbst lief alles glatt: „Wir haben im kleinen Kreis gefeiert“, sagt Tom. „Alle Gäste waren eingeweiht, auch meine Eltern. Der Standesbeamtin mussten wir natürlich trotzdem etwas vorspielen. Deshalb haben wir vorher zusammen Ringe gekauft und ein Kleid ausgesucht. Der Kuss und das Jawort haben sich schon komisch angefühlt, aber ich glaube, als Schauspieler machen wir uns ganz gut.“ Wenn man sieht, wie die beiden zu zweit das Haus verlassen oder Hand in Hand über den Weihnachtsmarkt schlendern, wirken sie zwar nicht unbedingt frisch verliebt, aber doch vertraut.

Diese gemeinsamen öffentlichen Auftritte sind immer noch nötig: Mehrfach hätten nach der Heirat Mitarbeiter der Ausländerbehörde bei ihnen geklingelt, sagt Tom. „Beim ersten Mal war ich alleine zu Hause und habe sie abgewimmelt. Die hatten ja keinen Durchsuchungsbeschluss, da muss ich niemandem die Tür aufmachen. Allerdings haben mir Freunde dann erzählt, dass man eher in Ruhe gelassen werde, wenn man möglichst gutgläubig auftritt, so nach dem Motto: ‚Wir haben nichts zu verbergen. Kommen Se rinn, da können Se raus kieken!‘ Als sie dann das nächste Mal vor der Tür standen, haben Sina und ich eine kleine Wohnungsführung gegeben.“

Obwohl Sinas Schminke im Bad steht, obwohl ein Buch mit Lesezeichen auf ihrem Nachttisch drapiert ist – „habe ich noch nie aufgeschlagen, das liegt da seit Monaten“ – obwohl sie einen eigenen Kleiderschrank hat, blieben die Beamten skeptisch. Getrennte Befragungen wolle man durchführen, um letzte Zweifel auszuräumen. „Da sind wir dann schon nervös geworden“, gibt Tom zu, „eigentlich war alles perfekt inszeniert, wir hatten ja auch schon jede Menge Übung im Ehepaar-Spielen. Und trotzdem sollten wir noch mal einzeln auf der Behörde vernommen werden. Was haben wir falsch gemacht?“

Mit einer Heirat ein Leben verändern

Vermutlich gar nichts. Nicht ihr Verhalten hat Sina und Tom verdächtig gemacht, sondern die Umstände der Heirat. Während seiner Studienzeit hat sich Tom in der antirassistischen Szene engagiert und immer wieder für die Rechte von Geflüchteten demonstriert. „Als ich dann in ein anderes Bundesland gezogen bin, wollte ich mehr tun, als ein paar Mal im Jahr mit einer Sitzblockade eine Abschiebung hinauszuzögern. Das deutsche Asylrecht kann ich alleine nicht verändern – das Leben einer Geflüchteten aber schon.“ Über Freunde lernte Tom Sina kennen, deren Asylverfahren gerade lief. Die Chancen standen schlecht, ohne Toms Hilfe wären ihr vermutlich nur noch wenige Wochen in Deutschland geblieben. Die schnelle Hochzeit kam der Abschiebung zuvor. Diese Anhaltspunkte machen Ausländerbehörden grundsätzlich misstrauisch.

Weil es keine harten Kriterien gibt, wann eine Ehe eine Scheinehe ist, untersuchen die Behörden das Lebensumfeld des Ehepaares, als Ultima Ratio warten die getrennten Befragungen. „Dafür haben wir uns die Listen besorgt, mit denen sich die Beamten vorbereiten“, sagt Tom. „Diese Fragebögen bekommt man in der linken Szene oder man sucht sie sich im Netz. Die sind wir gemeinsam durchgegangen, so wie man für eine Führerscheinprüfung lernt.“ Sina wusste danach, dass sich Tom ausschließlich nass rasiert, und sie einigten sich, wer auf welcher Bettseite schläft. Nur die Frage nach dem ersten Mal traf sie unvorbereitet: Doch anscheinend sind Sina und Tom gute Schauspieler: „Das war eine ekelhafte Situation. Du weißt: Wenn du jetzt was anderes sagst als Tom, dann sitzt du in ein paar Wochen im Flugzeug. Aber irgendwer oder irgendetwas wollte wohl, dass ich in Deutschland bleibe“, sagt Sina.

Seitdem haben Sina und Tom nichts mehr von der Behörde gehört. Sie achten immer noch darauf, dass die Wohnung auch für einen spontanen Besucher aussieht wie die eines Ehepaares, doch die ständige Anspannung hat nachgelassen. Sina lebt in ihrer WG und besucht Tom nur noch gelegentlich. Bei einem normalen Paar würde man sagen: Sie haben sich auseinandergelebt, jetzt folgen die Trennung und das Feilschen um den gemeinsamen Besitz. Bei Sina und Tom ist das Gegenteil der Fall: „Ich bin so froh, dass ich Sina kennengelernt habe. Denn mittlerweile sind wir richtig gute Freunde geworden.“

Freundschaft ja, Liebe nein

Wird aus der Schutzehe also doch noch eine Liebesehe? „Oh Gott, nein!“, sagt Sina. „Das würde alles viel zu kompliziert machen. Wir kennen einen Fall, wo das passiert ist – und es hat kein gutes Ende genommen. Sie haben sich erst verliebt, nach einem Jahr wieder getrennt und dann wurde plötzlich klar, wie ungleich die Machtverhältnisse in der Beziehung sind.“ Erst nach drei Jahren Ehe erwirbt man das Recht auf einen dauerhaften Aufenthaltstitel in Deutschland. Wenn sich die deutsche Freundin hätte scheiden lassen, wäre ihr ausländischer Partner wohl abgeschoben worden. „Die Beiden haben sich dann zum Glück zusammengerauft und mit der Scheidung noch so lange gewartet, bis er die Aufenthaltsgenehmigung beantragen konnte. Aber dieses Beispiel hat uns abgeschreckt. Freundschaft ja, Liebe nein, das haben wir einander versprochen.“

Wirksamer als dieses Versprechen dürfte die Tatsache sein, dass Tom inzwischen eine deutsche Freundin hat. „Das macht es für uns einfacher“, sagt er. So harmonisch die Beziehung zwischen Sina und Tom auch wirkt, scheiden lassen wollen sie sich trotzdem. „Natürlich bedeutet das noch mal jede Menge lästigen Papierkram“, sagt Tom. „Aber vielleicht will einer von uns ja später richtig heiraten. Eigentlich war ich mir immer sicher, dass ich keine Lust auf dieses ganze Brimborium habe. Aber bei unserer Hochzeit habe ich gemerkt, wie schön so ein Fest mit Freunden und Tanzen und Torte sein kann. Ich glaube, das möchte ich noch mal erleben – und Sina wird dann meine Trauzeugin.“

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