Gekommen, um zu schuften

Die Wiesn zieht nicht nur Feiernde an, sondern auch Arbeitstiere. Sie braten Hendl, schleppen Krüge, laden Luftgewehre. Und haben alle ihren ganz besonderen Wiesnmoment.
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Illustration: Julia Schubert


Siegfried Kaiser Junior, 29 Jahre, feiert in diesem Jahr mit einer Wildwasserbahn Premiere als Besitzer eines Fahrgeschäftes

„Meine Eltern und Schwestern sind auch mit Fahrgeschäften auf der Wiesn, und seit diesem Jahr habe ich meine eigene Wildwasser-Raftingbahn Rio Rapidos. Es war eine große Investition, aber das Gefühl ist einfach toll, auch wenn ich schon sehr aufgeregt bin. Vor allem die Aufbauphase vor Beginn der Wiesn ist unglaublich stressig: Alle paar Minuten klingelt das Telefon, ich muss einen Kran organisieren oder mich um den TÜV kümmern. Außerdem lebe ich in diesem Job fast das ganze Jahr im Wohnwagen. Aber ich liebe die Atmosphäre hier, die ist besser als in jedem Bürojob. Ich bringe Menschen dazu, Spaß zu haben und einfach mal abzuschalten. Was gibt es Schöneres? Jetzt muss eigentlich nur das Wetter halten, dann ist meine Wiesn-Premiere perfekt!“

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Illustration: Julia Schubert


Anja Kraus, 27 Jahre, hat ihre eigene Schießbude

„Mit fünf Jahren habe ich am Stand meiner Eltern das Schießen gelernt, und das hat so viel Spaß gemacht, dass ich nach dem Abitur den Stand selbst übernommen habe. Klar muss man jedem Kunden das Gleiche erklären, aber das ist Routine und gehört zum Job. Man muss nur immer gut aufpassen, dass man keinen Querschläger abbekommt. Bisher bin ich zum Glück verschont geblieben! Ansonsten kann es zwischendurch sehr anstrengend werden, pro Tag bin ich 15 Stunden im Stand und werde nur für Toiletten-Pausen oder ein sehr schnelles Mittagessen abgelöst. Wirklich viel bekomme ich da vom Rest der Wiesn nicht mit. Wenn ich Feierabend habe, sind die Zelte schon alle zu. Aber dieser Stand ist einfach mein Traum, da nehme ich das gern in Kauf!“
 



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Illustration: Julia Schubert


Pierre Schmid, 29 Jahre, verkauft in der Hühnerbraterei „Ammer“ Hendl

„Auch wenn die Arbeit am Grill echt hart ist – es gibt einfach so viele schöne Erlebnisse. Ich habe zum Beispiel seit einigen Jahren eine treue Stammkundin, eine ältere Dame, die immer bei mir einkauft. Mit der esse ich dann immer ein Stück Ente, das ist zwischen uns beiden zur Tradition geworden. Und auch sonst kommen wirklich viele nette Leute, nur bei den Betrunkenen ist es oft ein bisschen schwieriger, da muss man manchmal dreimal nachfragen, bis man versteht, was sie nun haben wollen. Ganz besonders freue ich mich jedes Jahr auf den letzten Wiesn-Tag: Zum Abschluss wird der letzte Hendl-Spieß, den wir braten, richtig schön garniert und feierlich durchs Zelt getragen.“

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Illustration: Julia Schubert


Julia Kollmann, 22 Jahre alt, arbeitet beim Autoscooter

„Das Schönste für mich ist, dass die Leute alle mit einer positiven Einstellung kommen. Die Kinder fahren immer alle ganz aufmerksam und wollen den Eltern zeigen, wie toll sie das schon können. Bei den betrunkenen Gästen läuft es schon immer chaotischer ab. Besonders lustig wird es, wenn sie sich schon bei der Aufteilung der Autos untereinander nicht einig werden können. Es ist einfach alles in allem schön, hier auf dem Oktoberfest arbeiten zu können. Bisher war ich schon mit einem eigenen Schießstand und einer Crêpes-Bude auf der Wiesn, und mit ein bisschen Glück bekomme ich dieses Jahr auf den letzten Drücker auch wieder die Genehmigung für meinen Crêpes-Laden, wenn die kürz vor Beginn die letzten Plätze vergeben werden, die zwischen den Zelten und den großen Ständen noch übrig sind. Daumen drücken!“



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Illustration: Julia Schubert


Bratislav Denkovic, 28 Jahre, arbeitet als Kellner im Schützen-Festzelt

„Ich bin mittlerweile seit fünf Jahren dabei. Für mich ist die Wiesn das Highlight des Jahres, auch wenn ich in dieser Zeit wie in Quarantäne lebe. Mal eben einen Kaffee trinken gehen geht gar nicht, man arbeitet, isst und schläft. Die Arbeit macht wahnsinnig Spaß, kann aber auch richtig anstrengend werden: Betrunkene Leute, immer die gleiche Musik und dann die 1,30 Meter langen Tabletts, die wir durch die vollgestopften Gänge tragen. Da muss man gut aufpassen, dass man die den Leuten nicht der Reihe nach gegen den Kopf haut. Aber es lohnt sich: Am Ende der Wiesn geht man mit 5 000 bis 6 000 Euro nach Hause. Am schönsten ist jedes Jahr der letzte Tag: Zum Abschluss der Wiesn gehen im ganzen Zelt die Lichter aus, jeder Gast bekommt eine Wunderkerze und es ist einfach eine Wahnsinnsstimmung. Zu der Zeit haben wir Kellner auch schon alle abkassiert und klettern dann unters Zeltdach ins Gebälk – von dort hat man einen tollen Ausblick. Dann kommt die Abschiedsmusik, und man fühlt sich einfach nur noch erleichtert und genießt die letzten schönen Minuten!“

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Illustration: Julia Schubert


Sandra Bretz, 22 Jahre alt, verkauft gebrannte Mandeln

„Ich war zum ersten Mal als Säugling auf der Wiesn, da hat meine Mama mich neben den Mandelsäcken gestillt. Mittlerweile kenne ich die meisten Leute, die hier arbeiten, das ist wie eine große Familie. Im Zelt bekomme ich was zu essen, und Fahrgeschäfte kann ich auch immer fahren. Allerdings habe ich dafür meistens gar keine Zeit. Es gibt immer irgendwas zu tun, immerhin beliefern wir auch andere Stände. Das Schöne ist, dass man zwischendurch immer auch mal Naschen kann, ich kann von den Mandeln gar nicht genug bekommen! Abwechslung gibt’s immer dann, wenn meine Freunde vorbeikommen: Die finden meinen Job total spannend und fragen mich oft drüber aus.“

Text: julia-siedelhofer - und Verena Kuhlmann

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