Gescannte Brüste

Münchner Kneipenkunst, Folge 7: Hatte jemand Angst, dass das neue X-Cess nicht werden würde wie das alte? Mit der "Tittentapete" ist ein wichtiger Schritt getan
verena-kuhlmann

Wer X-Cess hört, denkt an Gedränge und überschwappende Biergläser. An Schmierereien an der Wand. An Sofas von der Müllkippe, die unter tanzenden Menschen zusammenbrechen. Und an die Tapete hinter dem DJ-Pult, die längst den Namen „Tittentapete“ bekommen hat. Auf grünem Hintergrund reckten sich im alten X-Cess in der Kolosseumstraße schöne runde Brüste den Gästen entgegen, die Nippel zeigten in unterschiedliche Richtungen. Ein Gast hatte die Tapete mit dem beliebten Motiv irgendwann mitgebracht und an die Wand geklebt. Seitdem gehörte sie eben dazu.

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Illustration: Julia Schubert



Schon immer hat Wirt Isi Yilmaz versucht, seine Gäste in die Gestaltung seiner Bar einzubeziehen. Wenn jemand was an die Wand geschrieben hat, blieb das dort stehen, gestrichen hat Isi nie.

Ein Jahr lang mussten die Stammgäste warten, bis das X-Cess im April in der Sonnenstraße wieder eröffnete. Im Mai vergangenen Jahres hatte das X-Cess seine alte Heimat im Glockenbachviertel schließen und umziehen müssen. Die Gäste erwarteten die Wiedergeburt voller Ungeduld. Kaum ein Tag ohne Eintrag auf der Facebook-Seite, E-Mails in Isis Postfach oder drängelnde Anrufe. Und alle hatten sie nur eine Frage: Wann und wo macht das X-Cess wieder auf? Aber trotz aller Vorfreude mischte sich auch immer ein bisschen die Angst dazu, dass nichts mehr so sein würde wie früher. Dass sich die Seele des X-Cess nicht einfach so in einen neuen Laden transplantieren lässt.

Deswegen waren kurz nach der Eröffnung viele vom neuen Look in der Sonnenstraße fast ein bisschen enttäuscht. Die sauberen, frisch gestrichenen Wände und die großen Glasfronten ohne Vorhänge waren so gar nicht typisch für das X-Cess. Auch die alten Sofas fehlten, statt dessen gibt es Sitzgelegenheiten rund um die Mitte des Raumes, der jetzt sogar als kleine Tanzfläche genutzt werden kann. Aber das änderte sich schnell: Ganz nach dem Motto „Jeder, was er kann“ wurden den Gästen Stifte in die Hände gedrückt und als der Laden sich in den frühen Morgenstunden leerte, waren die dunkelroten Wände wieder ganz nach alter Manier mit mehr oder weniger künstlerischen Kritzeleien und Sprüchen übersät. Dort finden sich nun wieder die typischen Herzchen mit Initialen neben Liebeserklärungen an den Wirt und Telefonnummern. Auch die Fenster hat Isi wieder mit dicken Vorhängen verhängt. Sonst hat sich nicht viel verändert, außer, dass man nun einen Stock höher muss, um seine Notdurft zu verrichten und die ebenfalls typischen „Bums-Griffe“ in den Toilettenkabinen zu finden, die Isi auch im neuen X-Cess nicht vergessen hat. Hinter der Bar liegen immer noch haufenweise Lollies für die „Süßies“, wie er alle Mädchen nennt, die Musik legt auf, wer sich in die Liste einträgt, und es herrscht eine familiäre Atmosphäre, auf die Isi sehr stolz ist: „Im X-Cess tolerieren sich alle, jeder wird akzeptiert, bringt sich ein und fühlt sich wohl.“

Doch bei all den erhaltenen Erbstücken, den Lollies, Bildern, Schmierereien, fehlte den Gästen in der Sonnenstraße eines ganz gewaltig: die Tittentapete. „In den vielen Jahren ist sie für alle zu einem Teil, einem Kunstwerk des Clubs geworden“, erzählt Isi. „Die Tapete hat einfach gefehlt – der Club war noch nicht ganz der alte.“

Aber der Gast, der die Tapete mitgebracht hatte, war nicht mehr zu erreichen und im Tapeten-Geschäft findet man ein solches Motiv auch eher selten. Um ihre alte Atmosphäre wieder zu bekommen, haben einige weibliche Gäste sogar angeboten, für eine neue Version der Titten-Tapete Modell zu stehen. Das war Isi jedoch zu heikel: „Am Ende kommen die mit ihren Freunden hier rein und dann gibt es nur Ärger, wenn die die Brüste ihrer Freundinnen nicht erkennen.“

Also hat ein ehemaliger Mitarbeiter sich schließlich Spachtel und Messer geschnappt und fein säuberlich ein Stück aus der Tapete in der Kolosseumstraße ausgeschnitten. Dieses Stück Kunst wurde dann zum Copy-Shop getragen, eingescannt, vervielfältigt und wieder direkt hinter dem neuen DJ-Pult angeklebt. Jetzt sind wieder alle zufrieden – die Gäste und der Wirt – denn das X-Cess hat ein wichtiges Schmuckstück wieder. Mit der Tapete ist auch der letzte unverzichtbare Teil des alten X-Cess in der Sonnenstraße eingezogen und in einem Punkt sind sich Isi und seine Gäste einig: Alles ist wieder wie vor der Zwangspause. An der Stimmung hat sich rein gar nichts verändert – es ist egal, wo der Exzess stattfindet: im Glockenbachviertel oder in der Sonnenstraße.
 
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Text: verena-kuhlmann - Foto: juri-gottschall

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